Ende der amerikanischen Besatzung: „Es ist ein angstvolles Durcheinander“

WEIMAR/JENA/EISENACH/GERA  Nach 80-tägiger Besatzungszeit zogen die amerikanischen Truppen am 1. Juli 1945 aus Thüringen ab. Die Einheiten der Roten Armee folgten ihnen unmittelbar.

Eine motorisierte Artillerieeinheit der Roten Armee, beobachtet von amerikanischen Soldaten, fuhr am 4. Juli 1945 in Weimar ein. Gemäß dem Protokollbereits vom 12. September 1944 über die Besatzungszonen in Deutschland nach Kriegsendebesetzten Einheiten der Roten Armee ab Anfang Juli 1945 auch Thüringen, welches zur „Ostzone“ gehören sollte. Ein Aufeinandertreffen sowjetischer und amerikanischer Truppen war nicht vorgesehen. Da der Besatzungswechsel trotz grundlegender Regelung relativ überraschend erfolgte, kam es aber in einigen Städten Thüringens – wie hier in Weimar – zu Begegnungen beider Armeen. Foto: National Archives Washington, 111-SC-20 88 19

Eine motorisierte Artillerieeinheit der Roten Armee, beobachtet von amerikanischen Soldaten, fuhr am 4. Juli 1945 in Weimar ein. Gemäß dem Protokollbereits vom 12. September 1944 über die Besatzungszonen in Deutschland nach Kriegsendebesetzten Einheiten der Roten Armee ab Anfang Juli 1945 auch Thüringen, welches zur „Ostzone“ gehören sollte. Ein Aufeinandertreffen sowjetischer und amerikanischer Truppen war nicht vorgesehen. Da der Besatzungswechsel trotz grundlegender Regelung relativ überraschend erfolgte, kam es aber in einigen Städten Thüringens – wie hier in Weimar – zu Begegnungen beider Armeen. Foto: National Archives Washington, 111-SC-20 88 19

Foto: zgt

Am 1. Juli 1945 zogen sich die US-Truppen aus Thüringen zurück. Den Amerikanern folgten unmittelbar die Einheiten der Roten Armee, die dann bis 1994 blieben. Thüringen war nun Teil der sowjetischen Besatzungszone, wie sie auf der Konferenz von Jalta zwischen den USA, Großbritannien und der Sowjetunion im Februar 1945 vereinbart wurde.

Der Truppenwechsel beendete die knapp 80-tägige amerikanische Besatzungszeit Thüringens. Die Tage vor und nach dem Besatzungswechsel wurden sehr unterschiedlich erlebt. Ein gut geplanter Abtransport von technischem und wissenschaftlichem Personal und Material standen auf Seiten der US-Truppen ein chaotischer Abzug gegenüber.

Hunderttausende befreite Zwangsarbeiter und Häftlinge, aber auch Kriegsflüchtlinge und Evakuierte warteten in Thüringen im Mai und Juni auf ihre Heimkehr, die Thüringer selbst ergingen sich in Gerüchten über den Wechsel und die neuen Besatzer und nicht wenige entschlossen sich angesichts des anstehenden Wechsels, über eine sich langsam schließende „Zonengrenze“ in den Westen Deutschlands zu gelangen.

Am 9. Juni 1945 erschien die von der US-Militärregierung in Hessen und Thüringen herausgegebene Zeitung „Hessische Post“ mit der Schlagzeile: „Besatzungszone bestimmt“. In dem dazugehörigen Artikel heißt es: „Sobald die anglo-amerikanischen Truppen aus Sachsen, Thüringen und Anhalt zurückgezogen sind, werden Sowjettruppen diese Gebiete, die zur russischen Besatzungszone gehören, besetzen. (...) Die Grenze der russischen Zonen beginnt im Norden an der Lübecker Bucht (...), läuft dann entlang der Westgrenze von Mecklenburg und der Ostgrenze der Provinz Hannover bis zur Braunschweiger Grenze und dort entlang den Westgrenzen der Provinzen Sachsen, Anhalt, und Thüringen.“

Über den im Artikel nicht genannten Zeitpunkt des Wechsels verhandelten in den darauffolgenden Wochen Winston Churchill, Harry S. Truman und Josef Stalin. Churchill wollte die von den Westalliierten besetzten Gebiete so lange wie möglich als Faustpfand behalten, um den sowjetischen Diktator zu einer Änderung seiner repressiven Besatzungspolitik hauptsächlich in Polen zu zwingen. US-Präsident Truman wollte sich hierauf nicht einlassen, denn er brauchte die Sowjetunion als Partner im noch andauernden Krieg gegen Japan. Und Stalins Oberbefehlshaber Georgi Schukow sah wiederum seine Truppen Anfang Juni 1945 noch nicht in der Lage, die ihnen bereits zugesprochenen Besatzungsgebiete vollständig zu besetzen und zu verwalten.

Gerüchte um den Besatzungswechsel

Bei den Thüringern kam von diesen Verhandlungen nichts an, sie spekulierten und generierten fast täglich neue Gerüchte. Der Jenaer Oberbürgermeister Heinrich Troeger schrieb am 10. Juni in sein Tagebuch: „Es ging ein Fragen und Überlegen, ein Kalkulieren und Planen an: ‚Kommen sie oder kommen sie nicht?’ – ‚Ich denke, sie werden nicht kommen (...)! Die Amerikaner werden doch die von ihnen eroberten Gebiete nicht aufgeben!’ (...) Es ist ein angstvolles Durcheinander (...).“

Anfragen an die Amerikaner über den Zeitpunkt des Abzugs blieben unbeantwortet oder wurden sogar verneint. Angesichts dieser unsicheren Lage entstand im Juni 1945 wohl auch ein Gerücht, was sich bis heute in Thüringen hartnäckig hält. Da gemeinsam mit dem bevorstehenden Besatzungswechsel in der „Hessischen Post“ und im Radio die Aufteilung Berlins in vier Besatzungszonen bekannt gegeben wurde, spekulierten die Thüringer, dass sie wohl von den Westalliierten gegen Westberlin eingetauscht wurden seien. Hierfür gibt es jedoch keinen Beleg und auch die Aufteilung Berlins in vier Zonen wurde bereits ein Jahr zuvor im Rahmen der sogenannten „Londoner Protokolle“ beschlossen.

Auch nach dem Besatzungswechsel verstummten die Mutmaßungen über die Zukunft des Landes nicht. Am 13. August 1945 forderte der neue Thüringer Innenminister Ernst Busse die Bürgermeister und Landräte auf, Gerüchten entgegenzutreten, „dass die sowjetische Besatzungsarmee im Laufe dieses Monats unter Mitnahme von etwa 2/3 der eingebrachten Getreideernte und wesentlicher Teile des landwirtschaftlichen Inventars Thüringen räumen wird. Dieses Gerücht (...) bezweckt offensichtlich, die thüringische Bevölkerung nicht zur Ruhe kommen zu lassen.“

Im Gegensatz zu vielen amerikanischen Besatzungsoffizieren waren ihre Kollegen von der im Mai 1945 gebildeten „Field Information Agency, Techinal“ (FIAT) der US-Army über die Abzugspläne bestens informiert. Gemäß der Richtlinie „Internierung, restriktive Maßnahmen und Abtransport“ war es ihre Aufgabe, noch vor dem Abzug die Verbringung von Wissenschaftlern und Ingenieuren, von ganzen Firmen inklusive deren Maschinen und Unterlagen in den Westen vorzubereiten.

Nur zwei Wochen vor dem Besatzungswechsel wurden neben einer Unmenge technischen Materials und Unterlagen rund 1500 Wissenschaftler und Ingenieure sowie deren Familien in den Westen verbracht. Auf Vorwürfe der sowjetischen Regierung, diese Aktion verstieße gegen alliierte Vereinbarungen, reagierte die USA mit der zumindest teilweise falschen Behauptung, die Menschen seien freiwillig mit den Amerikanern gegangen oder es handele sich um mögliche Kriegsverbrecher. Denn zum Teil wurden die betroffenen Personen kurzfristig verhaftet oder massiv zum Zonenwechsel gedrängt.

Auf unterer Ebene war man ehrlicher: Als Walther Bauersfeld, wissenschaftlicher Vorstand der Firma Carl Zeiss Jena, dem amerikanischen Offizier Hubert Zemke erklärte, mit dem Abtransport von 125 leitenden Bebtriebsangehörigen würde man den Firmen Schott und Zeiss in Jena den „Kopf abschlagen“, stimmte dieser lächelnd zu: „We take the brain…“.

Die nachfolgenden sowjetischen Besatzungsbehörden ließen sich – auch in Vorbereitung der von ihnen längst geplanten Demontage viel größeren Ausmaßes – die Auswirkungen dieser Aktion von den deutschen Behörden genau protokollieren. Bereits drei Wochen nach dem Besatzungswechsel legten diese umfangreiche und zum Teil penible Berichte vor. So notierte die Geschäftsstelle Meiningen der Wirtschaftskammer Thüringen neben den in den Westen verbrachten Geräten und Patentschriften auch das von den Amerikanern mitgenommene Holz („Wert: 78 000 Reichsmark“) und die Tatsache, dass der Betriebsleiter des Röhrenlaboratoriums in Bad Liebenstein freiwillig mit den Amerikanern mitgegangen sei, seine Frau aber gezwungen werden musste.

Insgesamt 60 000 Menschen pro Tag

Im Mai 1945 warteten in Thüringen mehr als 200 000 befreite Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge auf ihre Heimkehr. Nur ein kleiner Teil von ihnen konnte bereits in den Tagen nach Kriegsende direkt zurückkehren, der Großteil von ihnen musste warten, weil die Heimkehr entweder nicht organisiert oder auch nicht möglich war. In Nordhausen hielten sich Mitte Mai 27 000 die sogenannten „Displaced Persons“ auf, in Erfurt waren es mehr als 20 000 in Jena 9900. Gleichzeitig warteten in den Städten und Dörfern über 500 000 Flüchtlinge und im Laufe des Krieges nach Thüringen evakuierte Deutsche. Zu diesen kamen ab Ende Mai in rasch steigender Zahl die ersten Vertriebenen aus den jetzt polnischen und tschechischen Gebieten.

Thüringen war im Juni und Juli 1945 ein „Land in Bewegung“ in heute oft vergessenem Ausmaß. Ende Mai 1945 hatten die vier Alliierten zwölf Orte entlang der Demarkationslinie und der späteren Zonengrenze festgelegt, über die der Austausch von „Displaced Persons“ und deutschen Flüchtlingen und Evakuierten erfolgen sollte, für die hiesige Region waren dies Plauen und Eisenach. Diese zwölf Orte passierten zwischen dem 27. Mai und 5. Juni 1945 täglich (!) mehr als 60 000 Menschen. Auch danach verringerte sich der Menschenstrom kaum, denn angesichts des bevorstehenden Wechsels versuchten immer mehr Menschen in die westlichen Besatzungszonen zu gelangen.

Dies gilt insbesondere für Eisenach und die „Zonenübergänge“ Vacha und Gerstungen. Hier kapitulierte die Reichsbahn am 7. Juli vor dem nicht enden wollenden Menschenstrom. Sie telegrafierte an die Bahnhöfe in Thüringen: „Jeder Verkehr nach dem Westen ins amerikanische besetzte Gebiet unmöglich, auch auf der Landstraße. In Gerstungen tausende von Evakuierten obdachlos. Personenverkehr über Eisenach und Vacha hinaus ist eingestellt. [...] Verkauf von Bahnsteigkarten sofort einstellen.“

Am 21. Juni gab der amerikanische Oberkommandierende Dwight D. Eisenhower seinen Besatzungsoffizieren bekannt, dass der Abzug aus Thüringen unmittelbar bevorstehe. Doch erst am 29. Juni erhielten die Truppen ihren konkreten Abzugsbefehl. Ab dem 1. Juli sollten sich die amerikanischen Truppen von Osten nach Westen zurückziehen und bis zum 4. Juli ganz Thüringen verlassen haben. Die sowjetischen Truppen sollten ihnen in etwa fünf Kilometer Abstand unmittelbar folgen. Ein Aufeinandertreffen war nicht vorgesehen, fand aber an einigen Orten wie Weimar trotzdem statt.

Angesichts der kurzen Vorbereitungszeit wundert es nicht, dass die Thüringer den Abzug in vielen Fällen als chaotisch erlebten. In Saalfeld beobachtete der Sozialdemokrat Hermann Kreutzer den Abmarsch der Amerikaner: „In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1945 hörte man in den Straßen (...) das langandauernde Geräusch von Fahrzeugkolonnen. (...) Am Morgen wurde es dann offenbar: Die Amerikaner waren abgezogen. Der Polizeihauptwachtmeister Weitsch begab sich gegen 7:00 Uhr zur Kommandantur in das Hotel ‚Roter Hirsch’. Die Türen standen offen. Weit und breit war niemand zu sehen. Die Unordnung des Interieurs und das herumliegende Papier deuteten auf einen kurzfristigen, überstürzten Aufbruch. In einem Zimmer entdeckte der Hauptwachtmeister Weitsch, als einzige Hinterlassenschaft der Amerikaner, ein leicht bekleidetes Saalfelder Mädchen, das schlaftrunken nach ihrem Johnny verlangte.“

Zahlreiche Übergriffe sowjetischer Soldaten

Den Einmarsch der sowjetischen Besatzungstruppen erlebten die Thüringer als relativ diszipliniert, doch bis zur endgültigen Übernahme der Verwaltung durch die Sowjetische Militäradministration am 9. Juli 1945 gab es auch zahlreiche Übergriffe sowjetischer Soldaten auf die Bevölkerung. Die in den Stadtbehörden bereits existierenden Besatzungsämter registrierten besonders in der ersten Juliwoche eine Unzahl von Diebstählen, Plünderungen und Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten.

In vielen Thüringer Städten bereiteten die örtlichen „Anti-Nazi-Komitees“ den sowjetischen Truppen einen festlichen Empfang. Besonders ragt hier Gera heraus, wo der dortige Oberbürgermeister und spätere Ministerpräsident Thüringens Rudolf Paul die Stadt am 2. Juli festlich dekorieren ließ. Paul löste Mitte Juli den von den Amerikanern eingesetzten Regierungspräsidenten Hermann Brill ab, der in Weimar den Einzug der Roten Armee kritisch verfolgte, denn er ahnte den damit einhergehenden politischen Wechsel. Begrüßen wollte er sie nicht: „Die Russen sollen gefälligst zu mir kommen, wenn sie es für nötig befinden. Noch bin ich Regierungspräsident von Thüringen.“ So wie Brill erging es in den folgenden Wochen und Monaten vielen Politikern, die unter den Amerikanern auf einen demokratischen Aufbau Thüringens gehofft hatten und sich nun mit der schnellen Umwandlung der politischen Strukturen konfrontiert sahen.

Jens Schley ist Historiker. Er lebt in Weimar und Wels (Österreich).

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