Anke Domscheit-Berg: „Die Frauenquote ist ein Meilenstein“

Weimar  Anke Domscheit-Berg , früher Top-Managerin bei Microsoft und McKinsey und ehemalige Vorsitzende der Piraten in Brandenburg, über Geschlechtergleichstellung und Frauenquote.

Anke Domscheit-Berg ist Verfechterin der Geschlechtergleichstellung. Foto: Julia Tham

Anke Domscheit-Berg ist Verfechterin der Geschlechtergleichstellung. Foto: Julia Tham

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Anke Domscheit-Berg hat in führenden Positionen bei Microsoft und McKinsey gearbeitet. Sie war bis zu ihrem Austritt aus der Partei Vorsitzende der Piraten in Brandenburg und ist vielen auch über ihren Mann ein Begriff: Daniel Domscheit-Berg war der Sprecher von Wikileaks. 2010 verließ er die Enthüllungsplattform nach einem Zerwürfnis mit dem politischen Aktivisten Julian Assange. Anke Domscheit-Berg ist aber auch eine Verfechterin der Geschlechtergleichstellung und hat nun einen tiefgreifenden Appell dafür geschrieben, hinterlegt mir zahlreichen Fakten. Wir sprachen mit ihr darüber.

Sie geben derzeit einige Interviews für Ihr neues Buch. Wer interessiert sich mehr dafür? Journalisten oder Journalistinnen?

Ich hatte bislang viele Radiointerviews und die meisten waren mit Männern. Das hat mich erstaunt.

Welchen Unterschied bemerken Sie?

Es ist mir besonders aufgefallen, als mich das erste Mal eine Radiomoderatorin interviewt hatte und sie ganz andere Fragen gestellt hat.

Was waren das für Fragen?

Ein Mann fragte nach der Frauenquote, die ich in meinem Buch anspreche, und ob diese nicht zu einer trutschigen Atmosphäre in den Vorständen führe. Da musste ich erst einmal schlucken. Was antworte ich jetzt auf so eine komische Frage? Die Radiomoderatorin dagegen erzählte, dass sie sich mit einem Kollegen unterhalten habe, der meinte, die Quote wäre eine despektierliche Beleidigung für Frauen, weil sie unterstellt, dass sie es alleine nicht schaffen. Sie habe sich darüber aufgeregt. Das war natürlich ein anderer Grundtenor für das Gespräch.

Ist die jetzt im Bundestag verabschiedete Frauenquote für sie despektierlich?

Überhaupt nicht. Sie ist jetzt nicht das Schönste auf der Welt. Sie ist und bleibt eine Krücke. Die Quote ist ein Instrument, um gesellschaftliche Barrieren zu überwinden, solange sie da sind. Und wenn die eines Tages weg sind, dann braucht man auch die Quote nicht mehr. Es ist auch kein Defizit, das Frauen haben, sondern ein Defizit, das die Gesellschaft hat.

Was ist die „Krücke“ an der Frauenquote?

Die Krücke ist, dass sie eine gesetzliche Regelung ist, die Unternehmen vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben. Und das ist immer eher unerwünscht. Vorrang sollte die Freiheit haben. Wenn aber das, was in Artikel 3 des Grundgesetzes festgeschrieben ist, die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, mit allen anderen Methoden nicht erreichbar ist, dann muss es eben diese Regelung geben.

Jetzt ist die Frauenquote aber nur für eine begrenzte Anzahl von Frauen überhaupt von Belang – bei Aufsichtsräten in gerade einmal 108 Unternehmen.

Deswegen hat mein Buch auch mehr als drei Seiten. Die ganze Gesellschaft hat ein Problem. Ob ich mir Kinderspielzeug ansehe, Hollywood-Filme oder wie Männer und Frauen Arbeit aufteilen, wie unterschiedlich sie bezahlt werden – das sind alles Aspekte, die für Geschlechterungerechtigkeit in unserer Gesellschaft stehen. Bei all diesen müssen wir etwas verändern. Die Quote ist nur eine Stellschraube, die wichtig ist innerhalb eines größeren Systems.

Warum?

Es hat eine Symbolfunktion. Ich bin auch unzufrieden über die Ausgestaltung. Es hätte viel mehr Unternehmen verbindlich betreffen müssen, es hätte auch eine höhere Quote sein müssen. Ich finde trotzdem, es ist ein historischer Schritt. Es war vor zehn Jahren völlig undenkbar, irgendeine Quote für Unternehmen durchzusetzen. Wir haben jetzt ein Türchen aufgetreten. Aufsichtsräte bestellen Vorstände und die wiederum treffen Entscheidungen, die die ganze Belegschaft beeinflussen: Arbeitsbedingungen, Bezahlungen und so weiter. Wenn da mehr Frauen sind, hoffe ich, dass wir das Thema geschlechtergerechte Bezahlung auf diesem Wege auch besser gelöst kriegen.

Ist das Wort „Quotenfrau“ für sie negativ besetzt?

Er wird negativ besetzt verwendet, aber ich kenne einige Frauen, beispielsweise Renate Künast, die sich hinstellen und sagen: Klar bin ich eine Quotenfrau. Trotzdem leiste ich genauso viel wie Männer in vergleichbaren Positionen oder mehr. Und ich kenne aus der IT-Industrie auch viele Frauen, die sagen, sie werden als Quotenfrau bezeichnet, nur weil sie in einer männerdominierten Umwelt als eine von wenigen Frauen in Top-Positionen sind. Obwohl es noch gar keine Quote gab. Das Label „Quotenfrau“ ist also nicht neu für Frauen.

Sie sprechen von friedlicher Revolution der Geschlechtergerechtigkeit in ihrem Buch. Was bedeutet das denn? Ist das eine neue Form von Feminismus?

Man könnte es so bezeichnen. Was wir mehr brauchen, ist nicht nur mal hier und da im Internet ein „like“ geklickt. Deswegen habe ich den Begriff der Revolution verwendet. Ich bin als ‘89er Generation auch sehr geprägt von den Erfahrungen in der DDR. Wir brauchen eine Massenbewegung für einen großen Kulturwandel, klassenübergreifend, geschlechtsübergreifend, altersübergreifend. Ich bewundere zwar die Suffragetten, die auch militant für das Frauenwahlrecht gekämpft haben, denn damals ist es offensichtlich auch nicht anders gegangen. Aber heute würde ich nicht dazu aufrufen, dass sich Frauen versammeln und eine Geschäftsstraße in Scherben legen, wie es damals geschehen ist in London. Heute kann das anders gehen. Aber wir führen die Debatte oft sehr aggressiv, viel gegeneinander. Mit „friedlich“ meine ich auch einen konstruktiveren Diskurs, wo man sich weniger an die Gurgel geht.

Es gibt Personen, wie Sie selbst andeuten, die die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit leid sind, wie zum Beispiel antifeministische Männerrechtsaktivisten. Was halten Sie ihnen entgegen?

Viele von ihnen sind leider sehr verletzend und beleidigend, mit denen kommuniziere ich überhaupt nicht. Einige haben persönliche Leidensgeschichten, die ich auch traurig und bedauerlich finde und die zum Teil auch Folgen der Geschlechterungerechtigkeit sind. Aber das rechtfertigt nicht, wie manche Maskulisten sich verhalten. Trotzdem glaube ich, dass ich den einen oder anderen mit Argumenten erreichen kann, weil viele es offenbar nicht besser wissen. Deshalb lege ich viel Wert auf überprüfbare Quellen.

Es kommen immer wieder Berichte von Frauen, die sagen, sie werden mit Sexismus konfrontiert. Ein Klaps auf den Po, ein „Schatzilein“ am Telefon. Wie sollten Frauen damit umgehen?

Der Punkt ist doch, dass nicht nur Frauen damit umgehen sollten. Ich kann mich erinnern an eine Situation, die war dem Griff an den Po ähnlich. Ich war aber noch jung und nicht so mutig. Wir hatten ein Teamgespräch, ich erklärte etwas und plötzlich hatte ich die Hand eines Kunden auf meinem Knie. Ich war wie gelähmt, traute mich nicht, etwas zu sagen, zog einfach mein Bein weg. Aber mein eigener Vorgesetzter saß einen halben Meter in Blickrichtung daneben. Ich erwartete, dass er etwas sagt, denn er ist der Höherrangige und doch auf meiner Seite. Er hat aber nichts gesagt. Das hat mich völlig eingeschüchtert. Ich erwarte schlicht, dass Dritte, die älter sind und mehr Erfahrung haben, vor allem auch Männer und erst recht Vorgesetzte, sich einschalten und nicht alles an den Betroffenen hängen bleibt. Arbeitgeber sind dazu sogar gesetzlich verpflichtet.

Vor zwei Jahren gab es die Twitter-Aktion #Aufschrei. Frauen empörten sich via Kurznachrichtendienst über Sexismus. Welche Rolle spielt das Internet?

Da das Internet ein großer Teil der Gesellschaft ist, muss es eine Rolle spielen. Wenn ich sage, dass Internetpetitionen nicht ausreichend sind, heißt es nicht, dass man keine machen soll. Es gibt etliche, die erfolgreich sind. Aktionen, die ich großartig finde, zitiere ich auch in meinem Buch. „Pinkstinks.de“ beispielsweise. Die Webseite liefert nicht nur Informationen zu Rosa-Hellblau-Schubladen in Spielzeugschränken und wie man an Kindern geschlechterstereotype und besonders an Mädchen sexualisierte Dinge vermarktet. Sondern sie startet Aktionen auf Facebook und Twitter und prangert Fehlentwicklungen an.

Sollen diese Geschlechterstereotype aufgebrochen werden. Jungs tragen Pink, Mädchen spielen mit Baggern?

Die Farbe Rosa ist für sich genommen völlig unschuldig. Was Rosa geradezu pervers macht, ist diese Kombination mit diesem Glitzergedöns und die Kombination mit ganz stereotypen Bildern, eine extreme Einseitigkeit. Zum Beispiel bei der Marke Lillifee: Ich habe die Produkte für Mädchen durchgezählt. 276 Produkte gibt es, Altersgruppe 3 bis 7. Die haben fast alle mit Schönheit und Schönmachen zu tun, mit Schmuck und mit Nagellack. Und alle 276 Produkte enthalten die Farbe Rosa. Es geht nicht darum, dass es irgendwelche Produkte in Rosa gibt, sondern, dass es für Mädchen kaum noch eine andere Farbe zu geben scheint.

Sie kommen selbst aus dem Osten. Wie stark fällt es Ihnen auf, dass in der DDR weniger stark zwischen Jungen und Mädchen unterschieden wurde?

Mir fällt das extrem auf. Und das gehört auch zu den Dingen, bei denen ich mir wünschen würde, dass wir auch mal in der Lage sind, ohne Scheuklappen auf die eigene Geschichte zu gucken und mal etwas anderes zu sehen als Mauertote. Auch mal zu sehen, dass man von Vorbildern aus der DDR lernen kann. Ich finde es absolut großartig, dass es dort in den Spielzeugläden einfach nur Regale gab, auf deren Labels stand schlicht: 0 bis 3 Jahre, 3 bis 6 Jahre und 6 bis 12. Denn darum muss es eigentlich gehen. Wir brauchen mehr geschlechterunabhängiges Spielzeug. Ein Kind muss freier entscheiden können, wofür es sich interessiert.

Nun kann man jetzt aber keine Quote einführen für die Gestaltung von Spielzeug und die Vermarktung von Spielzeug.

Das kann auch keiner vorschreiben. Die Unternehmen produzieren das, was sie glauben, am besten vermarkten zu können. Die größte Macht der Veränderung, die es in der Marktwirtschaft gibt, liegt bei uns. Solange es Menschen gibt, die mehrheitlich diesen Mist kaufen, solange wird dieser Mist produziert. In Deutschland werden 25 Milliarden Euro in Werbung gesteckt, und die haben Wirkung. Mädchen denken, dass es das ist, was sie haben müssen, um richtige Mädchen zu sein. Wenn wir uns dem verweigern und versuchen, neutraleres Spielzeug zu kaufen, gleichzeitig aber auch die Rückmeldung geben, dass wir uns andere Produkte wünschen, dann haben wir an einer weiteren Stellschraube gedreht.

Anke Domscheit-Berg: Ein bisschen gleich ist nicht genug. Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind, Verlag Heyne, 2015, 240 Seiten.

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