Greiz schaut über den Tellerrand - und X 210 in die Kochtöpfe

Greiz  „Das Buch soll zeigen: Greiz ist eigentlich schon seit 1945 international. Da haben Menschen mitgewirkt, die immer schon vogtländisch kochen, aber auch die, die damals als Flüchtlinge nach Greiz kamen“, so Corina Gutmann, der Leiterin der Bibliothek Greiz.

Die Bibliothek Greiz erhält den Thüringer Bibliothekspreis 2015, weil sie sich auf vielfältige Weise erfolgreich um Flüchtlinge kümmert. Hier hilft Bibliotheksleiterin Corina Gutmann den syrischen Bootsflüchtlingen Riyad Dana (25) aus Damaskus und Yahya Alhussami (28) aus Homs. Sie üben nicht nur die deutsche Sprache, sondern lernen auch, welche Regeln beim Zusammenleben in Deutschland gelten. Gutmann kann dabei auf ihre Mitarbeiter und auf Freiwillige bauen. Foto: Peter Michaelis

Die Bibliothek Greiz erhält den Thüringer Bibliothekspreis 2015, weil sie sich auf vielfältige Weise erfolgreich um Flüchtlinge kümmert. Hier hilft Bibliotheksleiterin Corina Gutmann den syrischen Bootsflüchtlingen Riyad Dana (25) aus Damaskus und Yahya Alhussami (28) aus Homs. Sie üben nicht nur die deutsche Sprache, sondern lernen auch, welche Regeln beim Zusammenleben in Deutschland gelten. Gutmann kann dabei auf ihre Mitarbeiter und auf Freiwillige bauen. Foto: Peter Michaelis

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Wer in deutschen Bibliotheken nach Kochbüchern sucht, sollte die Signatur X 210 kennen. X 210 steht sozusagen für alle Kochtöpfe der Welt. Und deshalb trägt das Greizer Kochbuch, in dem internationale Gerichte versammelt sind, jetzt auch X 210 als Titel. Corina Gutmann, der Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek Greiz, sagt: „Das Buch soll zeigen: Greiz ist eigentlich schon seit 1945 international. Da haben Menschen mitgewirkt, die immer schon vogtländisch kochen, aber auch die, die damals als Flüchtlinge nach Greiz kamen, und welche, die französische oder italienischen Wurzeln haben. Und unsere Gaststätten sind auch mit dabei.“

Gutmann ist mit dem Buch etwas ganz Besonderes gelungen: Sie hat mehr als 100 Personen, alt und jung, nicht nur zum Kochen und zur Preisgabe von Rezepten animiert. Die Beteiligten haben auch ehrenamtlich für das Buch fotografiert, es gestaltet und es schließlich beim Klartext-Verlag in der OTZ-Edition herausgebracht. In diesem Buch schaut Greiz über den Tellerrand. Mehr noch: Mit dem Buch sind auch Begegnungen verbunden, die Alteingesessene, vor vielen Jahren Zugezogene, Jungbürger und Flüchtlinge zusammenbringen.

Bibliothek Greiz geht es um Integration in „unser Land“

Nach Greiz geht deswegen - aber nicht nur deswegen - in diesem Jahr auch der Thüringer Bibliothekspreis. Wer diese Auszeichnungen in den vergangenen Jahre verfolgt hat, erinnert sich womöglich: Ja, Greiz hat schon einmal den Bibliothekspreis erhalten: 2006 war das. Nun also - als erste Bibliothek im Land - schon zum zweiten Mal. Grund dafür ist, dass die Leiterin der Bibliothek, Corina Gutmann, zusammen mit ihrem fünfköpfigen Team nicht nur kontinuierlich Außergewöhnliches leistet, sondern es darüber hinaus versteht, in ihrer bibliothekarischen Arbeit auch immer wieder ganz besondere Akzente zu setzen, die auf aktuelle Entwicklungen im Landkreis schnell reagiert und so die Bibliothek als Ort gesellschaftlicher Vermittlung markant unterstreicht, heißt es in der Begründung. Das Besondere: die Greizer Bibliothek hat sich angesichts der steigenden Zahl von Flüchtlingen sofort auf diese neue Kundschaft eingestellt. Und das kommt an.

Da ist zum Beispiel das Regal, in dem Flüchtlinge Bücher finden, mit denen sich leicht Deutsch lernen lässt - und das für alle Generationen. „Im Moment sind kaum noch Bücher da, so groß ist die Nachfrage“, sagt die Bibliotheksleiterin. Beim Lernen helfen auch CDs. Immer dienstags ist am Nachmittag Deutschsprechstunde. Da gibt es Hilfestellung nicht nur von den Bibliotheksmitarbeitern, sondern auch durch Ehrenamtliche. Das ist etwa ein älterer Mann, der anbietet, den Lernenden Fragen zur Grammatik oder Aussprache zu beantworten, aber auch zum Leben in Deutschland insgesamt. Das ist ein kostenfreies Angebot. Ganz umsonst aber ist die Benutzung der Bibliothek nicht: Flüchtlinge, die ihr Geld vom Staat erhalten, werden behandelt wie andere Menschen, die Anspruch auf einen Sozialbonus haben: Fünf Euro kostet der Leseausweis im Jahr, für Menschen mit eigenem Einkommen sind es zehn Euro.

„Für uns geht es nicht nur um Sprache lernen, sondern auch um die Integration in unser Land“, sagt Gutmann. Wer in die Bibliothek kommt, der macht das freiwillig - und schätzt das Haus zum Lernen. „Wir sind eine Begegnungsstätte“, sagt sie.

Eine Begrüßungskultur für jeden Menschen

Angefangen hatte alles mit den Interkulturellen Projekten im vergangenen Jahr. Das hat sich in diesem Jahr mit der Kochbuch-Präsentation zu einer vielbeachteten Aktion entwickelt. Gutmann hat mitgekocht - ihre Partner waren 17 junge Ausländer im Berufsbildungszentrum, die dazu ein Kochstudio eröffnet haben. „Jedes Gericht wurde nach Rezept gekocht und fotografiert“, macht sie deutlich. Zudem hat Gutmann mit Häftlingen in der JVA Hohenleuben gekocht - ein Drei-Gänge-Menu auf Russisch, wie sie sagt. Zustande kam dies, weil die Greizer Bibliothek bereits seit 2012 an Häftlinge Bücher ausleiht. Erst jüngst wurde in der katholischen Kirche mit Eritreern gekocht und am Ulf-Merbold-Gymnasium mit einer jungen Somalierin und einem jungen Ungarn. All dies war nur möglich, weil niemand Geld wollte, sagt sie. Das Ergebnis: „Ein wunderschönes Buch“, sagt die Fachfrau.

Zur Interkulturellen Woche gehörte auch ein Grafitti-Workshop, an dem neben einheimischen Jugendlichen auch Flüchtlinge teilnahmen. Motto: Greiz ist bunt. Das sei, sagt Gutmann, „sehr polarisierend durch Facebook gegangen. Aber: Die jungen Leute sollen sich auch mal ausprobieren können. Und Sprühflaschen stehen nicht unter dem Waffengesetz. Ich denke, wer so etwas öffentlich anbietet, hilft dabei, private Schmierereien zu verhindern“, sagt Corina Gutmann.

Aber wie kam es dazu, dass sich die Bibliothek so schnell mit Flüchtlingen befasst hat? „Die Menschen sind da - und kommen zu uns. Wir haben hier eine Begrüßungskultur für jeden Menschen. Wir sind hier keine Kuschelzone. Wir stehen hier auf Integration“, sagt sie.

Zum 12. Thüringer Bibliothekspreis: Greiz, Heilbad Heiligenstadt und Brüheim ausgezeichnet

Bereits zum 12. Mal wird in diesem Herbst der von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und dem Landesverband Thüringen im Deutschen Bibliotheksverband mit 10.000 Euro dotierte Thüringer Bibliothekspreis vergeben. Erhalten wird ihn die Stadt- und Kreisbibliothek Greiz . Das Preisgeld will sie für ein Projekt „Interaktives Lernen“ verwenden.

Die beiden Förderpreise in Höhe von jeweils 2500 Euro gehen an die Stadtbibliothek Heilbad Heiligenstadt und an die Gemeindebibliothek Brüheim.

In Heilbad Heiligenstadt soll mit dem Preisgeld die Neugestaltung des Jugendbereiches unterstützt werden. Hier liegt bereits ein konkretes Konzept vor, das unter Einbeziehung der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer erarbeitet wurde.

In Brüheim - im Landkreis Gotha, an der Grenze zum Wartburgkreis gelegen - geht es um die Ausstattung eines zusätzlich Raumes, der die Aufenthaltsqualität der Bibliothek für Kinder und Senioren erhöhen und somit die soziale Funktion und Öffnung der Bibliothek für die gesamte Verwaltungsgemeinschaft „Mittleres Nessetal“ steigern soll.

Alle Preise werden am Mittwoch, 21. Oktober, anlässlich des Thüringer Bibliothekstages in der Stadtbibliothek Nordhausen überreicht. Die TLZ gehört der Jury an.

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