Ex-V-Mann Dienel: Ich wurde vor Polizei-Aktionen gewarnt

In den 90er Jahren war Thomas Dienel einer der gefährlichsten Rechtsextremisten in Thüringen, ein schrecklicher Hetzer, auch ein Aufschneider, jemand, der als kreuzgefährlich in der rechten Szene galt. Heute lebt der ehemalige V-Mann Dienel in Leipzig, angeblich will er politisch nicht mehr aktiv sein, hat sich allerdings auch nie von seiner rechtsradikalen Gesinnung distanziert.

Erst vor einigen Monaten hatte Thomas Dienel in diesem Haus in Leipzig Besuch von der Polizei. Sie ermittelt unter anderem gegen ihn wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Foto: dapd

Erst vor einigen Monaten hatte Thomas Dienel in diesem Haus in Leipzig Besuch von der Polizei. Sie ermittelt unter anderem gegen ihn wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Foto: dapd

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Erfurt/Leipzig. Eigentlich, so erzählt er, wollte er über seine Erfahrungen mit dem Thüringer Verfassungsschutz schweigen, für den er Ende der 90er Jahre auch als V-Mann tätig war, bis er sich selbst enttarnte. Aber das, was er über die Aussage Helmut Roewers, des damaligen Verfassungsschutz-Chefs dann las, wollte er so nicht stehen lassen. Dienel bricht jetzt zum ersten Mal sein jahrelanges Schweigen - ein V-Mann packt aus.

Was davon richtig ist oder falsch, vermag niemand zu bewerten. Beweise für die Aussagen Dienels gibt es nicht, er selbst hat sie auch nicht. "Woher auch?", fragt er. Aufgeklärt worden sind die gemeinsamen Aktivitäten von Dienel und dem Verfassungsschutz nie richtig. So steht denn heute seine Aussage gegen die der Verfassungsschützer.

Noch laufen Ermittlungen

Thomas Dienel ist kein unbeschriebenes Blatt. Gegen ihn läuft noch immer ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Bandenbetrugs, in den auch der andere V-Mann des Verfassungsschutzes im rechtsextremen Milieu jener Jahre verstrickt sein soll, Tino Brandt nämlich. Und die Lebensgeschichte Dienels lässt durchaus auch Zweifel an der Wahrheit seiner Aussagen wachsen.

Er war nach der Wende beispielsweise Geschäftsführer der Deutschen Sexliga in Weimar, brachte es dann zum Landesvorsitzenden der NPD, er organisierte Wehrsportübungen, es gibt Fotos von ihm, auf denen er vor Hakenkreuzfahnen agitiert, 1992 wurde er beispielsweise wegen Volksverhetzung zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. 1995 wird er dann vom Thüringer Verfassungsschutz als Informant angeworben. Er selbst enttarnt sich als V-Mann, aus persönlichen Gründen, wie er heute sagt.

Was er aber über seine Zeit der Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz zu erzählen hat, ist zumindest für alle die, die sich ein umfassendes Bild verschaffen wollen, interessant und möglicherweise auch überprüfenswert. Denn Dienel ist der erste V-Mann, der öffentlich über seine Beziehungen zum Verfassungsschutz auspackt.

Natürlich, so sagt er, ist er vom Verfassungsschutz vor Polizeiaktionen gewarnt worden. Er erinnert sich beispielsweise an eine Information aus dem Geheimdienst, dass die Polizei ihn wegen einer bevorstehenden rechtsradikalen Aktion im Zusammenhang mit dem Rudolf-Hess-Geburtstag für fünf Tage in Unterbindungsgewahrsam nehmen wolle. Deswegen sollte er abtauchen, sagte ihm sein damaliger Kontaktmann beim Verfassungsschutz.

Ein anderes Mal hatte ihn die Polizei nach einem Aufmarsch festgenommen und in einer Zelle der Autobahnpolizei bei Hermsdorf inhaftiert, berichtet Dienel. Ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes habe seinerzeit dafür gesorgt, dass er wieder raus kam. Auch soll der Verfassungsschutz das Bundesinnenministerium falsch über die Aktivitäten von Dienel informiert haben. Das will Dienel in einem Gespräch mit seinem Kontaktmann aus dem Geheimdienst erfahren haben. Seinerzeit ging es um eine Anfrage aus dem Innenministerium im Zusammenhang mit einem vor dem Bundesverfassungsgericht laufenden Verfahren zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für Dienel. "Man hat mich gedeckt", behauptete Dienel schon vor einigen Jahren im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Das Chaos im Verfassungsschutz, das jetzt ans Tageslicht kommt, überrascht ihn gar nicht. Mit seinen Kontaktleuten habe er sich öfter über die Querelen auch zwischen dem Amt und dem Innenministerium unterhalten, berichtet Dienel.

"Flugblätter wurden beim Geheimdienst gegengelesen"

Alle zwei Wochen habe er sich mit seinem Kontaktmann getroffen. Zwischen 200 und 300 Euro seien ihm dabei jedesmal gegeben worden. Im Gegenzug habe er aber nur unwichtige Informationen geliefert. Der Verfassungsschutz sei beispielsweise an Veröffentlichungen interessiert gewesen, die er aber auch auf dem freien Markt hätte haben können. Und er, Dienel, habe das Geld von der Behörde sofort wieder eingesetzt, um beispielsweise Papier für neue Flugblätter oder Zeitschriften zu kaufen.

So habe der Staat indirekt rechtsradikales Propagandamaterial finanziert, sagt Dienel. Schlimmer noch: Der Verfassungsschutz habe auch genau gewusst, wofür er das Geld, das ihm gegeben wurde, einsetzt. Und das Amt habe auch Flugblätter, die er entworfen habe, gegengelesen. Beispielsweise als es um eine Flugblattkampagne gegen den damaligen Vizelandesvorsitzenden der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen gegangen sei.

Seit drei Jahren schwer krank

Aus Geheimdienstkreisen verlautete schon frühzeitig nach dem Auffliegen der V-Mann-Tätigkeit von Dienel, warum seine Karriere zu Ende ging. Seine Geschichten seien immer wirrer geworden, er wurde abgeschaltet, aber auch danach gab es offenbar noch immer sporadische Kontakte.

Vor dem Hintergrund der jetzigen Kenntnisse klingen Dienels Informationen durchaus nicht mehr so abwegig wie seinerzeit. Seine Erinnerungen an jene Tage sind relativ klar. Seit drei Jahren ist Dienel krankgeschrieben, er selbst sagt, er leide an einer schweren Krankheit.

Ob er denn vor einem Untersuchungsausschuss, beispielsweise in Erfurt, über seine V-Mann-Zeit aussagen würde: "Das weiß ich nicht", ist die ausweichende Antwort. Gefragt jedenfalls hat ihn noch niemand.

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