Das Ende der alten Seilschaften: Landesbeauftragter zur Bedeutung der Einsicht in die Stasi-Archive

Erfurt  Christian Dietrich, der aus Jena stammt, ist Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen. Mit ihm spricht die TLZ über Fragen zu 25 Jahren Akteneinsicht, über Täter und Opfer sowie jene Forderungen, die sich daraus an Staat und Gesellschaft ergeben.

Sie sorgten dafür, dass der Aktenvernichtung Einhalt geboten wurde: Das historische Foto zeigt Barbara Sengewald (damals Weisshuhn, neben der Tür) mit weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern während der Besetzung der Erfurter Stasizentrale am 4. Dezember 1989 bei einem Gespräch mit Stasibezirkschef Schwarz. Foto: Sascha Fromm

Sie sorgten dafür, dass der Aktenvernichtung Einhalt geboten wurde: Das historische Foto zeigt Barbara Sengewald (damals Weisshuhn, neben der Tür) mit weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern während der Besetzung der Erfurter Stasizentrale am 4. Dezember 1989 bei einem Gespräch mit Stasibezirkschef Schwarz. Foto: Sascha Fromm

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Viele Menschen wollen weiterhin die Akten einsehen...

... und es dauert lange, bis jemand die Akte in der Hand hat. Es ist ein großer Aufwand, der dafür betrieben wird. Deswegen gibt es eine große Behörde – und die Einsicht in die Notwendigkeit wird nicht von allen geteilt. Daher rührt die Überlegung mancher, dass man das alles anders machen muss.

Aber die Lebenserfahrung sagt, dass sich Menschen gerade mit traumatischen Erfahrungen oft erst spät aus­einandersetzen. Deshalb ist doch eigentlich klar, dass die Akteneinsicht weiterhin gegeben sein muss, oder?

Ihnen ist das klar, das heißt nicht, dass es allen klar ist. Wir erleben ständig Menschen, die – wenn sie aus dem Berufsleben ausgeschieden sind – zurückschauen, wie das war, als sie ins Berufsleben gestartet sind.

Dass das Thema Stasi auch von der Täterseite nicht in ferner Vergangenheit alter Männer liegt, zeigt sich derzeit ganz offen bei dem Berliner Staatssekretär Andrej Holm (46/Linke), der bei seinem früheren Arbeitgeber, der Humboldt-Universität, falsche Angaben zu seiner Stasi-Ausbildung zur Wende-Zeit gemacht hatte...

Das zeigt, wie nah und wie fern das ist: Er geht damit so um, als wäre das alles nicht so wichtig.

Er hält sein eigenes Tun für eine Jugendsünde?

(lacht)

Aber eigentlich wird‘s doch justiziabel, wenn jemand falsche Angaben in der Personalakte macht?

Darauf läuft es bei Holm ja wohl hinaus... Die Frage ist aber auch: Wie wichtig ist das alles für ihn? War das, was er tat, aus seiner Sicht nicht relevant?

Sehen Sie diese Art des Umgangs mit eigener Verstrickung oder Schuld öfter?

Es gab jetzt das Gerichtsurteil wegen der Stasi-Zusatzrenten. Schauen Sie sich dazu mal die Diskussion im Netz an, wie sich da die Betroffenen vergleichen mit NS-Tätern und ihre Schlechterstellung denen gegenüber beklagen...

Das heißt: Der Maßstab dieser Personen ist nicht die Rente derjenigen im Osten, die nicht bei der Stasi waren, sondern die Rente des SS-Mannes... Begegnen Sie auch Tätern, die reflektierter mit dem umgehen, was sie getan haben?

Ich habe mit drei verschiedenen Arten von Tätern zu tun: Da sind Täter, die selbst zu Opfern geworden sind. Dazu muss man wissen, dass sich diese Herrschaftscliquen zur Machtsicherung untereinander kontrollieren mussten.

Das heißt, sie waren sehr gewalttätig bis in die familiären Strukturen hinein. Es hat lange gedauert, bis das ein Thema wurde. Am bekanntesten aus dieser Gruppe sind jene, die schon als Kinder für die Stasi-Mitarbeit gedungen wurden.

War das bei Holm nicht der Fall, obwohl sein Vater Stasioffizier war?

Er hat jedenfalls nicht davon gesprochen... Anders als Angela Marquardt: Sie hat ihre Gewalterfahrung in diesem Milieu thematisiert.

Die zweite Tätergruppe?

Das sind die, die irgendwann ihr Leben neu justieren und sich dann fragen: Welche Form der Wiedergutmachung gibt es? Hartmut Rosinger ist einer von denen, die noch zu DDR-Zeiten ihre IM-Tätigkeit beendet haben. Er hat sich, mit Anregung und Anleitung, seinen Opfern zugewandt. Dabei sind der Film und das Buch "Feindberührung" entstanden. Rosinger stellt sich zentralen Fragen: Wie wird man Verräter, was heißt Verrat – in der Gesellschaft, der Familie, der Selbstbeziehung?

Aber von dieser Art Mensch gibt es wohl nicht so viele?

Stimmt. Der Bekannteste ist wohl Wolfgang Templin, der das schon zu DDR-Zeiten machte und 1992 seine IM-Akte veröffentlicht hat.

Und was macht Gruppe 3?

Die versuchen kleinzureden und reinzuwaschen, was gewesen ist. Aber auch jene, die offensiv mit ihrer Vergangenheit umgehen, können nicht immer alle Ecken des Verrats anschauen. Das finde ich ganz menschlich.

Was ist neben der Möglichkeit zum persönlichen Einblick zentral bei der Aktenöffnung, die es ja so anderswo nie gegeben hat?

Der Fakt, dass offenkundig wurde, wer mit wem gearbeitet hat, wirkte wie ein Antikorruptionsgesetz.

Meinen Sie: Aktenöffnung hat die alten Seilschaften gekappt?

Genau. Denen ist ihre geheime Macht genommen worden. Schauen Sie sich zum Vergleich die Entwicklung in manchen ost- und südosteuropäischen Ländern an, wo das nicht der Fall war... Ich habe das in der Ukraine ein wenig begleitet, wo es drei Revolutionen gab: in die Unabhängigkeit, die Orangene und die der Würde. Jedes Mal ging es darum, Geheimdienststrukturen zu zerschlagen.

Lassen sich Opfer- ähnlich kategorisieren wie Tätergruppen?

Es ist nicht so einfach, mit dem Opferbegriff umzugehen. Ins Leben hineingepfuscht wurde vielfältig: nicht nur durch Haft, Verlust der Heimat, Entfernung aus Studium oder Beruf – oder etwa dadurch, dass Denunziation Eheleute auseinandergebracht hat. Es gab einen utilitaristischen Ansatz, der nicht vordergründig politische Opfer hervorbrachte: Es galt nur das, was sinnvoll in der Perspektive der Herrschenden war; ansonsten zählte der Mensch nicht. Das zeigt sich etwa bei der Debatte um die Sportschulen, um den Druck, der dort ausgeübt wurde, und den Missbrauch dort nicht nur mit Blick auf Doping. Insofern gibt es ganz verschiedene Arten des Opferseins.

Welche Aufgaben bringt das heute mit sich?

Die große Herausforderung der demokratischen Gesellschaft besteht darin, dass man weiß, man hat Verantwortung für sein Leben und für das der anderen – also Verantwortung in sozialer Dimension. Das muss nach einer Diktatur offensichtlich erst gelernt werden. Es ist nichts Selbstverständliches.

Das heißt?

Opfer gewesen zu sein heißt nicht, immer Opfer zu sein. Aber es gibt auch Opfer, die das nicht mehr schaffen.

Den Unterschied macht wohl, ob jemand geknickt oder gebrochen wurde?

Ja. Es gibt Menschen, die können nicht in die Selbstgewissheit kommen. Sie brauchen Begleitung – und die Frage ist, wie viel sich eine freie Gesellschaft an der Stelle leistet. Das ist auch eine Art der Würdigung.

Wer sich nicht laut bemerkbar machen kann, der braucht Hilfe, die zu ihm kommt?

Es geht darum, räumliche und emotionale Nähe herzustellen. Aufdringlichkeit ist keine Lösung. Der Weg darf aber nicht zu weit sein für den, der Hilfe braucht. Den ersten Schritt muss er aber selbst gehen.

25 Jahre Akteneinsicht: Was wünschen Sie sich?

Eine größere Transparenz öffentlichen Handelns. Wir bräuchten viel mehr Orte, an denen es möglich ist, dass jemand ernst genommen wird. Aus der politischen Ecke höre ich derzeit oft: Wir müssen ins Gespräch kommen.

Täter und Opfer im Gespräch? Das wurde schon 1990 angeregt.

Ja, aber es gilt nicht, einzelne Personen in alte Rolle zu drängen. Wichtig ist, dass Geschichte, die noch nicht erzählt, die unterdrückt worden ist, ihren Ort bekommen muss. Dann kann keiner mehr sagen: Das konnte ich gar nicht wissen... So verstehe ich auch meinen Auftrag: den tabuisierten Geschichten und damit den Menschen einen Platz zu geben. Das meine ich mit emotionaler Nähe.

Christian Dietrich wurde 1965 in Jena geboren. Das Abitur wurde ihm in der DDR verweigert – aus politischen Gründen. Er besuchte das Kirchliche Proseminar in Naumburg, studierte später evangelische Theologie und war in Gruppen tätig, die sich gegen die Todesstrafe, für eine solidarische Kirche und mit gewaltsamem Widerstand befassten. Er ging gegen die "Pseudowahlen" im Mai 1989 auf die Straße, wurde mehrfach verhaftet und setzte sich im Herbst 1989 früh für Versammlungs- und Vereinsfreiheit ein. Die Stasi verfolgte ihn unter dem Operativen Vorgang "Kerze". Nach Studienabschluss war er in Thüringen Pfarrer, zuletzt in Nohra bei Weimar, ehe er 2013 vom Landtag als Beauftragter des Freistaates Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eingesetzt wurde. Damit hat er ein anderes Aufgabenfeld als seine Kollegen beim Bundesbeauftragten Roland Jahn, kümmert sich aber um ähnliche Themen.

"Akteneinsicht ist der erste Schritt zur Entgiftung"

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