Die jungen Akademiker in Thüringen rebellieren

Jena  Wissenschaft und Lehre setzen notorisch auf Menschen mit prekären Beschäftigungsbedingungen.

Jenas Uni-Präsident Walter Rosenthal hat von Tutoren einen Brandbrief erhalten.

Jenas Uni-Präsident Walter Rosenthal hat von Tutoren einen Brandbrief erhalten.

Foto: Bodo Schackow/dpa

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Mehrere studentische Hilfskräfte der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena fordern gerechtere Arbeitsbedingungen für sich und anderes wissenschaftliche Personal. Als sogenannte Tutoren unterstützten sie den Lehrbetrieb an der Uni durch zusätzliche Lerneinheiten zu Seminaren, Vorlesungen oder Übungen für andere Studenten, schreiben sie in einem Brief an Universitätspräsident Walter Rosenthal. „Das tun wir unter extrem schlechten Arbeitsbedingungen.“

Beispielsweise hätten fast alle von ihnen nur auf die Vorlesungszeit, also auf etwa vier Monate, befristete Verträge. Sie erhielten für ihre Leistungen nur den gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,84 Euro brutto pro Stunde oder – für den Fall, dass sie bereits einen Bachelor-Abschluss hätten – 9,70 Euro brutto pro Stunde.

Zudem erhielten manche von ihnen nur die reine Lehrzeit vergütet, nicht aber ihren Zeit­aufwand für die Vor- und ­Nachbereitung der Lehre. „Dabei ergibt sich ein realer Stundenlohn von teilweise unter vier Euro pro Stunde“, heißt es in dem Brief.

Arbeitsbedingungen gelten als prekär

Die Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen gelten für studentische Hilfskräfte und Nachwuchswissenschaftler schon seit Jahren als prekär. Viele hangeln sich von einer befristeten Teilzeitstelle zur nächsten. Die studentischen Hilfskräfte der FSU Jena schreiben in ihrem Brief, sie solidarisierten sich mit denjenigen Wissenschaftlern, die als Lehrbeauftragte unter ähnlich schlechten Bedingungen wie sie arbeiteten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Thüringen unterstützt den Protest der Tutoren – und geht über deren Forderungen hinaus. Während die Tutoren Verträge mit einer Laufzeit von mindestens einem Jahr fordern, will die GEW für sie in der Regel eine Mindestvertragslaufzeit von zwei Jahren. Zudem sollen die Tutoren ein Entgelt deutlich über dem Mindestlohn erhalten. Die Gewerkschaft bringt einen Bruttostundensatz von 14 Euro ins Gespräch.

In Jena hatten sich jüngst Nachwuchswissenschaftler mit der Frage beschäftigt, warum sie unter diesen schlechten Arbeitsbedingungen überhaupt in der Wissenschaft arbeiten wollen.

„Der beste schlechte Job“

Wenn Beschäftigte an Hochschulen gefragt werden, was ihnen am meisten Stress macht, geht es weniger um Geld oder um unzählige unbezahlte Überstunden. Als negativ an den Arbeitsverhältnissen in der Wissenschaft empfindet der akademische Nachwuchs vor allem „Flexibilität als Dauerbelastung“ oder „Anerkennungsdefizite“. Oder „Um meine Karrierechancen zu erhöhen, muss mich mit langweiligen Inhalten befassen und dazu publizieren“. Aber auch: „Zu wenige Frauen(netzwerke)“.

Das jedenfalls haben jüngst Teilnehmer einer wissenschaftlichen Konferenz an der Uni Jena zur Sprache gebracht. Viele von ihnen arbeiten unter ziemlich miesen Bedingungen an Hochschulen. Was die Tagung – vollständiger Titel: „Akademische Prekarität: Entwicklungen, Hintergründe, Gegenmaßnahmen“ – schon deshalb besonders machte: Hier beschäftigten sich Wissenschaftler wissenschaftlich mit ihrem eigenen Sein in der Wissenschaft – und so auch damit, unter welchen Bedingungen Wissenschaft heute Ergebnisse produziert. Es sind Bedingungen, gegen die nun studentische Hilfskräfte der FSU Jena mit ihrem Brief an den Jenaer Uni Präsidenten Walter Rosenthal rebellieren. Den Tutoren geht es auch um mehr Geld.

Halbe Stelle bedeutet oft 100 Prozent Arbeitszeit oder mehr

Junge Beschäftigte an deutschen Hochschulen können oft keine allzu großen Sprünge machen, wenn sie zum Beispiel eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter haben. Doch im Osten verdienen Jungakademiker dennoch oft nicht viel weniger Geld als viele Handwerker oder einfache Angestellte mit Vollzeitstellen; das liegt daran, dass hier im öffentlichen Dienst – relativ gesehen – gut bezahlt wird. Konkret: Nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Agentur für Arbeit lag das monatliche Durchschnittsbruttogehalt im Handel in Thüringen 2015 bei 1960 Euro, im Dienstleistungssektor bei 1770 Euro – für eine Vollzeitstelle.

Bei einer halben E13-Stelle an einer Thüringer Hochschule, auf die wissenschaftliche Mitarbeiter häufig gesetzt werden – beginnt das Bruttogehalt in der niedrigsten Erfahrungsstufe schon bei etwa 1800 Euro. Dazu passt, was einer der Organisatoren der Tagung, der Jenaer Soziologe Hans Rackwitz, sagte: „Nicht jede prekäre Beschäftigungssituation wird auch als solche empfunden.“ An Hochschulen bedeutet eine halbe Stelle oft 100 oder sogar 150 Prozent Arbeitszeit. Stichwort: unbezahlte Überstunden, über die auch die Hilfskräfte in ihrem Schreiben an Rosenthal schimpfen.

Warum so viele wissenschaftliche Mitarbeiter und vor allem Lehrbeauftragte trotzdem in der Wissenschaft arbeiten und zwar in der Regel unter miesen Bedingungen? Es sind die als positiv empfundenen Seiten ihrer Jobs: „Ich kann lange schlafen“, „interessante Dienstreisen“, „viele Gestaltungsmöglichkeiten“, „körperlich schadet der Job nicht“. Und: „Ich fühle mich einer Bildungselite zugehörig und habe deshalb ein positives Selbstbild.“ Oder anders gesagt, Arbeiten an der Uni ist „der beste schlechte Job“.

Der Nachwuchs lässt sich nicht mehr alles gefallen

Rackwitz schätzt ein, dass gerade diese positiven Aspekte der Hochschul-Jobs es so schwer machen, die Arbeitsbedingungen der dort Tätigen zu verbessern. Es gibt weiterhin genügend Menschen, die für einen Job an einer Fachhochschule oder Universität halbe Stellen, ständige Befristungen und die vage Aussicht auf eine Professur in Kauf nehmen. Nach den Gesetzen des Marktes besteht deshalb kaum eine Notwendigkeit, an der Struktur der wissenschaftlichen Arbeit etwas zu ändern.

Wenn nur der Einzelne, sagte Rackwitz nach der Tagung, gegen seine prekäre Beschäftigung aufbegehre, verpuffe dieser Aufstand. „Das wird untergehen in dem Konkurrenzdruck, der an den Hochschulen herrscht.“ Die prekäre Beschäftigungslage gehe einher mit großer Konkurrenz unter den Beschäftigten, die zur Selbstausbeutung führe.

Nur auf der einen Seite politisch und auf der anderen Seite durch fachübergreifende Initiativen der Betroffenen zum Beispiel mit Gewerkschaften lasse sich deshalb an der prekären Beschäftigungslage an den Hochschulen etwas ändern, glaubt Rackwitz. Immerhin, sagt er, gebe es dazu in der jüngsten Vergangenheit einige vielversprechende Ansätze. Vielleicht gehört der Brief an Rosenthal dazu, weil er zeigt, dass sich der Nachwuchs nicht mehr alles gefallen lassen will.

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