Einwurf: Der Cantus firmus

Bodo Baake über Abgänge und Rücktritte.

Bodo Baake

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Foto: Andreas Wetzel

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Soviel Abschied war selten. Es ist, als leierte der Zeitgeist auf seiner Drehorgel gerade eine im-mer schneller werdende Endloswalze ab: den großen Cantus firmus von Abgang, Rücktritt und Verzicht. Er reißt Königskinder mit und Fußballtrainer, Politiker sowieso und ganze Länder. England trat von Europa zurück und Prinz Harry und Frau Megan entsagten ihren royalen Pflichten. Den Sonnyboy des deutschen Fußballs, Jürgen Klinsmann, zog es aus dem vernieselten Berlin wieder ins sonnige Kalifornien. Mike Mohring, der Sonnyboy der CDU in Thüringen, trat als Landesvorsitzender zurück, nachdem er auch seine Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in die Bredouille gebracht hatte – oder wurden sie zurückgetreten? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Und während die Streitenden noch mit ihren Flügeln schlagen, laufen ihnen die Anhänger davon. Es geht zu wie auf dem Hühnerhof.

Vielleicht hat das alles schon im Februar 2013 begonnen, als – unerhörter Vorgang nach 700 Jahren katholischer Kirche – Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt erklärte. Still, leise und allein saß er danach noch einen Moment auf dem Stuhle, an dem andere längst gesägt hatten. Ein Augenblick der Einkehr nach der Einsicht, dass das Ende von Etwas gekommen war. Wie ihn jetzt vielleicht auch Kardinal Reinhard Marx empfand. Und wie ihn Christian Linder noch vor sich hat. Denn das Beharrungsvermögen, an der Macht zu bleiben, ist größer als die Erkenntnis, dass es vorbei ist. Das erfuhren 2011 der CSU-Hoffnungsträger Karl-Theodor zu Guttenberg, der über die eigenen Doktorarbeit stolperte, und ein Jahr später Christian Wulff, der von mehreren Ehen und als Bundespräsident zurücktrat. Sie erklärten ihren Amtsverzicht aus unterschiedlichen Positionen und Motiven und mit der Verbrämung, sie wollten einem Neuanfang nicht im Wege stehen. Es sei ihnen gegönnt.

Obwohl es nur scheinbar souverän ist. Wie das Beispiel des letzten Sachsen-Königs Friedrich August III. belegt. Von dem ist überliefert, 1918 das Drängen der Dresdener Wutbürger auf seinen Rücktritt mit dem Satz beantwortet zu haben: Macht doch euern Dreck alleene! Dafür belobigte ihn Tucholsky im Gedicht: „Welch ein Königswort! Wahrhaftig, so wie er – so voll und saftig, ist sonst keiner weggegangen. Wenn doch heute in der langen langen Reihe unsrer Kleber, Wichtigmacher, Ämterstreber, einer in der langen Kette nur so viel Courage hätte, trotz der Ehre und Moneten schnell gebührend abzutreten! O, wie ich sein Wort ersehen: „Macht euch euern Dreck alleene!“

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