Erfurt. Die Jüdische Landesgemeinde begeht mit ihren Gästen ein verhaltenes Chanukka-Fest in schweren Zeiten

Rabbiner Alexander Nachama entzündet die dritte Kerze am Leuchter. Chanukka Sameach!

So lautet der jüdische Gruß an diesem Fest. Es erinnert an das Lichtwunder bei der Neuweihe des Tempels vor 2200 Jahren. Ein Fest der Hoffnung und der Freude. Und so wird es gewöhnlich auch begangen, wenn die Jüdische Landesgemeinde zum Chanukka-Fest in den Erfurter Kaisersaal lädt. Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Zwei Monate ist es her, dass die Hamas Israel mit brutalem Terror überzog. Seitdem überschatten Schmerz und Sorge den Alltag der Gemeindemitglieder.

„Wir telefonieren jeden Tag mit unseren Angehörigen in Israel“, erzählt Alexandra, ihren vollen Namen will sie nicht nennen. Sie spricht von Bildern, verängstigte Kinder im Schutzbunker. „Die Seele schmerzt.“ Seit 15 Jahren lebt sie in Erfurt, unter ihren Nachbarn gibt es auch viele Muslime. „Wir begegnen uns freundlich“, erzählt sie. Sagt aber auch, dass sie ihr Judentum für sich behalten. „Wir sind vorsichtiger geworden.“ Die Rede der Schülerin Miriam Borowsky habe sie sie sehr berührt. Sie erinnerte an Ruth, ein israelisches Mädchen im Rollstuhl, das mit ihrem Vater am 7. Oktober beim Musikfestival ermordet wurde. Ruth, 16 Jahre alt.

Schlechte Zeiten für fröhliche Feiern

Nein, es ist keine gute Zeit für fröhliche Feiern. Und so fällt das diesjährige Chanukka-Fest sehr verhalten aus. Mit einer Schweigeminute für alle unschuldigen Opfer, einem Gebet für Israel. 85 Jahre nach der Pogromnacht sei auf deutschen Straßen die Ermordung und Verschleppung von Juden gefeiert worden, so der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Reinhard Schramm. Er fordert ein entschiedenes Vorgehen gegen muslimischen Antisemitismus, die deutsche Mehrheitsgesellschaft scheine die tödliche Gefahr zu unterschätzen, die von ihm und anderen Extremismus-Formen für die Demokratie ausgeht. Man dürfe weder muslimischen Antisemitismus dulden noch die Augen vor deutschem Judenhass verschließen, erklärte Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Jede Form von Antisemitismus, Fremdenhass und Rassismus sei eine Katastrophe für die Gesellschaft.

Weihbischof Reinhard Hauke und Regionalbischof Johann Schneider von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sprachen von einer Bewährungsprobe für das christliche-jüdische Verhältnis. Jüdinnen und Juden könnten von Christen Mitgefühl und Solidarität erwarten, betonte der Weihbischof. Die antisemitischen Übergriffe in Deutschland seien erschütternd. Er warnte aber auch davor, Muslime kollektiv des Antisemitismus zu verdächtigen. Zu den Gästen dieses Chanukka-Abends gehörten auch Vertreter der schiitischen Gemeinde Erfurt, der Ahmadiyya-Gemeinde und der Jesiden in Thüringen.

Johann Schneider erinnerte an die gemeinsame Botschaft, die in Chanukka und der Adventszeit liegt: Das Licht, das in der Dunkelheit Zuversicht gibt. Chanukka ist ein Fest der Hoffnung.