Weniger wert

Den Ost-West-Unterschied beim Mindestlohn-Beschluss für die Zeitarbeit kommentiert Gerlinde Sommer, stellvertretende TLZ-Chefredakteurin.

Kürzlich im Bundestag: Es sollte mal wieder darum gehen, wann Gleichheit bei den Renten Einzug halten kann. Und es zeigte sich in der Debatte: Diejenigen, die das veranlassen könnten, haben durchaus kein Interesse.

Und was passiert beim Mindestlohn? Wieder wird fein säuberlich eine Mauer durch Deutschland gezogen. Die Arbeit des Zeitarbeiters Ost ist Stunde für Stunde 88 Cent weniger wert als die Arbeit des Zeitarbeiters West. Eigentlich soll man längst nicht mehr von Ossis und Wessis reden: Aber die Zweiteilung der Menschen in diesem Land ist ja Bundespolitik. Wird der 20-, 30- oder 40-jährige Zeitarbeiter in Gera noch immer für 40 Jahre DDR bestraft? Oder bringt er etwa hierzulande weniger Leistung? Nein, natürlich wird von ihm hier mindestens ein derartig hoher Einsatz wie in Lüdenscheid oder Freiburg verlangt. Geht er nach drüben, wie man früher sagte, hat er aber - ohne auch nur einen Handschlag mehr geleistet zu haben - Anspruch auf 7,89 Euro je Stunde statt der 7,01 Euro Ost.

Dass beides ziemlich wenig ist, um über die Runden zu kommen, ist sowieso klar. Aber womit rechtfertigt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen diese Fortschreibung eines geteilten Landes und die Aushebelung des Leistungsprinzips? Warum gilt gleicher Lohn für gleiche Arbeit, wenn es um Männer und Frauen geht, nicht aber mit Blick auf Herkunft oder Wohnort? Es kann nicht daran liegen, dass manche Ost-Regionen der Entwicklung hinterherhinken. Solche Regionen gibt es im Westen auch. Aber wahrscheinlich werden dorthin billige Ostzeitarbeiter verschickt.

Die Mauer in den Regierungsköpfen zeigt, dass hier nicht jeder gleich viel wert ist.

Zeitarbeiter sollen Mindestlohn kriegen