Zur Sexismus-Debatte: Patriarch hat ausgedient

Haben wir in Thüringen mit der Sexismus-Debatte was zu tun? Aber ja! - findet der Chefredakteur der TLZ, Hans Hoffmeister, und begründet dies in seinem Kommentar.

Seit etwa einer Woche geht es hin und her um die Äußerung des Spitzenpolitikers Rainer Brüderle, des "Gesichts der FDP", gegenüber einer Redakteurin. Thema war - des nachts an der Bar - deren Körbchengröße, also das, was man gemeinhin "Zoten-Inkontinenz" nennt. Durfte der das? War das eine Äußerung noch im Grenzbereich, nämlich - um genau zu sein -, dass die Oberweite der Dame in einem Dirndl durchaus Platz hätte? Worauf sie sich wohl sehr sachlich wehrte und er, der ihr auch noch eine "Tanzkarte verkaufen" wollte, offenbar nicht aufhören mochte.

Ein Jahr später hat sie's nun enthüllt, nachdem Brüderle, inzwischen allenthalben ein "ältlicher" und "faltiger Dödel" gescholten, bei der notleidenden FDP als die große Nummer bestätigt wurde. Da sei die Frage erlaubt: Ist das nicht eigentlich dann auch so etwas wie Altersdiskriminierung?

FDP Schlusslicht bei Gleichberechtigung in der Partei

Ist es angemessen, dass Parteifreund Wolfgang Kubicki (auch) ein solches Gespräch für vertraulich und somit geschützt, dazu noch für "natürlich" erklärt? Dass die FDP ansonsten tagelang gar nichts dazu zu sagen hat? Nur Silvana Koch-Mehrin, die langjährige FDP-Frau für Europa, blond und schön, aber leider vom Blitzstrahl der Plagiatsvorwürfe schwer getroffen, sprach Klartext: "Die FDP ist das Schlusslicht, wenn es darum geht, Gleichberechtigung in der eigenen Partei zu leben."

Ja, natürlich haben wir auch hier zu Lande mit dem Thema was zu tun. Was gab‘s nicht alles an Machotum. Wir erinnern uns dabei zuerst an die gängige "Christinchen"-Herabsetzung von Frau Lieberknecht, die Bernhard Vogel eingeführt hatte.

Wir erinnern uns an die in der TLZ wiederholt so genannte Erfurter Bussi-Gesellschaft, die vielen angejahrten Herren aus diesen zahlreichen Klubs, die zeitweise von der Umgebung jüngerer, fröhlicher Frauen halböffentlich so angetan waren, dass die Ehefrauen gar einen Umgangsboykott ausriefen.

Wo ein jahrelang in vorderster Front agierender, ansonsten tadelloser, namhafter, hoch­renommierter Kaufhaus-Boss seine eigene Ehefrau vorschickte, um eine TLZ-Redakteurin fragen zu lassen, ob sie mit ihm schlafen wolle. Als es rauskam, schenkte er ihrem Mann ein Gummibärchen... Wo sich erst spät und zögerlich die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass solche und andere Nummern gar nicht gehen.

Wir erinnern uns an den Auftritt des (wow!) Dieter Althaus bei einem kleinen CDU-Parteitag in Eisenach, wo er dem vorn neben ihm sitzenden "Silvergirl" so überschwänglich für die gute Organisation dankte, dass die ganze wahrscheinlich schon bierselige Männerhorde im Saal "Küsschen, Küsschen" grölte, worauf er sie schnappte und ihr tatsächlich einen langen, scharfen Kuss verpasste. Zum Gaudi der Gemeinschaft. Was ihm dennoch schlecht bekommen sollte: Im Eichsfeld sprach sich das rum, und dort mögen sie das schon gar nicht. Schließlich schoss ein Gerücht ins Kraut und schlug immer weitere Wellen, so dass er es auf einer "Bild"-Titelseite meinte dementieren zu müssen. Das war natürlich die denkbar beste Weiterverbreitung eben dieses Gerüchts...

Dieter Althaus' Hang zum Weiblichen (und umgekehrt) hat immer sehr die Fantasie zu Nachwendezeiten beschäftigt. Das Image half ihm und der CDU politisch: so ein dynamischer, sportlicher, gesunder, jungenhafter Politiker... Doch er vermochte es nie, richtig glaubwürdig die Grenze zu ziehen. Er hatte einfach keine Idee davon.

Anziehungskraft der Macht wirkt

Wobei: Dass Redakteurinnen (und Redakteure) auch gern neben Politikern Platz nahmen, sich sogar geehrt fühlten, das kann man sich heute eigentlich gar nicht mehr in dieser Art vorstellen. Aber das gab's. Und noch immer nutzten diesen Wunsch nach Nähe zur Macht nicht nur Politiker, sondern auch schon mal Wirtschaftsführer aus.

Der eine verschenkte ein Kompliment: "Sie ist aber auch eine angenehme Erscheinung" gegen den Preis zurückwirkender "Nettigkeit". Der andere schenkte einer anderen ein Osterei gegen den Preis eines (hoffentlich) genehmen Interviews. Welche Redakteurin (und welcher Redakteur) hat so etwas noch nicht erlebt?

Wenn die Frontfrau Zimmermann, früher FAZ, später Mitteldeutsche Zeitung, in der damals üblichen nächtlichen Chefredakteursrunde des Ministerpräsidenten neben Bernhard Vogel Platz nehmen durfte (auf der anderen Seite neben IHM saß der Frauen-Freund MDR-Landesfunkhaus-Direktor Kurt Morneweg), dann platzte sie schier vor Ego - und belehrte die Runde im Wettbewerb mit TA-Lochthofen den ganzen Abend über.

Vogel brauchte eigentlich kaum noch was zu sagen: Morneweg vollendete sonor und klug seine halben Sätze, und Zimmermann spielte stacheldrahtig die CDU-Agitatorin. Und Regierungssprecher Hans Kaiser hatte stets mit erhobenem Kinn die Übersicht über das Agitationsprogramm, während sein Auge mit Wohlgefallen auf der Szene ruhte. Zeiten waren das!

Die Zeiten sind vorüber. Heute halten längst Frauen (und Männer) - zumal in der Zeitungsbranche - Abstand. Regierungs-, Minister- oder sonstige Sprecher (es soll von ihnen um die 200 in Thüringen geben), die tatsächlich und dennoch Einflusszonen für ihre Chefs zu schaffen versuchen, sind entweder blöd oder sollten ihren Job wechseln. Oder beides.

Übernähe und Gefälligkeit

Vogels stets angestrebte Übernähe wurde schon damals jedenfalls von der TLZ als übel empfunden. Denn Übernähe hatte den Preis mehr oder weniger verdeckter Forderungen, und seien es nur gefällige Kommentare - Erwartungen, die natürlich kaum je erfüllt wurden. Mit der Folge von Verärgerung und Abstrafung im Gegenzug. Ein normaler Machtkampf, mochte man meinen. Doch normal war das nicht.

Heute können sich Frauen wehren. Damals ging das nicht immer. Schnell stand sie als Zicke oder blaustrumpfige Altjungfer in der Ecke.

Was sollte die TLZ-Redakteurin tun, der der Jenaer Mitarbeiter der Net-Zeitung ein Verhältnis mit dem Thüringer Kulturstaatssekretär und Weimarer Ex-Unirektor andichtete, was schnell die ganze Stadt und das halbe Land wussten? Es handelte sich um eine simple Verwechslung. Was partout nicht zu vermitteln war, man hätte denn "den Althaus gemacht" und per Dementi das Gerücht noch weiter verbreitet.

Klar, sie müsste klagen! Das tat sie. Doch die Pressekammer des Landgerichts war - ähnlich hilflos wie heute noch immer, wenn es um Schmähungen im Netz geht: So sexistisch Beschuldigte können sich schon juristisch kaum durchsetzen. Die Verhandlung ging so: Der Richter fragte, wo denn der Schaden sei? Wie viele Klicks? Sie hatte plötzlich die Beweislast für die Folgen eines Gerüchts, dessen Opfer sie doch war und das längst durch aller Munde ging. Und sie verlor tatsächlich das Gerichtsverfahren. Am Ende durfte sie auch noch die Rechnung bezahlen.

Doch es gilt auch dies: An der Bar, immer schon Ort der Kontaktanbahnung dieser oder jener Art, kann eine Frau bei verbalen Übergriffen, bei Grenzüberschreitungen, drei Schritte zurücktreten, den Politiker zu einem Kurzgespräch unter vier Augen zur Seite bitten und - gesichtswahrend - Klarheit schaffen. Sich Notizen zu machen und ein Jahr später rachedurstig zu versuchen, den mittlerweile zum mutmaßlichen FDP-Retter Aufgestiegenen aus dem Amt zu kegeln, das hat ein zusätzliches Geschmäckle.

Nicht minder ein Geschmäckle hat es, wenn jüngere Menschen ältere pauschal als "tüdelig bis notgeil" bezeichnen und sie des notorischen "Heranwanzens an junge Dinger" bezichtigen.

Beziehungen nicht diskriminieren

Eine Beziehung zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau, die vielleicht seine Führungs-, seine Formulierungsstärke, seine Erfahrung, seine analytische Kraft, seine Bedachtsamkeit, seinen ausgeprägten Schutzinstinkt und vielleicht auch das graue Haar schätzt - siehe Franz Müntefering, Peter Röhlinger oder Willy Brandt - ist so selten nicht. Alte Männer haben was, das weiß man doch! Und es ist meist mit einem großen Glück verbunden, wenn solch einem Mann so eine 15 Jahre, vielleicht noch jüngere Frau, die auch noch lächeln kann, an seinem Lebensabend beschert wird. Sich über solches Glück zu erheben, hat auch etwas Diskriminierendes.

Der Patriarch ist out

Zwischen Männern und Frauen hat sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Der Patriarch, dessen Großvater noch mit Pickelhaube ging, der Prinzipal mit Gönnertum, wird heute "präpotent" und "breitbeinig" gescholten. Er ist out. Es ist gut und richtig, dass dies bei Gelegenheit des Rainer Brüderle nochmals in der aktuellen, überraschend breiten, neuerlichen Aufschrei-Debatte wieder einmal öffentlich vorgeführt und betrieben wird. Sie hält uns, den Herren über 60, zu Recht den Spiegel vor.

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