Die zerbrochenen Fundamente als Last auf der Seele

Der Erfurter Autor Joachim Süss befasst sich zur Zeit hauptsächlich mit dem Nachhall von Krieg, Flucht und Vertreibung in den Biographien von Kindern und Enkeln der Erlebnisgeneration. Lesen Sie hier einen Vortrag, der er jüngst bei der Tagung "Vom Babyboomer zum Brückenbauer? Die Generation Kriegsenkel in der heutigen Gesellschaft" in der Akademie Sankrughof nahe Hamburg gehalten hat.

So ist das halt bei mir: Ich bin auf der Flucht, hinter mir die Rote Armee. Der Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe (Foto) hat seine Erfahrungen mit dem Trauma seiner Mutter auf die Bühne gebracht. Foto: Thomas Müller

So ist das halt bei mir: Ich bin auf der Flucht, hinter mir die Rote Armee. Der Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe (Foto) hat seine Erfahrungen mit dem Trauma seiner Mutter auf die Bühne gebracht. Foto: Thomas Müller

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Sie kennen das vielleicht: Da treffen sich Menschen, die aus einer Flüchtlings- oder Vertriebenenfamilie stammen (beides ist ja anders nuanciert, deswegen benutze ich dieses Kompositum - wer flüchtete, tat dies ja nicht unbedingt unter Gewaltandrohung), und sofort ist da dieses Einvernehmen, ein gemeinsamer Hintergrund und, ganz entscheidend, gemeinsame Erfahrungen im Alltag und mit sich selbst tun sich auf. Sie sprechen die gleiche Sprache. Erfahrungen und Einsichten sind sofort und unmittelbar intersubjektiv nachvollziehbar, die bei Nicht-Eingeweihten auf tiefes Unverständnis stoßen. Sie teilen unzweifelhaft ein gemeinsames Erbe, ihr Leben fußt auf einem vergleichbaren Fundament. Sie sind Schicksalsgeschwister.

Sie nehme ich bei meinen nun folgenden Ausführungen speziell in den Blick. Ich frage nach den Folgen von Flucht und Vertreibung für die Nachkommen der Erlebnisgeneration, für Menschen, die heute in etwa 40 bis 60 Jahre alt sein dürften, und akzentuiere damit einen besonderen Teilaspekt des aktuellen Themenfeldes Kriegsenkel .

Es geht um das psychologische Erbe von geschätzt zwölf bis 14 Millionen Menschen, die vor und nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges unter zumeist dramatischen Bedingungen ihre Heimat in den ehemaligen deutschen Ostprovinzen und den deutsch besiedelten Räumen Ost- und Südosteuropas verlassen mussten.

Warum diese Fokussierung?

Anders als bei Opfern des Bombenkrieges beziehungsweise deren Kindern spielt bei den Flüchtlingen und Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges das Thema Heimat naturgemäß eine wichtige Rolle.

Die Schriftstellerin Jenny Schon, 1943 im böhmischen Trautenau, dem heutigen tschechischen Trutnow geboren, leidet bis heute unter den traumatischen Erfahrungen der Flucht, die sie im Kinderwagen mit ihrer Mutter bis ins rheinische Brühl führte. Wenn sie davon sprach, wurde ihr entgegengehalten, man habe im Rheinland ja auch sehr zu leiden gehabt, die großen Städte seien ja völlig zerbombt gewesen. Pointiert entgegnete sie dann, dass die Heimatstädte der Flüchtlinge und Vertriebenen auch zerbombt gewesen seien. Nur hätten sie nach dem Krieg nicht mehr in diese Städte zurückkehren dürfen.

Es bleibt der anhaltende Verlust der Heimat

Wer aus dem kriegszerstörten Köln stammte, der hatte immerhin noch eine - wenn auch schwer in Mitleidenschaft gezogene - Heimat. Wer aus dem ebenso zerstörten Königsberg kam, der hatte sie für immer verloren. Jenny Schon schreibt: Vertreibung bedeutet, unfruchtbar werden an Körper, Geist und Seele, herausgerissen aus dem Zyklus der Ahnen.

Der Heimatbezug hat natürlich nicht nur negative Seiten, ist also nicht nur mit Stichworten wie Verlust oder fehlende Verwurzelung im Leben konnotiert. Denn wer Eltern oder ein Elternteil mit einer Vertriebenenbiographie hat, der verfügt ja auch über einen familiengeschichtlichen Bezug zu den Landstrichen und Nationen jenseits von Oder und Neiße, zu dem Raum also, den wir heute Osteuropa nennen (der Jahrhunderte lang allerdings eher Mitteleuropa zugerechnet wurde). Mit Danzig im familiären Reisegepäck bestehen familiäre, kulturelle und mentalitätsmäßige Beziehungen zum heutigen Polen, für Ostpreußen- oder Schlesienstämmige gilt dies ebenso. Kinder von Deutschböhmen verfügen entsprechend über einen biographischen Bezug zu Tschechien.

In der europäischen Union, im Schengenraum, gibt es keine Grenzen mehr. Wenn ich heute mit dem Wagen auf der Autobahn 4 die Neiße überquere, dann dauert es mitunter eine ganze Weile, bis ich bemerke, dass ich nicht mehr in Deutschland bin. Auch in Polen befahre ich ja die Autobahn 4. Wir Flüchtlings- und Vertriebenenenkel tragen dieses transnationale Erbe in uns und ich denke, das ist bei aller familiengeschichtlichen Tragik ein großes und positives Kapital.

Seit 70 Jahren nimmt diese Fahrt keine Ende

Kennen Sie den Liedermacher und Kabarettisten Rainald Grebe? Er hat ein Lied geschrieben, das heißt: Auf der Flucht: Darin besingt er, und er tut das durchaus mit einem Augenzwinkern, seine Lebenssituation als Sohn einer heimatvertriebenen Mutter. Ein kurzer Auszug: Ich spiel in Neustadt/Dosse, hinter mir der Russe, vor mir mein Klavier. So ist das halt bei mir: Ich bin auf der Flucht - hinter mir die Rote Armee.

Meine Mutter ist aus Breslau im Sommer `44, mit ihrer Käthe Kruse Puppe gefloh`n. Seit über sechzig Jahren muss sie weiterfahren mit ihrem Pferdewagen, und ich bin halt ihr Sohn.

Ein Tag an einem Ort ist ein Tag zuviel , heißt es weiter, und ich bin ein Kriegsenkel und wir Kriegsenkel flüchten wo immer wir sind , oder meine Scholle trage ich unter meinen Sohlen . Kennen Sie das auch? Ich jedenfalls kenne das gut: Seit meiner Studienzeit zieht sich eine Spur frisch renovierter, aber nur kurzzeitig bewohnter Wohnungen durchs Land, die Jobs, die ich hatte, waren meist nicht die Jobs, die ich wollte, und auch darin kann ich Rainald Grebe nur zustimmen: Wirklich zuhause gefühlt habe ich mich lange nur auf Bahnhöfen und unterwegs auf der Autobahn.

In einem Interview mit dem Mitteldeutschen Rundfunk sagte Rainald Grebe kürzlich, die Vertreibung seiner Mutter aus Breslau habe nicht nur sie, sondern auch ihn selbst und sein Leben maßgeblich geprägt.

Der Russe im Nacken - dies ist nicht nur das Erbe des Flüchtlingsenkels Rainald Grebe, sondern ebenso all derjenigen, deren Vorfahren Flüchtlinge und Vertriebene sind. Ein sprechendes, sehr konkretes Bild für die immer noch virulente Präsenz des Krieges im Leben der Nachkriegsgenerationen!

Von Traumatisierung sprechen wir, wenn eine Person vereinfacht gesagt mit einem für sie überschweren, nicht zu verarbeitenden Ereignis konfrontiert worden ist. Die Seele kapselt die Erinnerung an dieses Ereignis gleichsam ein, um die Integrität der Person zu schützen, die angesichts der schieren Übermacht ihrer Erfahrung seelisch zu zerbrechen droht.

Solche seelischen Schutzmechanismen sind notwendig, denn sie helfen, in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben und damit zu überleben. Was geschieht, wenn sie nachlassen, können wir derzeit bei vielen Angehörigen der Kriegs- Erlebnisgeneration beobachten, die inzwischen alt geworden sind. Aus Pflege- und Altersheimen wird berichtet, dass die Erinnerung an traumatische Kriegserlebnisse bei vielen Patienten plötzlich und schockartig hochkommt, wenn die seelischen Abwehrkräfte schwächer werden: die Todesangst im Luftschutzkeller, die Vergewaltigung als junge Frau, der Verlust naher Angehöriger unter dramatischen Bedingungen während der Flucht... - all dies ist nach Jahrzehnten plötzlich wieder präsent und lässt nicht selten hilflose und verzweifelte Menschen zurück. Und oft erfahren nahe Angehörige erst jetzt, welche Tragödie ihre Eltern durch den Krieg erlitten haben.

Welche Spuren hat das Trauma der Eltern, der Großeltern und das Schicksal der Familie im Leben der Nachkommen hinterlassen? In der Forschung wird seit geraumer Zeit von transgenerationaler beziehungsweise intergenerationaler Weitergabe kriegsbedingter Traumatisierungen gesprochen. Was ist damit gemeint? Was wird denn von einer Generation auf die nächste übertragen? Und wie muss man sich diesen Vorgang konkret vorstellen?

Das Trauma selbst ist es ja nicht, das vererbt werden kann. Denn es ist an die Person gebunden, der das traumatisierende Erlebnis widerfahren ist. Insofern erscheint mir die wissenschaftliche Formulierung eine Übertragung kriegsbedingter Traumatisierungen als doch eher unglücklich. Vielleicht drückt der Begriff Sekundärtraumatisierung den Sachverhalt besser aus. Oder wir sprechen von seelischen Traumatisierungsfolgen in der nächsten Generation. Mir persönlich gefällt auch der Begriff Schattentrauma gut.

Ich möchte den Zusammenhang, um den es geht, an einem Bild veranschaulichen: einem Tisch mit einem Glas Wasser darauf. Der Tisch steht für die Generation der Eltern. Das Glas auf dem Tisch versinnbildlicht deren Sohn oder Tochter. Wenn ein Fausthieb den Tisch erschüttert, trifft er zwar direkt nur auf das Holz. Trotzdem ist das Wasserglas mit betroffen; mindestens gerät sein Inhalt in Bewegung, vielleicht schwappt Flüssigkeit über, möglicherweise fällt das Glas auch um. Das ist es, was sich auch bei den Flüchtlings- und Vertriebenenenkeln abspielt.

Es sind, um im Bild zu bleiben, die Faustschläge des Krieges, in unserem Fall speziell die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, von erzwungenem Heimatverlust, der Tod von Angehörigen und Freunden, es sind Vergewaltigung, Hunger, über Wochen und Monate andauernde Lebensgefahr, deren Nachhall sich im Leben von Flüchtlings- und Vertriebenenenkeln bemerkbar macht und die Entwicklung eines sicheren Identitätsgefühls, seelischer Stabilität, den Zugang zu den inneren Quellen von Kraft und Kreativität, Lebenszuversicht und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten unterlaufen können. Bei vielen jedenfalls ist das der Fall, und sie tragen die Stigmata eines Krieges an Leib und Seele, der zwar lange vorbei ist, aber dessen Folgen immer noch nicht ganz ausgestanden sind.

Reflexion über die Nachwirkungen begannen sehr spät

Wir haben diese Dimension lange nicht sehen können. In Deutschland jedenfalls hat die Reflexion über die Nachwirkungen elterlicher Kriegserfahrungen erst vor wenigen Jahren eingesetzt. Und so mussten die allermeisten die längste Zeit ihres Lebens im Unklaren über bedeutende Formungskräfte ihres Lebens bleiben - Kräfte, die sich lange vor der individuellen Geburt gebildet hatten. Da sich Deutschland als Verursacher des katastrophalen Krieges im Übermaß schuldig gemacht hatte, konnte Jahrzehnte lang verständlicherweise nur wenig über deutsche Opfer gesprochen werden. Die Zusammenhänge, um die es uns heute geht, blieben dadurch verborgen, ein öffentliches Bewusstsein entstand leider nicht, Heilung war so gut wie unmöglich.

Schuldgefühle festgestellt bei den Nachgeborenen

Im Ausland war dies verständlicherweise ganz anders. Schon in den 1980er Jahren untersuchte ein israelischer Wissenschaftler, der Psychologe Dan Bar-On, welche Auswirkungen der Holocaust auf die Nachkommen von Überlebenden hat. Er fand heraus, dass viele junge Israelis depressiv und kraftlos waren, ohne zunächst greifbare Ursachen dafür zu erkennen. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass sie unter den Folgen eines elterlichen Schuld-Traumas zu leiden hatten: Ihre Eltern hatten überlebt, während viele ihrer Angehörigen ermordet worden waren - was bei Überlebenden des Holocaust schwerste Schuldgefühle auslösen konnte. Es wirkte, als hätte sich eine Kopie des elterlichen Schicksals auf die Lebensläufe der Nachkommen gelegt.

Welche Botschaften hat beispielsweise eine Frau, die während ihrer Flucht aus Ostpreußen mehrfach vergewaltigt wurde, an ihre Tochter vermittelt? Es könnten subtile Aufforderungen gewesen sein, ein unhörbarer, dafür umso wirkungsvollerer Subtext in der Erziehung, wie zum Beispiel Mach dich um Gottes Willen unsichtbar. Zeig dich bloß nicht, versteck dich im Keller oder auf dem Heuboden. Nur so ist es für dich sicher, falls überhaupt. Andernfalls bist du Freiwild (so heißt das erschütternde Buch von Ingeborg Jakobs, das über die seelischen Wunden solcher Frauen berichtet), und dem Aggressor schutzlos ausgeliefert.

Es ist unschwer vorstellbar, was solche Botschaften, erst recht, wenn sie subtil von frühester Kindheit an in die Seele implantiert worden sind, im Leben der Töchter bewirken: Kraftvolle mütterliche Impulse für eine selbstsichere, neugierige und wagemutige Existenz sehen anders aus.

Noch ein Beispiel: Welche Lebensmaximen hat ein Vater seinem Sohn mitgegeben, der nach Kriegsende als Jugendlicher in eines der vielen Zwangslager für deutsche Zivilisten in Polen oder der Tschechoslowakei deportiert wurde; der - als biographische Schlüsselerfahrung - die Hinrichtung einiger Schulfreunde miterleben musste, nur weil sie abhauen wollten und der selbst nur um Haaresbreite der eigenen Erschießung entkam? Was also würde dieser Mann seinem Sohn vermitteln, welche überlebensnotwendigen Regeln, die sich aus seiner Lebenserfahrung destillieren? Vielleicht diese: Tanz nicht aus der Reihe, mach dich unsichtbar, tu, was dir gesagt wird, lass dich auf gar keinen Fall zu einem Alleingang hinreißen, sonst fällst du auf. Und Auffallen bedeutet unweigerlich Tod. Darum bleib in Deckung, halte den Kopf unten und sieh zu, dass du alles (also das Leben) heil überstehst...

Kein Wunder also, wenn Flüchtlings- und Vertriebenenenkel ihr Potenzial beruflich und persönlich oft kaum ausschöpfen und buchstäblich in der zweiten Reihe bleiben - in Deckung sozusagen.

Mitgift einer fast verschlungenen Generation

In den Biographien der Flüchtlings- und Vertriebenenenkel manifestieren sich also Kräfte und Einflüsse, die älter sind als sie selbst und denen Erfahrungen zugrunde liegen, die ihre Eltern gemacht haben. Sie haben ihre Biographien geformt, ihnen einen unübersehbaren Stempel aufgedrückt. Diese Einflüsse bezeichne ich ganz bewusst als Erbe. Dieses Erbe ist die Mitgift einer Generation, die im Mahlstrom einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte beinahe verschlungen worden wäre. Die übergroßen Schockwellen dieser Katastrophe überfluteten ihre schutzlose Existenz wie ein Tsunami. Und weil es dagegen keine wirksamen Dämme geben konnte, pflanzten sich die Schockwellen im Leben ihrer Nachkommen fort.

Für mich steht außer Frage, dass sich für unsere Generation, die Generation der Kriegsenkel im Allgemeinen und der Flüchtlings- und Vertriebenenenkel im Besonderen, eine solche Aufgabe stellt. Ist unser Schicksal nicht selbst schon Beleg dafür? Ein Beleg, dass noch etwas bewältigt, jedenfalls zum Abschluss gebracht werden muss? Warum gelangt das Thema Kriegsenkel seit relativ kurzer Zeit, aber auf derart breiter Front auf die gesellschaftliche Agenda? Getragen von vielen Einzelnen, von Autoren, Wissenschaftlern und Initiativen wie Kriegesenkelgruppen, Internetforen und Vereinen?

Die Zeit war offenbar reif dafür. Mit dem Schweizer Psychoanalytiker C.G. Jung könnte ich sagen: Das Thema ist konstelliert, es ist also auf einer überindividuellen, kollektiven Ebene verhandlungsfähig geworden.

Worum geht es, wenn hier von Heilung die Rede sein soll? Zum einen um eine individuelle, persönliche, zum anderen geht es um eine kollektiv-gesellschaftliche Aufgabe. Beide hängen eng mit einander zusammen. Ich will zum Schluss noch kurz andeuten, was ich darunter verstehe.

Geburtsrecht auf ein unbelastetes eigenes Leben

Individuell-persönlich bedeutet Heilung, eine Bewältigung der negativen Dimension des Erbes zu versuchen, nach Wegen und Möglichkeiten zu suchen, um diesen destruktiven Kräfte zu besiegen. Wir haben das Geburtsrecht, unser Leben unbelastet von uralten Schatten zu leben. Der Sinn unseres Daseins besteht darin, ganz Mensch zu sein , wie es der bekannte Benediktiner, katholische Priester und Zen-Lehrer Willigis Jäger ausdrückt. Für Kriegsenkel heißt das: Geschichte und familiäres Schicksal lassen sich rückwirkend nicht mehr verändern. Also geht es darum, das elterliche Erbe als Teil der eigenen Biographie zu akzeptieren, aber ohne weiterhin zuzulassen, das es das eigene Leben blockiert. Diese Aufgabe ist schwierig, denn sie bedeutet Vergebung. Ganz Mensch zu sein heißt auch, sich selbst vergeben können, was im Verlauf des eigenen Lebens anders hätte sein können, aber nicht anders war. Dann aber auch: seinen Eltern zu vergeben, die aufgrund ihrer Traumatisierung nicht anders handeln konnten als sie es taten. Vergeben wir ihnen, denn sie waren Opfer. Und schließlich: vergeben wir auch denen, die ihnen ihr Leid zufügten. Denn auch sie waren Opfer, Opfer einer Geschichte, die es nicht gut mir ihnen meinte.

Dann erschließt sich die andere Seite des Erbes, die es auch gibt: das Stärkende und Heilsame, wie der Überlebenswille und die Zähigkeit unserer Vorfahren, die sie alle Gefahren der Flucht überstehen ließen.

Schließlich noch einige Gedanken zur kollektiv-gesellschaftlichen Dimension der Aufgabe. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie hoch eigentlich der gesellschaftliche Schaden ist, den das Erbe unserer Generation nach sich zieht? Krankheitsbedingte Ausfälle am Arbeitsplatz, Sozialleistungen und Gesundheitskosten, im Grunde auch verschenkte Bildungskosten, weil hoch qualifizierte Kriegsenkel mit teuren Ausbildungen oft genug gelähmte Menschen sind, die kaum in der Lage sind zu produzieren, was sie schaffen könnten, wenn sie vom Schatten des Krieges unbelastet wären? Und nicht zuletzt sind da die noch gar nicht zu beziffernden demographischen Kosten infolge der unter Kriegsenkeln weit verbreiteten Kinderlosigkeit.

Wir müssen das Thema Flüchtlings- und Vertriebenenenkel im besonderen und Kriegsenkel im Allgemeinen in die Mitte der Gesellschaft rücken, es aus der Nische befreien, wenn wir diese Probleme produktiv bewältigen wollen.

Dann wäre die Trauer um den millionenfachen Verlust der Heimat unser gemeinsames Erbe, und das Bewusstsein um die mitunter niederdrückenden seelischen Folgelasten, die die nächsten Generationen zu tragen haben, wäre Allgemeingut.

Ziel sein sollte ein gedeihlicheres Fahrwasser

Niemand müsste dann mehr 40, 50 Jahre auf die befreiende Einsicht warten, dass er gar nicht selber schuld ist: schuld an den sich bleiern wiederholenden Erfahrungen des Scheiterns, der lastenden Unfähigkeit anzukommen, Lebenswurzeln zu schlagen und Kinder zu haben, den elend langen Jahrzehnten unverstandenen Leidens an sich selbst, den Depressionen; schuld an dem traurigen Gefühl, niemals irgendwo dazuzugehören, den eigenen Platz im Leben nicht zu wissen und sich buchstäblich ver-rückt zu fühlen, nämlich weggerückt von dem Ort, an dem der Mensch unbedingt gewollt ist. Denn er wüsste: Es ist eine geerbte Last, die ihn niederdrückt. Diese Erkenntnis gäbe ihm die Möglichkeit, sich rechtzeitig von den destruktiven Seiten des Erbes zu befreien und das eigene Leben in ein gedeihlicheres Fahrwasser zu steuern. Dann erst wäre der Krieg wirklich zu Ende.

Zum TLZ-Gastautor: Joachim Süss ist Dr. theol., lebt in Erfurt und arbeitet als Autor, Herausgeber und Seminarleiter in Deutschland und Polen. Er befasst sich zur Zeit hauptsächlich mit dem Nachhall von Krieg, Flucht und Vertreibung in den Biographien von Kindern und Enkeln der Erlebnisgeneration. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. Vertreibung - Verständigung - Versöhnung (2011), Neue Religiosität und Jugendszenen in Thüringen (2004). Der hier abgedruckte Vortrag wurde vom Autor jüngst bei der Tagung Vom Babyboomer zum Brückenbauer? Die Generation Kriegsenkel in der heutigen Gesellschaft in der Akademie Sankrughof nahe Hamburg gehalten. Nachfragen an den Autor sind möglich über seine Mailadresse Dr-Suess@t-online.de

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