Amok-Doku "Erfurt - Die andere Wahrheit": Premiere in Jena

Der Regisseur Winfried Bonengel stellt in seinem jüngsten Film die Frage, ob es tatsächlich nur einen Täter beim Schulmassaker am 26. April 2002 gegeben hat. "Erfurt - Die andere Wahrheit" wurde jetzt in Jena erstmals der Öffentlichkeit gezeigt - weitere Aufführungstermine gibt es derzeit nicht.

Zehn Jahre nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium sind noch immer Fragen ungeklärt. Mit der Frage, ob es beim Schulmassaker tatsächlich nur einen Täter gab, beschäftigt sich Bonengels Doku "Erfurt - Die andere Wahrheit". Foto: Sascha Fromm

Zehn Jahre nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium sind noch immer Fragen ungeklärt. Mit der Frage, ob es beim Schulmassaker tatsächlich nur einen Täter gab, beschäftigt sich Bonengels Doku "Erfurt - Die andere Wahrheit". Foto: Sascha Fromm

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Jena/Erfurt. In der 80-minütigen Dokumentation kommen Zeitzeugen zu Wort. Sie behaupten, einen Täter gesehen zu haben, dessen Beschreibung nicht auf den identifizierten Täter Robert S. zutrifft. Einige Schüler berichten davon, zum Zeitpunkt des Amoklaufes Robert S. mit einer zweiten Person sprechen gehört zu haben. Auch der damalige Innenminister Thüringens, Christian Köckert (CDU), sagt, dass es bis heute nicht auszuschließen sei, dass es einen weiteren Täter gegeben hat. Hinzu kommt die Behauptung des Schulhausmeisters, dass ein Täter die verschiedenen Räume in der Zeit nicht habe erreichen können. Bonengel führt noch weitere Beweise an: Die mehr als 70 abgefeuerten Projektile konnten von den Ballistikern nicht eindeutig einer bestimmten Waffe zugeordnet werden. Die Beweisstücke sind von den Behörden nach der Analyse zerstört worden. Für Bonengel eine nicht nachvollziehbare Aktion, die den Ruch des Vertuschens mit sich trage.

Der Film zeigt anhand von Tagesthemen-Ausschnitten, dass am 26. April 2002 die Polizei zunächst selbst von zwei Tätern ausgegangen war. Doch kurze Zeit später wurde von den Behörden ein zweiter Täter ausgeschlossen. Das sei ein fataler Fehler gewesen, behauptet Regisseur Winfried Bonengel in seiner Dokumentation. Nach dieser - aus seiner Sicht - voreiligen öffentlichen Bekanntgabe sei eine Revidierung wohl unmöglich gewesen...

Der 50-jährige Regisseur hat sich Vernehmungsprotokolle angeschaut: Seiner Meinung nach hat die Polizei den Opfern Suggestivfragen gestellt, die einen zweiten Täter von vornherein ausgeschlossen haben - schließlich habe es nach der offiziellen Version auch keinen zweiten Täter mehr geben dürfen. Seine These: Es wäre psychologisch nicht zu bewältigen gewesen, hätte eingestanden werden müssen, dass der zweite Täter nicht gefasst werden konnte. Zudem habe man das Bestreben gehabt, mögliche Ermittlungsfehler nicht nach außen dringen zu lassen.

Die Dokumentation zeigt auf, wie die Zeitzeugen mit ihrer Wahrheit leben - einer Wahrheit, die es offiziell nicht gibt, nicht geben darf. Viele von ihnen fühlen sich als Lügner hingestellt und zweifeln an ihrer eigenen Erinnerung, an ihrer eigenen geistigen Gesundheit. Sie können mit dem Erlebten nicht abschließen, weil es ihre Version nicht gab. Bei einigen ist das Leben durch diese Ereignisse komplett aus den Fugen geraten.

Was bleibt am Ende des Bonengel-Films? Vor allem Fragen. Vieles wird behauptet, kann nicht bewiesen werden. Für Bonengel ist klar: So, wie die Ereignisse offiziell dargestellt worden sind, sind sie nicht abgelaufen. Doch wie es wirklich war, das kann auch er nicht beantworten.

"Verletzte Seelen" liefert Antworten

Regisseur Bonengel hat auch mitgearbeitet bei der Dokumentation "Verletzte Seelen", die jüngst bei ZDF info zu später Stunde gezeigt wurde und für die der ZDF-Studioleiter Andreas Postel verantwortlich zeichnet. Auch dort kam zur Sprache, dass es bei Betroffenen in der Schule die Überzeugung gab, einem zweiten Täter begegnet zu sein. Allerdings wurde in dieser Sendung - die in der ZDFmediathek abrufbar ist und deren Anschauen lohnt - für diesen als irrig dargestellten Eindruck eine psychologische Erklärung geliefert. Wer einen zweiten Täter meinte gesehen zu haben, erlitt ein doppeltes Trauma. So laboriert eine heute 22-Jährige noch immer daran, dass sie damals in der Schule einem Bewaffneten begegnet ist, der für sie nicht der Person glich, die nachher als Einzeltäter dargestellt wurde.

Ein Mittäter wird nicht nur von den Ermittlern ausgeschlossen. Auch Linke-Fraktionschef Bodo Ramelow, der sich sehr kritisch mit der Aufarbeitung des Amoklaufs auseinandergesetzt hat, verweist diese neuerlichen Hinweis auf einen zweiten Täter in den Bereich des Mythos'. "Es gibt dafür keine Hinweise", betonte Ramelow im Gespräch mit unserer Zeitung zum Jahrestag.

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