Wie fühlen Sie sich?

Über die plötzliche Rettung des Landestheaters Eisenach wundert sich der Eisenacher TLZ-Redaktionsleiter Peter Rossbach. Er schreibt:

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Haben Sie sich in den Beschwerdechor vor dem Theater eingereiht oder haben Sie auf dem Marktplatz mitgesungen? Haben Sie eine Karte an einem Luftballon steigen lassen für den Erhalt des Theaters (meine hat es 261 Kilometer weit geschafft und wurde dankenswerterweise zurück gesandt) oder sind sie mit vielen anderen gemeinsam demonstrieren gegangen? Und fühlen Sie sich jetzt irgendwie vera ..., sagen wir veralbert, für Wahlkampfzwecke missbraucht, für eine Politposse ausgenutzt? Sie sind nicht allein. Das geht mir genauso.

Dass die TLZ in der Berichterstattung das Wort "Rettung" immer mit einem Fragezeichen versehen hat, war ziemlich richtig. Denn die gefundene Lösung ist noch nicht in trockenen Tüchern. Jetzt wird noch eine schriftliche, rechtsverbindliche Erkärung eingefordert, dass die Stadt das Geld für die Spielzeiten 2012/13 und 2013/14 bringen kann. Kann die Stadt das? Fühlen Sie sich jetzt vielleicht vera ..?

Dass die Herren Matschie und Voß solche Spiele spielen, war ja allen klar. Dass die Zwei vor hämischem Lachen jetzt wahrscheinlich nicht in den Schlaf gekommen und ihre Schenkel vor lauter Draufschlagen rot angelaufen sind, sei ihnen verziehen. Beim Spiel "Wer sich zuerst bewegt, verliert", hat die Stadt zuerst gezuckt. So funktioniert Politik nun leider mal. Da geht die Partei vor. Da spielt selbst die Ministerpräsidentin, die sich so gerne als wandernde Kulturbürgerin für alle Thüringer geriert, gerne mit und lässt die Sache treiben.

Die Frage, wo das Geld in Eisenach für das Jahr 2013 so plötzlich herkommt, ist da ein anderer Punkt. Über die in Eisenach so urplötzlich aufgetauchten Zusatz-Mittel aus dem Topf "Grundsicherung im Alter" etwa hat sich der Kreistag in Gotha schon vor zwei Monaten gestritten. Und auch der Aufwuchs bei der Gewerbesteuer ist nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Nun soll einer glauben, dass das alles das erst jetzt in Eisenach bekannt wurde? Fühlen Sie sich vera...?

Bis vor wenigen Wochen noch wurde jeder mit einem Bann belegt, der auch nur die Idee formulierte, dass das Geld fürs Theater aufzubringen ist, auch wenn die Stadt ein Defizit hat. Seit Mittwoch geht es. Die zwei Millionen reichen nämlich nur, um das Defizit 2013 auf 3 Millionen zu drücken. Von einem Tag auf den anderen ist alles anders, alles plötzlich machbar. Fühlen Sie sich vera ...?

Bis Dienstag wurde jedem, der es hören wollte oder auch nicht, gesagt: "Die Stadt Eisenach kann nicht mehr konsolidieren, alles ausgereizt". Weitere Leistungskürzungen, Personalabbau, Steuer- und Gebührenerhöhungen gehen nicht mehr. Das hat der scheidende OB gebetsmühlenartig verkündet. Nun wird die noch nicht im Amte befindliche neue OB beauftragt, "einen angemessenen und vertretbaren Konsolidierungsbeitrag der Stadt" zu finden. Wurden wir belogen, und es gibt den "angemessenen und vertretbaren Konsolidierungsbeitrag der Stadt" doch? Wo kommt der nur so plötzlich her? Fühlen Sie sich vera ...?

Vorher soll die neue OB aber weitere Gespräche führen, um eine "langfristige Theaterfinanzierung sicherzustellen". Mal abgesehen davon, dass das nach "Abspecken "(ein halbes Spar-Orchester reicht doch auch) klingt. Was haben die Leute, die sich da nach eigenen Aussagen so vehement für das Theater in die Bresche geworfen haben, eigentlich tatsächlich gemacht? Wären solche nun beauftragten Gespräche nicht genau das gewesen, was in den vergangenen Jahren hätte passieren müssen? Woran ein OB über Jahre gescheitert ist, soll die neue OB in einem halben Jahr schaffen? Fühlen Sie sich vera ...?

Ich will niemandem die Laune verderben. Aber die Gefahr ist nicht gebannt, nichts ist gerettet. Nur es braucht in den kommenden Monaten nun auch kein Vertreter der Stadt Eisenach nach Erfurt zu fahren und um Geld zu bitten. Die Matschies und Voß' werden die künftige OB gleich nach Hause schicken mit dem Hinweis "Such doch nochmal bei euch im Rathaus, da finden sich doch immer noch ein paar Millionen".

Ich werde (vermutlich schon sehr bald) wieder auf die Straße gehen, um für das Theater zu demonstrieren. Ich werde da vermutlich viele der jetzigen Mitstreiter wieder sehen. Wir brauchen und wollen dieses Theater. Wir brauchen und wollen aber nicht, dass es als Wahlkampfmunition verheizt wird, dass wir als Komparsen für Politpossen im Land und oder gar (noch schlimmer) in dieser Stadt aufgeboten werden. Mag sein, dass wir naiv sind, aber gänzlich verblödet sind wir nicht. Wir werden wieder demonstrieren, aber es bleibt ein ganz übler Beigeschmack.

Fühlen Sie sich vera ...? Ich seit Mittwoch heftig.

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