Finaler Weihnachtsblues

Bodo Baake über Schlafprobleme zum Jahresende.

Bodo Baake

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Foto: Andreas Wetzel

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Gestern Abend haben wir, wie es die örtliche Feuerwehr und der Emissär der Hausratsversicherung empfehlen, noch einen Kontrollgang unternommen. Um uns zu vergewissern, dass die Adventskerzen (beide!) gelöscht und die Aschenbecher geleert sowie die Haustür geschlossen sind. Wir haben da eine Liste im Kopf, die wir allabendlich abarbeiten. Alles war in guter Ordnung, also betteten wir uns zur Nacht. Konnten aber nicht einschlafen. Das passiert uns oft in diesen Tagen, wenn es nicht richtig hell werden will, wenn die Wolken duster über den Himmel ziehen als wären sie auf Schnäppchenjagd oder wollten zum Anstich des nächsten Riesenstollens auf dem kommunalen Weihnachtsmarkt. Und wenn der Horizont gleich hinterm Gewerbegebiet zu beginnen scheint und am Meer Himmel und Wasser ineinander fließen, dass man nicht mehr weiß, wo hört das Land auf und wo beginnt der Ozean – dann wird uns so bänglich im Gemüt, dass wir anfangen schlecht zu träumen, noch bevor wir eingeschlafen sind.

Das ist diesmal nicht nur der obligate Weihnachtsblues. Den kennen wir, damit haben wir längst gelernt umzugehen – und ihn mit Fahrstuhlmusik zu übertönen. Stille Nacht, heilige Nacht und die Spielkonsole für die Kinder nicht vergessen! Alle Jahre wieder. Aber dieses Jahr scheint manches anders. Es klingt vielleicht komisch, aber diesmal scheint es irgendwie ernsthafter. Man mag kaum noch Nachrichten hören. Überall Mord und Totschlag, Skandale, Unterschleife, Pleiten, Pech & Pannen. Keiner sieht mehr richtig durch. Es ist, als hätte sich über den Schein der elektrischen Kerzen der Vernunft und die wunderbunten Lämpchen der Fahrgeschäfte der Politik eine Art Götterdämmerungsgrau gelegt wie es früher in der Wartehalle des Jenaer Westbahnhofs herrschte. Wie Mehltau liegt eine Daueremission aus professionalisierter Heilsbringerei, verbeamteter Hilflosigkeit und amateurhaftem Überdruss in der Luft. In der Luft der Wartehalle auf den Klimawandel, in der wir alle sitzen. Ahnungsschwanger.

Wir sind schon merkwürdige Leute, wir warten auf einen Zug und hoffen, dass er nicht kommt. Inzwischen vertreiben wir uns die Zeit damit, zu diskutieren, ob der Emissionshandel vielleicht doch keine so gute Idee ist, wie hoch der Benzinpreis und wie weit der Abstand von Windrädern zu Wohnsiedlungen sein darf? Und ob das Silvester-Feuerwerk vielleicht verboten werden sollte und die Adventskerzen gleich mit? Um Himmels Willen, die Adventskerzen! Am besten, wir stehen noch mal auf und sehen nach.

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