Wenn die Kür zur Pflicht gerät

Bodo Baake über Paarläufe auf dem Eis und in der Politik

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Der Paarlauf ist bekanntlich die schauträchtigste Disziplin des Eiskunstlaufs. Auch wir sind, im Rahmen unserer Möglichkeiten, davon begeistert. Auch wenn wir einwenden möchten, dass uns das Rollenverständnis dabei einiges Unbehagen bereitet: Der männliche Part mehr oder weniger zur Hebemaschine degradiert, die die Partnerin auf das Anmutigste durch die Luft wirft, dem Beifall der Menge entgegen, und sie pünktlich wieder auffängt, um sich dann artig an ihrer Seite verneigen zu dürfen – irgendwie könnte das ein Fall für den Gleichstellungsbeauftragten sein.

Der bei dieser Gelegenheit übrigens auch gleich einmal in der Rubrik „Berühmte Paare der Weltgeschichte“ nach dem Rechten sehen sollte – von Adam und Eva, Cäsar und Kleopatra, Sissi und Franz bis Ginger und Fred... Wer hat da eigentlich wen auf Händen getragen oder an die Luft gesetzt?

Anders als in der Natur ist in der Historie der Menschheit zu jeder Zeit Paarungszeit. Wie überall pfeift der Mensch auch hier auf den natürlichen Lauf der Dinge, der die Paarung für das Frühjahr reserviert hat und Sommer und Herbst für die Aufzucht der Brut.

Anders als im Eiskunstlauf ist eine Kür der Paare für den Dezember nicht vorgesehen. Aus gutem Grund, der Mutter Natur fehlen geeignete Stadien mit Großbildschirmen, hübschen Fan-Artikeln und Gläsern für den unvermeidlichen Prosecco. Das alles fehlt der guten alten Tante SPD zwar auch, aber dennoch hat sich die dienstälteste deutsche Arbeiterpartei für einen großen Paarlauf quer durch die Republik entschieden. Das gab es so noch nicht: Eine Kür als Pflichtlauf für die Kandidatur um den Parteivorsitz! Eine Ochsentour als Grande Prix durch die Ortsvereine. Und schon ging sie los, die Polonaise, von Blankenese bis Wuppertal... und so weiter.

Warum das? Wir wissen es wieder einmal nicht. In der zur Resignation neigenden DDR winkte man an dieser Stelle ab: Die Genossen werden sich schon etwas dabei gedacht haben. Aber was! Mag ja sein, dass der anhaltende Erfolg des Paarlaufs der Grünen inspirierend wirkt und eine belebende Wirkung auf die an sich selbst ermattete Partei erhofft wird oder wieder einmal deren zum Masochismus neigenden Kräfte wirken – aber wollen wir das wirklich sehen? Schert uns das was? Oder ist es nicht so, dass wir zu Häme & Allotria neigendes Publikum zum Eiskunstlauf nicht der Kunst wegen rennen, sondern sowieso nur, weil wir sehen wollen, wie die Primadonna nach dreifachem Lutz auf den Allerwertesten plumpst und ihr Partner verlegen in die Kamera grient? Mal ehrlich!

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