Bote liefert vier Kleinkinder an Flüchtlingsunterkunft ab

Förtha  Asylbewerber-Kinder ohne Begleitung von Erwachsenen bekommt der Wartburgkreis offiziell erst ab nächstes Frühjahr zugeteilt. Am Freitagabend sorgte ein solcher Fall, privat eingefädelt, für große Aufregung und zeigte, dass Behörden in einigen Fragen noch überfordert sind.

Ein französisch sprechendes Pärchen hatte vier Kinder im Alter zwischen anderthalb und knapp sechs Jahren im Gepäck und lieferte sie an der Untermühle in Förtha ab. Foto: Stefan Sauer

Ein französisch sprechendes Pärchen hatte vier Kinder im Alter zwischen anderthalb und knapp sechs Jahren im Gepäck und lieferte sie an der Untermühle in Förtha ab. Foto: Stefan Sauer

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Was sich an der Untermühle in Förtha ereignete, bot Stoff für einen Film. Unvermittelt fuhr ein Auto mit belgischem Kennzeichen vor. Ein französisch sprechendes Pärchen hatte vier Kinder im Alter zwischen anderthalb und knapp sechs Jahren im Gepäck. Vermutlich serbische Kinder, allerdings mit belgischem und einem italienischen Pass. An der Untermühle wurden die Kinder von einer Frau empfangen, die ihre Großmutter sei.

Die Serbin gehört zu den zehn Asylbewerbern, die vor wenigen Tagen in dieser Privatunterkunft vom Wartburgkreis einquartiert worden waren. Das Paar lieferte die Kinder mit mehr Ausweisen als Kinder und der Information ab, dass die Mutter in Belgien inhaftiert worden sei und sie der Vater bei der Oma gut aufgehoben weiß, berichtet Barbara Mittelstaedt. Sie ist quasi die Hausdame und Ansprechpartnerin in der Untermühle. Kaum da, seien die Boten wieder abgefahren. Barbara Mittelstaedt sei ob der Kinder-Lieferung so perplex gewesen, dass sie sich weder das Kennzeichen des Wagens gemerkt noch ein Foto gemacht hatte.

Für die Kinder gibt es in der Untermühle weder Betten, noch Kleidung, noch die entsprechende Nahrung. Die serbische Großmutter gab der Hausherrin überdies zu verstehen, dass sie derzeit auch kein Geld besitze. Guter Rat war für Barbara Mittelstaedt teuer. Eine Notrufnummer vom Jugendamt oder der Ausländerbehörde des Wartburgkreises besitzt sie nicht und ein Computer war auch nicht zur Hand. Da klingt es für Mittelstaedt fast wie Hohn, wenn eine Sprecherin des Landkreises erklärt, dass entsprechende Telefonnummern auf der Internetseite des Landkreises zu finden seien. Aus dem Landratsamt war zu erfahren, dass es einen solchen Fall von privater Kinderübergabe im Wartburgkreis noch nicht gegeben hat.

In ihrer Not suchte Barbara Mittelstaedt bei der Polizei in Eisenach um Hilfe. Auch dort habe es im Zuge des Schichtwechsels aber zuerst nur Ratlosigkeit gegeben. Schließlich wählte die aufgeregte Frau den Polizeinotruf 110. „Auch der Mann am anderen Ende der Leitung in Erfurt war mit der Problematik überfordert, hielt meine Emotion gar für überzogen und legte auf“, berichtet die Frau. Sie fühlte sich mit dieser Situation und vier unerwarteten Kleinkindern in der Untermühle allein gelassen.

Über eine Verwandte brachte sie die Telefonnummer einer Mitarbeiterin des Jugendamtes im Kreises in Erfahrung. Diese habe aber nichts zur Lösung des Problems beitragen können. Schließlich rückte die Polizei aus Eisenach mit zwei Einsatzfahrzeugen an der Untermühle an. Der knapp sechsjährige Junge kommunizierte derweil via Handy mit seinem Vater, erfuhr Barbara Mittelstaedt. Es flossen reichlich Tränen. Die Polizei verständigte nicht nur Mitarbeiter des Landratsamtes, sondern hatte auch schon vier Kindersitze im Auto. Das Schulenglisch der Polizisten reichte allerdings nicht aus, um der Aktion in einer Vernehmung auf den Grund zu gehen. Die vier Kleinkinder wurden in ein Kinderheim nach Eisenach gebracht.

Aus Sicht der Polizei lägen keine Hinweise auf Straftaten vor, so die Antwort auf eine entsprechende Anfrage. Für Barbara Mittelstaedt stinkt die Sache dennoch zum Himmel. „Hier wird mit dem Druckmittel elternloser Kleinkinder von einem Netzwerk etwas durchexerziert, was im Wartburgkreis Schule machen kann“, sagt sie. Serbien ist als sicheres Herkunftsland eingestuft, Belgien sowieso. Die Chance auf Anerkennung tendiere für serbische Asylbewerber also gen Null.

Sie hält es für nötig, dass die Behörden herausfinden, wo sich der letzte Wohnort der vier Kinder befand und wo sich die Eltern aufhalten. „Dorthin müssten die Kinder zurück, statt hier Steuergeld für sie aufzuwenden“, betont Barbara Mittelstaedt. Vom Jugendamt des Kreises habe sie derweil erfahren, dass man der Frau, ihrer Tochter und den besagten vier Enkeln eine eigene Wohnung beschaffen wolle. Am Tag nach der Ankunft der Kinder seien die Großmutter und deren Tochter im Gegensatz zu Freitag wie ausgewechselt und gut gelaunt gewesen.

Nach „der Lieferung“ der Kleinkinder kann sich Barbara Mittelstaedt auch zusammenreimen, warum wenige Tage vor der Ankunft ein Autoanhänger mit ESW-Kennzeichen an der Untermühle abgestellt gewesen war. Darin hätten sich unter anderem Bekleidung und Kinderbetten befunden. Dieser Hänger einer dem Landratsamt bekannten Frau sei jedoch kurze Zeit später wieder verschwunden gewesen.

Barbara Mittelstaedt hält es für notwendig, dass es für Vermieter von Asylbewerberunterkünften eine Notfallnummer gibt, die Behörden wie Polizei, Ausländerbehörde und Jugendamt einbindet. „Bisher macht jeder sein eigenes Ding.“

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