Einwurf: Endzeitstimmung mit Sahnehäubchen

Bodo Baake über einen wohlklingenden Glockenschlag über einen wohlklingenden Glockenschlag.

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Neulich hatten wir es um eine Stunde verpasst, unsere schöne alte Kastenuhr mit dem Westminster-Gong aufzuziehen. Beide Zeiger standen still und das Zifferblatt sah uns vorwurfsvoll an. Dabei mögen wir diese Uhr, die uns die Zeit in halben und ganzen Stunden zumisst.

Vor allem der Wohlklang ihres Glockenschlags hat es uns angetan: Westminster Abbey! Das hat so eine schöne britische Gelassenheit, ein Understatement, das auch uns mitteilt, egal was passiert, Hauptsache, mein Tee wird nicht kalt.

Und vielleicht war es genau das, was uns abhielt, das Uhrwerk mit deutscher Pünktlichkeit sofort wieder aufzuziehen und die Zeiger zu richten. Na schön, ein bisschen Faulheit mag auch im Spiel gewesen sein. Wir könnten ja, überlegten wir träge, bis zum letzten Oktoberwochenende warten, wenn die Uhren sowieso wieder umgestellt werden müssen – Europäische Winterzeit.

Wir finden den Begriff übrigens irritierend. Irgendwie kalt, nicht gerade von europafreundlicher Herzenswärme durchsonnt. Glühende Europäer wie Ursula von der Leyen werden sich darin kaum wiederfinden.

Eigentlich sollte in diesem Jahr damit ja auch Schluss gemacht werden. Aber das hat die EU wieder einmal versemmelt. Erst ab 2020 gilt: Nur noch eine Jahreszeit für alle! Wobei noch immer nicht ausgemacht ist, ob dann auch die Briten noch mit dabei sein werden. Gesetzt den Fall, es kommt zum ungeregelten Brexit – dürfen die dann in ihrer splendid isolation die Europäische Einheitszeit mitbenutzen? Werden dafür vielleicht Gebühren fällig, Lizenzen? Gibt es Tarife, Wochen- oder Jahresabonnements? Wie will man die berechnen, wenn Britannien – wie viele sagen – nicht um eine Stunde, sondern geopolitisch ein ganzes Jahrhundert hinter Europa zurückfällt? Und schließlich, was wird aus unserem schönen Westminster-Gong? Müssen wir den zurückgeben? Ach, zur Zeit sind noch so viele Fragen offen.

Die Zeit wird’s richten. Sagt der Volksmund. Und auch der Bundesverkehrsminister neigt dieser Ansicht zu: Nur keine Hektik wegen des Klimas. Wissen wir denn, ob Zukunft, Fortschritt und Automobilindustrie plötzlich und unerwartet nicht doch wieder Ideen aus dem Hut zaubern, auf die wir nie gekommen wären? Na bitte! Abwarten und Tee trinken. Das ist der Pendelschlag des Zeitgeistes. Die Epoche hält den Atem an und genießt die Endzeitstimmung als Teabreak. Aber bitte mit Sahne! Da liegen wir doch – Faulheit hin oder her – mit unserem bedenklichen Zaudern unterm Uhrkasten voll im Trend. Immerhin wissen wir, wo der Schlüssel liegt.

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