Blick aufs Kleinod: Rathaus Weimar zieht zum Herderplatz

Intime Einblicke in eine Zentrale der Macht konnten Neugierige nicht erwarten: Erst am 24. und 25. April ziehen die Mitarbeiter des Rathauses an den Herderplatz. Trotzdem kamen 250 Besucher in das ehemalige Wilhelm-Ernst-Gymnasium.

OB Stefan Wolf (links) führte die Besucher durch seinen Interims-Amtssitz. Im Hintergrund: Das DDR-Wandbild mit einem Zitat von Walter Ulbricht. Foto: Maik Schuck

OB Stefan Wolf (links) führte die Besucher durch seinen Interims-Amtssitz. Im Hintergrund: Das DDR-Wandbild mit einem Zitat von Walter Ulbricht. Foto: Maik Schuck

Foto: zgt

Weimar. Die drei Führungen waren im Stundentakt angeordnet, dennoch benötigte OB Stefan Wolf nur 20 Minuten, um die Menschen durch den Dreigeschosser zu führen: Ganz ohne Mobiliar waren ungestörte Blicke auf ein umfassend saniertes Kulturdenkmal programmiert. Sanierte und aufgearbeitete Holzdielen im Saalbereich und in den früheren Klassenräumen, profilierte Stuckgesimse und Stuckbögen, bauzeitliche Türen mit ihren Beschlägen, selbst die bemalten Fliesen aus DDR-Zeiten im Erdgeschoss mit einem bildungspolitischen Inhalt blieben erhalten, wenngleich das Zitat von Walter Ulbricht irritierte und zum Gesprächsthema avancierte: "Wenn ihr wissen wollt, wie der Weg vorwärts geht, dann lest Goethes ,Faust‘ und Marx‘ ,Kommunistisches Manifest‘". Fast als antagonistische Antwort kann man jene lateinische Schrift verstehen, die über dem Eingangsportal in Stein gemeißelt wurde: "Soli Deo Gloria - Gott allein sei Ehre."

Kein Teil des Weltkulturerbes ist das historische Rathaus, aber dringend sanierungsbedürftig scheint es ein Ort voller Gefahren zu sein. "Vor allem die Elektroleitungen sind eine große Gefahrenquelle", erklärte Wolf und beschrieb Schwelbrände und Kurzschlüsse samt herausschlagender Flammen.

Die engsten Mitarbeiter des Oberbürgermeisters - Sekretärin, Pressesprecher, Wirtschaftsförderer, persönliche Referentin und andere mehr werden in den ältesten Schulbau Weimars ziehen und etwa nach zwei Jahren an den Markt zurückkehren. Auch die Trauungen werden künftig am Herderplatz vollzogen, weshalb unter den Besuchern am 12. April ein junges Paar war, das sich in wenigen Wochen das Ja-Wort geben wird. Sie sprachen bereits davon, wie das Foto der Hochzeitsgesellschaft auf der imposanten, geschwungenen Freitreppe aussehen könnte.

Schule, Naturkundemuseum, Polytechnisches Zentrum, die Zeit sah seit 1716 viele Nutzungen vor, wobei seit 1990 vor allem die Volkshochschule das Haus nutzte und auch am Leben hielt. Einerseits gehört es zum Unesco-Welterbe "Klassisches Weimar", andererseits war der Sanierungsstau enorm. Für einen Durchbruch sorgte erst das Welterbeprogramm der Bundesregierung, wobei allein Weimar 2009 bis 2014 insgesamt etwa 8,7 Millionen Euro aus Bundesmitteln erhielt.

Wer als dauerhafter Bewohner den Herderplatz bereichern wird, ist noch unklar. Bedarf habe die Klassik Stiftung Weimar, die nach der Sanierung des Stadtschlosses Büroräume für die Fachbereiche Forschung, Lehre und Bildung benötige, sagte Wolf. Dazu sei die Idee eines Herderzentrums immer noch aktuell. Und auch die Volkshochschule hofft darauf, nach dem Auszug Räume nutzen zu können.

Was sich Stefan Wolf ganz persönlich wünschte, verriet er auch: Der Weihnachtsmarkt solle künftig auch den Herderplatz einbeziehen.

Die offizielle Übergabe des Herderplatzes findet am 14. April um 17 Uhr statt.

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