Zum Gedenken der Toten im Rüstungswerk "REIMAHG" bei Kahla

70 Jahre ist es her, dass die Bauarbeiten für die Untertagefabrik begannen - für den Walpersberg-Verein Grund genug, die traditionelle Gedenkveranstaltung am 9. und 10. Mai 2014 etwas größer aufzuziehen als sonst.

Vor 70 Jahren begannen die Nazis mit dem Bau eines unterirdischen Rüstungswerks am Walpersberg bei Kahla. Etwa 15.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus halb Europa stellten das unterirdische Stollensystem her. Foto: privat

Vor 70 Jahren begannen die Nazis mit dem Bau eines unterirdischen Rüstungswerks am Walpersberg bei Kahla. Etwa 15.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus halb Europa stellten das unterirdische Stollensystem her. Foto: privat

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Großeutersdorf. Markus Gleichmann zeigt auf einen unscheinbar wirkenden Ledersessel. "Den haben wir vor einigen Wochen bekommen." Seit Kriegsende stand er in einem Haus in Gumperda (Saale-Holzland-Kreis). Ein Dorfbewohner hatte das schwere Möbelstück 1945 kilometerweit zu sich nach Hause bugsiert, bevor die Amerikaner einmarschiert sind. Der Grund für die Mühen: Der Sessel stand einst im sogenannten "Sauckel-Haus" auf dem Walpersberg bei Kahla. Von hier aus beaufsichtigte Fritz Sauckel, Thüringer NSDAP-Gauleiter und ab 1942 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz unter Hitler, das unterirdische Rüstungswerk "REIMAHG".

Die Abkürzung stehe für "Reichs Marschall Hermann Göring", erläutert Markus Gleichmann. Der Hobbyhistoriker steht im Dokumentationszentrum des Geschichts- und Forschungsvereins Walpersberg e.V. in Großeutersdorf. In dem ehemaligen Rüstungswerk waren zwischen April 1944 und April 1945 etwa 15.000 Menschen aus halb Europa gezwungen, unter unmenschlichen Bedingungen zu arbeiten. Durch den Bau der "Wunderwaffe" Messerschmitt Me 262 in den Stollen bei Kahla sollte die unter Bombenangriffen leidende Flugzeugfertigung gestärkt werden. Mehr als 2000 Zwangsarbeiter starben in den 28 Haupt- und Nebenlagern.

70 Jahre ist es mittlerweile her, dass die Bauarbeiten für die Untertagefabrik begannen - für den Walpersberg-Verein Grund genug, die traditionellen Gedenkveranstaltungen in diesem Jahr etwas größer aufzuziehen als sonst. "Wir erwarten etwa 70 internationale Gäste", sagt Vereinsvorsitzender Gleichmann. Das seien etwa doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren. Die senigsten seien freilich "REIMAHG"-Überlebende, sagt er. Doch seien auch viele Angehörige wie Kinder und Enkel aus Italien, Belgien oder Polen an der Geschichte interessiert.

In Italien habe sich beispielsweise eine Schulklasse mit dem Thema beschäftigt, einen Zeitzeugen befragt und recherchiert, wie viele Menschen damals aus der Gegend nach Deutschland deportiert wurden. Den daraus entstandenen Vortrag werden die Schüler bei den Gedenkveranstaltungen an diesem Freitag und Samstag rund um den Walpersberg halten. Stolz ist Gleichmann auch darauf, dass in diesem Jahr erstmals seit Jahrzehnten wieder Gäste aus Osteuropa dabei sind. "Auch eine 88-jährige Engländerin ist interessiert, hat jedoch niemanden, mit dem sie herkommen kann", sagt der 28-Jährige. Sein Verein will sich aber dafür einsetzen, dass es innerhalb dieses Jahres doch noch mit einem Besuch in Thüringen klappt.

Seit 2005 haben die gut 30 Vereinsmitglieder unzählige Stunden investiert, um diesen Teil thüringischer Geschichte aufzuarbeiten, Kontakte zu knüpfen und mit Mythen und Legenden rund um den Walpersberg aufzuräumen. Zu diesem Zweck bieten sie unter anderem regelmäßige Führungen an, wobei der Schwerpunkt auf den großen Montagebunkern, den Resten der Lager und der Startbahn für die Flugzeuge liegt. Langfristig seien auch Führungen durch das Stollensystem geplant, sagt Markus Gleichmann. Im Moment darf das Areal wegen des Fledermausschutzgebietes der "Kleinen Hufeisennase" nicht betreten werden. Der Vereinschef gibt sich jedoch optimistisch: "Wir hoffen auf eine Lösung."

Zur Sache: Das "Werk A-Lachs"

Die REIMAHG (Abkürzung von Reichs Marschall Hermann Göring) war in den Jahren 1944/45 ein unterirdisches Rüstungswerk im Walpersberg bei Kahla. Hier sollte die Messerschmitt Me 262, der erste in Serie gebaute Strahljäger, produziert werden. Der Name des Oberbefehlshabers der deutschen Luftwaffe wurde bewusst von Fritz Sauckel, dem Gauleiter Thüringens und gleichzeitigem Reichsbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, gewählt, um sich im Kampf um Kompetenzen im nationalsozialistischen Deutschen Reich zu verbessern.

Zum Bau der unterirdischen Produktionsstätte wurden unter widrigen Arbeits- und Lebensbedingungen zirka 15.000 Zwangsarbeiter aus vielen europäischen Ländern eingesetzt. Mit etwa 250.000 Quadratmetern gehörte das sogenannte "Werk A - Lachs" zu den größten unterirdischen Anlagen Deutschlands dieser Zeit. Es wurden neben dem Stollensystem etwa zehn verschiedene Bunker geschaffen.

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