Erinnerung an Todesmärsche: Spuren des Leids in den letzten Kriegstagen

Seit den 1980er Jahren erinnern in Thüringen Stelen an die „Todesmärsche“ der KZ-Häftlinge, sie werden heute von Kommunen und Vereinen gepflegt.

An der Großschwabhäuser Todesmarsch-Stele: (v.l.) Dr. Frank Boblenz mit Pfarrer Klaus Bergmann, Sylvia Mantey und Diana Brückner vom Verein Ortsgeschichte Großschwabhausen. Foto: Gudrun Braune

An der Großschwabhäuser Todesmarsch-Stele: (v.l.) Dr. Frank Boblenz mit Pfarrer Klaus Bergmann, Sylvia Mantey und Diana Brückner vom Verein Ortsgeschichte Großschwabhausen. Foto: Gudrun Braune

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Bereits seit einigen Tagen wird das Thema Todesmärsche von Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald im Kontext zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus und dem Ende des Zweiten Weltkrieges bei unterschiedlichen Veranstaltungen im Freistaat Thüringen verstärkt öffentlich thematisiert. Speziell geht es um die Evakuierung von Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald und dessen Außenlager durch die SS per Bahn oder zu Fuß auf Grund des Vormarsches der amerikanischen Truppen in Thüringen seit Anfang April 1945. Für eine große Anzahl von Häftlingen brachte dies kurz vor der Befreiung weiteres Leid und noch den Tod, wodurch sich auch der Begriff Todesmärsche einbürgerte.

Bei den Veranstaltungen zeigt sich immer wieder, wie wichtig die Auseinandersetzung mit den Ereignissen vom April 1945 ist. Zu jenen, die sich intensiver damit beschäftigen, gehört der Verein für Ortsgeschichte Großschwabhausen e. V., wo für den 11. April 2015 um 10 Uhr ein Gedenk- und Schweigemarsch vorgesehen ist. Für die Großschwabhäuser hat dies eine persönliche Komponente.

Die letzte Evakuierung von ca. 4500 Häftlingen aus dem Konzentrationslager Buchenwald erfolgte am 10. April 1945 mit der Bahn Richtung Jena. Allerdings brachte ein Fliegerbeschuss der Alliierten den Transportzug am frühen Morgen des 11. April 1945 am Bahnhof von Großschwabhausen zum Stehen. Die während des Angriffs aus den Waggons ausgebrochenen Häftlinge trieb die SS wieder zusammen. Dabei wurden zwei von ihnen an der Laderampe des Bahnhofs sofort erschossen und an Ort und Stelle verscharrt.

Zu Fuß durchs Jenaer Mühltal

Eingepfercht in die Waggons, mussten die Gefangenen mehrere Stunden ausharren, bevor sie – streng bewacht von der SS – nun zu Fuß durchs Dorf in Richtung Jena getrieben wurden. Ihr Weg führte sie über die Dorfstraße am Plan vorbei ins Mühltal. Auf diesem Todesmarsch ermordet die SS im Dorf weitere fünf Häftlinge bestialisch. Sie wurden noch vor dem Einrücken der amerikanischen Armee am 12. April 1945 von Einwohnern des Dorfes bei Nacht in einer Ecke des Friedhofs begraben. An ihrer letzten Ruhestätte befindet sich heute ein Denkmal.

Darüber hinaus gibt es im Dorf eine am 5. Oktober 1984 eingeweihte Todesmarsch-Stele, die die Erinnerung an die 1945 verübten Verbrechen wach halten soll. Zur Erläuterung wurde inzwischen eine Tafel durch den genannten Verein beigefügt, für die das Gestell die Firma Metall- und Treppenbau Palitza in Großschwabhausen gesponsert hat und auf welcher auch die Stelen-Geschichte kurz Erwähnung findet. Zudem widmen sich in der in Arbeit befindlichen und in wenigen Wochen erscheinenden Festschrift zur Geschichte von Großschwabhausen zwei Beiträge dem Thema.

Während die Geschichte der Todesmärsche in der letzten Zeit stärker Beachtung und einen entsprechenden publizistischen Niederschlag fand, ist jene des Stelen-„Projektes“ für den Bezirk Erfurt bisher noch nicht aufgearbeitet. Das anstehende Jubiläum mag deshalb Anlass sein, etwas näher auf die Stelen-Geschichte einzugehen.

Bereits frühzeitig lassen sich Bestrebungen erkennen – so Ende der 1940er/1950er Jahre in Mecklenburg-Vorpommern –, an die Opfer der Todesmärsche mittels einheitlicher Gedenkzeichen zu erinnern. Für die thüringischen Bezirke sind entsprechende Aktivitäten seit Mitte der 1970er Jahre belegt, wobei es zugleich darum ging, genauere Fakten über die Routen und Opfer der Todesmärsche zu erlangen. Diese Bestrebungen mündeten im Bezirk Erfurt in Vorbereitung des 35. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus in einen vom Rat des Bezirkes am 21. Januar 1980 gefassten Beschluss zur „Pflege der Gedenkstätten, Ehrenhaine und Gräber antifaschistischer Widerstandskämpfer“. In Hinblick auf die Todesmärsche wurde dort festgelegt: „Zur Ehrung der Opfer des antifaschistischen Widerstandskampfes sind in den Kreisen Arnstadt, Gotha, Nordhausen, Weimar und in der Stadt Weimar die Straßen der Todesmärsche einheitlich mit Gedenksäulen zu kennzeichnen. In Zusammenarbeit mit dem Verband Bildender Künstler ist durch die Abteilung Kultur ein Entwurf zu erarbeiten und zur Bestätigung zusammen mit Realisierungsvorschlägen und Terminen dem Rat des Bezirkes vorzulegen.“

Als Zeitpunkt der Vorlage des Entwurfs durch das Mitglied des Rates des Bezirkes für Kultur wurde der 30. Juni 1980 benannt. In den aufgeführten Kreisen und der Stadt Weimar sollte ein Termin nach der Entscheidung des Rates des Bezirkes festgelegt werden. Für die einheitliche Gestaltung der Wegesäulen, deren Aufstellung zeitweise bezirksübergreifend angedacht war, wurden mehrere Entwürfe angefertigt. Beauftragt waren damit für den Bezirk Erfurt die Bildhauer Harald Steding und Eckhardt Martens. Ein Entwurf sah die Herstellung von runden Wegesäulen aus Beton vor, die drei Meter hoch und einen Durchmesser von 60 Zentimetern haben sollten. In zwei Meter Höhe war zudem ein rundum verlaufender, plastisch hervortretender „Gesichterkranz“ angedacht. Ein weiterer Entwurf basierte auf einer viereckigen Variante.

Ursprünglich waren 60 bis 65 Stelen geplant

Allerdings fand dies im März 1981 bei einer Beratung nicht die Zustimmung der Beteiligten, so dass die Bildhauer den Auftrag erhielten, ein neues Modell vorzustellen, bei welchem die beiden angesprochen Vorschläge kombiniert werden sollten. Zudem wurde entschieden, wesentlich weniger Säulen – geplant waren ursprünglich 60 bis 65 – aufzustellen. Zu einer Umsetzung kam es allerdings nicht.

Vielmehr wurde das Vorhaben im Bezirk Erfurt in Absprache mit den benannten Partnern sowie unter Einbeziehung der Nationalen Front und dem Bezirkskomitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer auf eine breitere Basis gestellt. Dazu wurde die 1982 vom Nationalrat der Nationalen Front initiierte und mit dem Ministerium für Kultur sowie dem Kulturbund der DDR realisierte Gemeinschaftsaktion „Gepflegte Denkmale und ihre Umgebung“ in das Stelen-Projekt entscheidend mit einbezogen, was ebenso an den Maßnahmen vor Ort nachvollziehbar ist. Im Hintergrund agierte ferner mehr oder weniger ausgeprägt die SED, die die Umsetzung abgesegnete und schließlich in Bezug auf die Einweihungen das Heft in die Hand nahm.

Bei der Realisierung des Vorhabens verliefen zudem verschiedene Aktivitäten parallel. Zuerst wurde in der zweiten Jahreshälfte 1982 durch den Weimarer Grafiker Helmut Simon (1922-1993) eine Karte für die Emailetafel entworfen. Danach erhielt Eckhard Bendin (geb. 1941) – 1977-1983 Leiter des Büros für Architekturbezogene Kunst im Bezirk Erfurt – am 18. Januar 1983 den Auftrag zur „… künstlerischen Gestaltung von Gedenkstellen[!] zur Kennzeichnung des Todesmarsches an 34 Standorten im Bezirk Erfurt“. Vertraglich vorgesehen war nun, dass „die Stellen […] in Klinkermauerwerk unter Nutzung örtlicher Baukapazitäten und Masseninitiativen errichtet werden“ sollten. Ferner ging der Meinungsbildungsprozess hinsichtlich der Standortfrage und der auf der Tafel abzubildenden Streckenverläufe noch weiter. Dadurch wurde auf bestimmte Standorte verzichtet und andere neu aufgenommen.

Dies trifft z. B. auf das bereits genannte Großschwabhausen sowie Schloßvippach (Landkreis Erfurt-Land) und Sömmerda (Landkreis Sömmerda) zu. Bereits vom 19. Januar 1983 liegt ein Entwurf von Eckhard Bendin vor, der später – trotz anderer Vorschläge vom Februar – die Zustimmung erhielt und weitestgehend zur Umsetzung kam. Quasi als Prototyp wurde die erste Stele mit ihren Außenmaßen von rund 3,26 Meter Breite und 2,29 Meter Höhe in Weimar errichtet und schon am 7. Mai 1983 eingeweiht.

Die Strukturierung der aus roten Klinkern bestehenden Stele versinnbildlichte dabei mit ihren senkrechten Zurücksetzungen im Mauerwerk das Aufrechtstehende und Standhafte der Häftlinge. Zwei über 1,18 Meter breite und 42 bzw. 84 Zentimeter hohe Emailetafeln waren mit dem Text „Todesmarsch der Häftlinge des KZ Buchenwald und seiner Außenlager im April 1945“ sowie einer Karte mit den Streckenführungen der einzelnen Evakuierungsmärsche versehen. Der Verlauf der Fußmärsche ist dabei rot und der der Bahntransporte schwarz dargestellt. Aufnahme fand außerdem das rote auf der Spitze stehende Dreieck, welches die politischen Häftlinge auf ihrer Kleidung trugen und als Symbol für die Opfer des Faschismus nach dem II. Weltkrieg verwendet wurde.

Abgesehen von dieser Tradition, erfolgte mit der zentral vorgegebenen Farbgestaltung allerdings optisch verallgemeinernd eine Fixierung auf lediglich eine Häftlingskategorie, die in der DDR auf Grund des vorherrschenden Geschichtsbildes besonders stark Beachtung fand. Die Begründung des Beschlusses des Rates des Bezirkes vom Juni 1983 war dagegen wesentlich umfassender und bezog sich generell auf die „Opfer des Faschismus“, was auch in vielen Fällen bis heute so rezipiert wird.

Erste Stele entstand für Dora-Mittelbau

Die nachfolgend erbauten Denkmäler unterschieden sich vom „Prototyp“ in den äußeren Abmaßen nur geringfügig, wobei es aber zu Modifikationen insbesondere hinsichtlich der Anordnung der einzelnen Elemente der Objekte kam. Wenige Tage nach der Einweihung der ersten Stele fasste der Rat des Bezirkes Erfurt am 6. Juni 1983 einen weiteren Beschluss zur Realisierung des Vorhabens. Dieser schrieb die Verantwortlichkeiten sowie materiellen Belange fest. Ferner finden sich darin nun die einzelnen Städte und Dörfer konkret benannt, in denen Stelen errichtet werden sollten. Insgesamt wurden 35 Standorte – darunter der in Weimar schon realisierte – in den Landkreisen Arnstadt (10), Bad Langensalza (1), Erfurt (1), Gotha (1), Nordhausen (11), Sömmerda (1) und Weimar (8) sowie im Stadtkreis Weimar (2) vorgegeben.

Ab Anfang 1984 kam es schließlich kontinuierlich zur Fertigstellung und Einweihungen der vorgesehenen Stelen in den einzelnen Kreisen. Neben staatlichen Maßnahmen gelang dies vor allem auf Grund des zusätzlichen Engagements von Betrieben, Interessengruppen und Privatpersonen. Der Auftakt wurde mit der ersten Stele des Landkreises Nordhausen am 23. Januar 1984 in der Gedenkstätte Dora-Mittelbau gemacht. Die meisten Objekte wurden jedoch im Kontext zum 35. Jahrestag der DDR in der ersten Oktoberhälfte eingeweiht. Den Abschluss fand das Vorhaben mit einer entsprechenden Veranstaltung in Bezug auf die letzte Stele in Kranichfeld (Landkreis Weimar).

Lediglich die Errichtung der für den Bereich der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald vorgesehene Stele wurde zurückgestellt und auch nachfolgend nicht realisiert, da ihre Aufstellung „… in die vorgesehene Neugestaltung des Rampengeländes einbezogen werden“ sollte. Diese befand sich jedoch in der ersten Jahreshälfte 1983 noch in der Projektionsphase.

In den nachfolgenden Jahren waren die Stelen immer Orte des Erinnerns. Auch wenn der Zahn der Zeit inzwischen an ihnen nagt, befinden sich die meisten auf Grund des Engagements der entsprechenden Kommunen sowie von Vereinen und Einzelpersonen in einem relativ guten Zustand. An der Stele in Sömmerda wurde im April 2003 sogar noch eine Tafel angebracht, die an das Schicksal der jüdischen weiblichen Häftlinge des Konzentrationslager Buchenwald erinnert, die vom September 1944 bis März/April 1945 im dortigen Außenlagers eingesperrt und in der Rheinmetall Zwangsarbeit leisten mussten.

Lediglich in Tannroda wurden – nach gegenwärtigem Kenntnisstand – die Stele abgebaut und die Teile eingelagert, so dass diese eines Neuaufbaus harren. Vielleicht ist der 70. Jahrestag der Befreiung ein entsprechender Anlass, um die Wiedererrichtung zeitnah in Angriff zu nehmen und sich entsprechend mit dem Thema auseinanderzusetzen.

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