Bundesweites Betreuungsgeld: Experten empfehlen Prüfstand

Die Sozialdemokraten in Thüringen werden sich bestätigt fühlen. Eine neue Studie, die die SPD-Landtagsfraktion am Dienstag präsentieren will, bestätigt offenbar alle Vorbehalte gegen das in Thüringen seit 2006 gezahlte Landeserziehungsgeld. Außerdem empfehlen die Wissenschaftler, die für 2013 geplante bundesweite Einführung des Betreuungsgeldes auf den Prüfstand zu stellen.

Mehr Kinder werden zu Hause betreut: Das ist eine Folge des Erziehungsgeldes, so das Ergebnis einer Bonner Studie. Archiv-Foto: dapd

Mehr Kinder werden zu Hause betreut: Das ist eine Folge des Erziehungsgeldes, so das Ergebnis einer Bonner Studie. Archiv-Foto: dapd

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Erfurt. Die Forscher vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) haben sich Thüringer Daten genau angesehen, um die Auswirkungen des Landeserziehungsgeldes zu ermitteln und daraus Schlüsse für die bundesweite Diskussion zu ziehen. Ihr Fazit ist eindeutig: Sie plädieren dafür, die für 2013 geplante bundesweite Einführung des Betreuungsgeldes auf den Prüfstand zu stellen.

Das Ergebnis der Auswertung von umfangreichen Thüringer Daten: Vor allem Geringqualifizierte, Alleinerziehende und Familien mit niedrigem Einkommen bleiben dem Arbeitsmarkt fern, um die staatliche Leistung in Anspruch zu nehmen. In Thüringen gibt es ein Betreuungsgeld von 150 bis 300 Euro für Zweijährige, die nicht in öffentlichen Einrichtungen betreut werden.

Nach den Erkenntnissen der Forscher ist der Anteil der ausschließlich zu Hause betreuten Kinder nach der Reform um 20 Prozent angestiegen. Auch die so genannte "informelle" Betreuung etwa durch Nachbarn und Freunde ist zurückgegangen. Es waren vor allem Mütter mit niedrigem Einkommen, die ihre Erwerbstätigkeit einschränkten oder sogar ganz aufgaben. Aber es gab auch noch andere Effekte: So blieben ältere Geschwister dem Kindergarten häufiger fern und auch die Erwerbstätigkeit von Vätern sank leicht.

Christina Gathmann, Wirtschaftsprofessorin Heidelberg und Co-Autorin der Studie, warnt: "Insbesondere Geringqualifizierte, deren Familien häufig auf ein zweites Einkommen angewiesen sind, fassen nach längeren Unterbrechungen nur schwer wieder Fuß auf dem Arbeitsmarkt. Zugleich profitieren ihre Kinder überdurchschnittlich von den Fördermöglichkeiten einer qualitativ hochwertigen Betreuung."

Mädchen profitieren

Die Erkenntnisse aus Thüringen bestätigen internationale Studien, nach denen vor allem Mädchen von der Betreuung in Kitas profitieren, besonders im Hinblick auf motorische Fähigkeiten und ihr Sozialverhalten.

Dem Land entstehen durch das Erziehungsgeld Mehrkosten von etwa 245.000 Euro, so die Forscher. Ihre Rechnung: 622.300 Euro werden für das Landeserziehungsgeld aufgewendet. Aber gleichzeitig spart das Land auch Geld, weil Familien ihre Kinder eben nicht in die Kitas schicken. Durchschnittlich kostet ein Kita-Platz die öffentliche Hand in Thüringen 360 Euro. Die Forscher gehen von etwa 1000 Kindern aus, die wegen des Erziehungsgeldes nicht in Kitas geschickt werden. Unterm Strich ergibt das eine Ersparnis von 377.000 Euro, so dass unterm Strich zusätzliche Kosten von 245.000 Euro bleiben.

Die Sozialdemokraten wollen das Geld, das sie bei einer Abschaffung der Leistung sparen, lieber in den Ausbau der Kitas in Thüringen stecken. Das hat Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) des öfteren unterstrichen.

Matschie ist der Auffassung, dass in Zeiten knapper werdenden Geldes sich das Land beides eine qualitative gute Infrastruktur und Erziehungsgeld nicht leisten kann.

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