Revolution tut not!

Zum angekündigten Rücktritt von Papst Benedikt XVI. zum Monatsende schreibt TLZ-Chefredakteur Hans Hoffmeister in seinem Leitartikel:

Wir Deutsche waren Papst. Und es ist gut so, dass es endlich vorbei ist. Papst Benedikt, der Thüringen so glanzvoll besuchte, dass über all diesen Glanz sich zwar die Touristiker freuten, die Ökumene in Erfurt aber auf der Strecke blieb, war seinem Amt nicht gewachsen.

Benedikt stand für eine rückschrittliche Kirche, die die Ziele einer Öffnung zur Welt, wie sie das II. Vatikanische Konzil beschlossen hatte, ignoriert, die Laien und Frauen fortgesetzt unterwürfig macht, die den wackeren "Viri probati", männlichen und weiblichen, auf Veränderungen bedachten namhaften Laien wie etwa Bernhard Vogel die kalte Schulter zeigte.

Es agieren Kirchenfürsten, obwohl teils jung und dynamisch, die zwar die Missbrauchsdebatte in die Hand nahmen, die sie aber nicht beherrschten. Ein fortwährendes Drama! Schon der vergleichsweise fortschrittliche Erfurter Bischof Joachim Wanke wurde mit den Weimarer Missbrauchsfällen pädophiler Pfarrer, die dann im Jugend(!)strafvollzug eingesetzt wurden, kaum fertig. Noch immer klagen Opfer an, jüngst erst wieder in der TLZ.

Das Schlimmste ist die Unmodernität, die vom Papst demonstrierte Abkehr von der Welt, womit manche Kardinäle sogar kokettieren.

Die Menschen hier zu Lande in der Diaspora sind eh von diesem Umherziehen dieser geistlichen Herren in diesen mittelalterlichen Umhängen und Kopfbedeckungen irritiert. Rom ermöglicht ein Agieren mit dem Rücken zum Volk – selbst am Altar, jenseits der Lebenswelt der Ortskirchen. Hinzu kommt eine fortgesetzte Kommunikationsunfähigkeit, die mit der unverstandenen und für einen Moment sogar gefährlich provozierenden Islam-Rede Benedikts nur einen Aspekt beschreibt.

Der Spott, dem die katholische Kirche neuerdings speziell im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zuletzt in der satirisch-sarkastischen ZDF-Reihe "Heute Show" ausgesetzt ist, macht Lachen. Er verstärkt das völlige Unverständnis im Lande angesichts der Weltfremdheit eines Kardinals Meißner zuletzt bei der "Pille danach", trotz später Nachbesserung. Oder eines Kardinals Müller aus Regensburg, neuerdings von Benedikts Gnaden Präfekt der Glaubenskongregation, die früher die Inquisition war. Kritik an der Kirche als "Pogrome" zu geißeln, wie es Müller tat, zeigt nur dies: Er hat nichts verstanden. Nichts vom Holocaust. Und nichts von der Meinungsfreiheit. So ernten er und die Amtskirche wieder nur Kopfschütteln.

Dieser Papst, der diese "Talente" im Amt gefördert hat, war auch für die immer neu verfestigte Struktur verantwortlich, in der sich die Kirche fortgesetzt selbst gefangen hält. Rückschritt und Ignoranz sind perpetuiert. Das wird im Konklave nachwirken.

Der Streit mit dem Hannoverschen Kriminalisten Pfeiffer, des Verfassers eines Gutachtens im Auftrag der Kirche, sprach ebenfalls Bände: Pfeiffer warf der Amtskirche seinen Auftrag zum Thema Missbrauch vor die Füße, weil die Herren sich in Formulierungen einmischen und manches unter der Decke halten wollten. Motto: Was an die Öffentlichkeit kommt, bestimmen wir. Das alles signalisiert dem aufgeklärten, christlich denkenden Menschen von heute nur eine Einsicht: Bloß weg von Rom, wo die Kurie stets alle Reformbestrebungen unterwandert hat, sogar das Zweite Vatikanische Konzil.

Kirche sind wir: Diese Gewissheit sollte jetzt die Amtskirche zu spüren bekommen. Insbesondere die Bischöfe, die ihre Rolle oftmals arrogant wahrnehmen, zu feige, die künftigen Herausforderungen zu benennen, dabei ihr eigenes Finanzgebaren in ihren ganz persönlichen Haushalten selbst nicht mal von den Kirchensteuerräten kontrollieren lassen wollen...

Nur die Gläubigen selbst könnten der Amtskirche noch helfen. Doch viele Gläubige haben schon aufgegeben und sind ausgetreten. Das bringt die katholische Kirche in einen weiteren Strudel.

Der Papst-Rücktritt wird dies nicht ändern, wenn jetzt nicht ein Befreiungsschlag kommt und ein Reformer an die Spitze tritt. Dieser Reformer darf nicht aus Rom kommen. Aber dazu dürfte wegen der Systemimmanenz das Kardinalskollegium, das ja maßgeblich von Benedikt ins Amt geholt wurde, kaum in der Lage sein – oder vielleicht doch?

Die katholische Kirche braucht jetzt eine Revolution. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Eine Rückkehr zum Glauben an Gott tut not – und sein Personal hat sich zu bescheiden.