Für Thüringer wird Leben auf dem Land bald unbezahlbar

Die Thüringer Bevölkerung wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter deutlich schrumpfen. Bereits jetzt ist vorauszusehen, dass die Belastungen steigen. Forscher fordern den Abschied von der Gleichwertigkeit der Versorgung in der Stadt und auf dem Land. Doch Thüringen steuert dagegen und will kein Gebiet abgekoppeln.

Dorfidylle: Der Blick auf viele Dörfer in Thüringen, so wie hier auf Döbritschen im Weimarer Land, ist einfach traumhaft. Aber Experten warnen, dass die Kosten der Infrastruktur im ländlichen Raum explodieren. Sie fordern ein Ende der Gleichwertigkeit. Foto: Peter Michaelis

Dorfidylle: Der Blick auf viele Dörfer in Thüringen, so wie hier auf Döbritschen im Weimarer Land, ist einfach traumhaft. Aber Experten warnen, dass die Kosten der Infrastruktur im ländlichen Raum explodieren. Sie fordern ein Ende der Gleichwertigkeit. Foto: Peter Michaelis

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Erfurt. Wer in Thüringen den Wasserhahn aufdreht, der wird richtig zur Kasse gebeten. 519 Euro zahlt ein durchschnittlicher Haushalt im Freistaat für Wasser und Abwasser im Jahr. Damit liegt man zwar unter den neuen Bundesländern nach Mecklenburg-Vorpommern noch an zweiter Stelle, aber immer noch deutlich vor den Ländern in Westdeutschland. Im benachbarten Hessen beispielsweise sind es gerade mal 434 Euro, die für Wasser und Abwasser hingeblättert werden müssen, in Bayern gerade mal 324 Euro.

Was heute den Thüringern finanziell auf die Füße fällt, sind die Kosten der Modernisierungsmaßnahmen am Wasser- und Abwassernetz in den Jahren nach der Wende. Es sind seinerzeit auch viele Fehler gemacht wurden, an vielen Orten wurden überdimensionierte Kläranlagen gebaut, für die die Bürger heute noch zahlen müssen.

Die Prognosen allerdings sehen nicht sehr rosig aus: Da die Thüringer Bevölkerung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter deutlich schrumpfen wird, ist schon jetzt vorauszusehen, dass die Belastungen steigen. Kläranlagen haben in der Regel eine Abschreibungsdauer von 20 bis 35 Jahren, Kanalnetze von 40 bis 80 Jahren. "Viele Gemeinden und Ortsverbände im Osten Deutschlands sitzen deshalb heute auf hochmodernen, aber überdimensionierten Anlagen, die eine kleiner werdende Bevölkerung kaum noch finanzieren kann", heißt es in einem Gutachten des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Experten, die gestern ihre Arbeit veröffentlichten, drängen deshalb nicht nur bei Wasser und Abwasser, sondern in vielen Bereichen, Abschied zu nehmen von liebgewonnenen Vorstellungen und Gewohnheiten, vor allem, was das Leben auf dem Lande anbelangt.

"Ein paar heilige Kühle schlachten"

"Wir müssen wohl ein paar heilige Kühe schlachten", so der Direktor des Instituts, Rainer Klingholz. "Je weniger Menschen in einer Region leben, desto teurer wird die Versorgung", sagt der Experte. Die Forscher plädieren deshalb für eine nachhaltige Versorgungspolitik in ländlichen Räumen und damit auch für den Abschied von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse.

Sinnvoller wäre es, wenn sich die Menschen an weniger Orten mit einer guten Infrastruktur konzentrierten, heißt es in der mit dem Potsdamer Institute for Advanced Sustainabilty Studies (IASS) verfassten Studie. Der unumkehrbare Trend der Landflucht und der Überalterung zwinge zu einem Umdenken, sagte Klingholz weiter. Vor allem müsse der Anspruch aufgegeben werden, dass die Infrastruktur in allen Ecken der Bundesrepublik gleichen Standards folgen solle.

Dieser Gleichwertigkeitsanspruch, der aus den wirtschaftlichen Boom-Zeiten der Bundesrepublik stamme, ist im Grundgesetz Artikel 72 verankert. Damit ließen sich Subventionen für bauliche Verschönerungen oder neue Straßen begründen, selbst dort, wo kaum noch jemand wohne, kritisierte Klingholz.

Individuelle Beförderung statt Linienverkehr

"Aber der Trend ist nicht aufzuhalten", sagte Ex-Umweltminister Klaus Töpfer, Exekutivdirektor des IASS. Die Lebensverhältnisse auf dem Land würden trotz aller Bemühungen immer "ungleichwertiger": Arztpraxen und Schulen würden schließen, Haltestellen oder ganze Buslinien stillgelegt. Deshalb passe der Gleichwertigkeitsanspruch nicht mehr zur heutigen demografischen Entwicklung.

Den Forschern zufolge könnten Abwasserkanalsysteme dezentralisiert und der reguläre Linienverkehr durch eine individuelle Beförderung ersetzt werden. Um eine Unterversorgung zu vermeiden, sollten Supermärkte, Arztpraxen und Schulen mobil werden. Jede Investition und Umgestaltungsmaßnahme müsse einem "Demografiecheck" unterzogen werden. In stark schrumpfenden Gebieten sollten Abbau, Abriss oder Umwidmung Vorrang vor Neubauten haben. Weiter heißt es in der Studie, in Dörfern, die in absehbarer Zeit überhaupt nicht mehr bewohnt sein würden, sei es sinnvoll, den Menschen Anreize für einen Umzug zu bieten.

In Thüringen stoßen die Überlegungen des Berliner Instituts erst einmal auf Skepsis. Zuständig für die Bewältigung des Folgen des demografischen Wandels ist im Freistaat das Bauministerium. Dort bekennt man sich eindeutig zu dem Ziel, überall im Land gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen und keine Region abkoppeln zu wollen. Auch besonders hart vom demografischen Wandel betroffene Regionen hat man im Hause von Christian Carius (CDU) im Blick.

Wachstumsinitiativen wurden im Kyffhäuserkreis und im Altenburger Land gestartet, zwei besonders strukturschwachen Regionen des Freistaates. "Regionale Entwicklungskonzepte leisten einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung des demografischen Wandels", so das Ministerium. Nach Meinung der Berliner Forscher reicht das allerdings bei weitem nicht aus.

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