Zukunft als Hausarzt: Ärztescout bringt Mediziner und Studenten in Thüringen zusammen

Ilmenau/Jena  Viele Hausärzte starten Nachfolgesuche zu spät. Im Rahmen eines Projekts lernen Medizinstudenten aus Jena die Möglichkeiten kennen, im ambulanten Bereich zu arbeiten.

Mit der „Summer School“ besuchten am Dienstag 20 Medizinstudenten die Stiftungspraxis von Christin Grahmann (rechts) in Ilmenau. Vor einem Jahr hat die 35-Jährige dort ihre Tätigkeit als angestellte Hausärztin begonnen, in einem Jahr will sie sich mit der Praxis selbstständig machen.

Mit der „Summer School“ besuchten am Dienstag 20 Medizinstudenten die Stiftungspraxis von Christin Grahmann (rechts) in Ilmenau. Vor einem Jahr hat die 35-Jährige dort ihre Tätigkeit als angestellte Hausärztin begonnen, in einem Jahr will sie sich mit der Praxis selbstständig machen.

Foto: Sibylle Göbel

Jessica Wagner hat sich längst entschieden: Die 22-Jährige, die im neunten Semester in Jena Medizin studiert, sagt, dass sie vom Land kommt und auch wieder aufs Land will. Eine Tätigkeit als Hausärztin kann sie sich sehr gut vorstellen – am liebsten in dem 300-Seelen-Ort nahe Marburg, aus dem sie stammt. Aber das sei kein Muss. „Ich finde, das ist etwas völlig anderes als in einer Klinik“, sagt sie: „Als Hausarzt kennt man auch die Familiengeschichte seiner Patienten, behandelt oft eine Familie von der Oma bis zum Enkelkind. Das gefällt mir, denn ich bin ein Familienmensch.“

Nicht alle der 20 Jenaer Medizinstudenten vom sechsten bis zehnten Semester, die in dieser Woche an der zweiten „Summer School“ zur ambulanten Medizin teilnehmen, haben derart klare Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft. Doch sie wären nicht mit von der Partie, wenn die eigene Niederlassung oder auch eine Tätigkeit als angestellter Arzt in der ambulanten Versorgung für sie nicht zumindest eine Option wären. Seit Montag können sie die Möglichkeiten, die ihnen in diesem Bereich in Thüringen nicht nur, aber auch im ländlichen Raum offenstehen, erkunden und aus erster Hand von den dort tätigen Ärzten erfahren, welche Vor- und Nachteile sie haben.

Beispielsweise von Christin Grahmann, die vor 14 Monaten in Ilmenau, wo der Mangel an Hausärzten besonders groß war, eine sogenannte Stiftungspraxis eröffnete. Anstatt gleich zu Beginn ihrer Selbstständigkeit das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis mit Kosten von rund 80.000 Euro schultern zu müssen, richtete ihr die Stiftung zur Förderung ambulanter ärztlicher Versorgung Thüringen eine Praxis ein und stellte sowohl die junge Ärztin als auch ihre beiden medizinischen Fachangestellten ein. Damit kann sich die 35-Jährige, die den Facharzt für Gynäkologie und den für Allgemeinmedizin in der Tasche hat, ganz aufs Arzt-Sein konzentrieren und sich nach und nach einen Patientenstamm aufbauen, ohne wirtschaftlich sofort unter Druck zu stehen. In knapp einem Jahr, so ihre Vorstellung, wird sie sich so gut eingearbeitet haben, dass sie der Stiftung die Praxis abkaufen kann.

Ärztescout organisiert die Rundreise

An den Fragen, die ihr die Studenten am Dienstag stellten, ließ sich ablesen, dass die meisten eine solche Niederlassungsfahrschule für eine gute Idee halten. Denn beispielsweise mit dem Thema Abrechnung befassen sie sich im ohnehin voll gepackten Studium kaum. Doch in der Praxis eines Hausarztes spielt es natürlich vom ersten Tag an eine große Rolle.

Aktuell, informierte Stiftungsberaterin Antje Görnhardt, betreibt die Stiftung zwei Hausarztpraxen – beide in Ilmenau. Eine davon unterhält inzwischen sogar noch eine Zweigstelle in Gräfenroda, um die Patienten dort vor Ort an einem Tag pro Woche zu betreuen. Sechs Stiftungspraxen wurden bereits an die ehemals angestellten Ärzte übergeben, zuletzt Anfang Juli in Gräfenthal. Der Erfolg ist zwar nicht immer garantiert – eine Stiftungspraxis in Weida musste wieder geschlossen werden, weil sich für die schwanger gewordene angestellte Ärztin kein Nachfolger fand –, doch das ist die Ausnahme.

Denen, die sich die Übernahme einer bestehenden Praxis vorstellen können, legte am Dienstag Peter Hedt, Niederlassungsberater der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen (KV), ans Herz, möglichst frühzeitig Kontakt sowohl zum Praxisinhaber als auch zur KV zu knüpfen. Denn dann ließen sich die Weichen am ehesten in die gewünschte Richtung stellen.

Für den Mittwoch hat Christin Walther einen Besuch im Augenmedizinischen Versorgungszentrum in Erfurt, für Donnerstag einen Tag im Facharztzentrum Sonneberg geplant – jeweils mit der Möglichkeit, im Stationsbetrieb auch praktisch bei kleinen Eingriffen zu assistieren und zu hospitieren. Walther ist als Ärztescout – einem Projekt unter anderem der KV, des Uniklinikums Jena und des Thüringer Gesundheitsministeriums – nicht nur Organisatorin dieser „Summer School“. Sie ist für die Jenaer Medizinstudenten auch Ansprechpartner zu allen Fragen rund um das Thema ambulante Medizin. Sie kennt die Modelle und Förderinstrumente für den Berufseinstieg aus dem Effeff.

Hausärzte starten Nachfolgersuche zu spät - Durchschnittsalter derzeit 55 Jahre

In Thüringen ist derzeit nicht die Zahl freier Arztsitze das Problem, sondern die Tatsache, dass sich viele Ärzte zu spät um die Praxisnachfolge kümmern. So sei erst vor wenigen Tagen bei einem Generationenstammtisch von niedergelassenen Ärzten und Ärzten in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner in Suhl festgestellt worden, dass beide Seiten einander nicht kennen und nichts voneinander wüssten, sagte ein Niederlassungsberater der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) am Mittwoch vor Jenaer Medizinstudenten. Oft begännen die Ärzte erst ein Vierteljahr vor der geplanten Übergabe mit der Suche nach einem Nachfolger.

Aktuell sind in Thüringen nach Angaben der KV 49 Haus- und neun Facharztsitze nicht besetzt, das Durchschnittsalter beträgt bei Hausärzten 55 und bei Fachärzten 53 Jahre. Im Freistaat praktizieren 1688 Haus- und 2107 Fachärzte sowie 449 Psychotherapeuten.

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