Hallenser Psychiater: Merkels „Wir schaffen das“ ist lächerlich

Weimar/Halle  Während sich die eine Hälfte der Deutschen für Flüchtlinge stark macht, begegnet ihnen die andere Hälfte mit Ablehnung, teils sogar mit Gewalt. Die Ursachen und Hintergründe dafür beschreibt der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz.

Saalfeld am 5. September: Damals kamen 569 Flüchtlinge mit einem Sonderzug an. Die Frage, ob jeder willkommen sein kann – und zwar ohne Obergrenze – erregt die Gemüter gerade auch in Thüringen.Die Sorgen der Einheimischen, sagt der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz , müssen ernst genommen werden. Foto: Sascha Fromm

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Während die eine Hälfte der Deutschen sich für die Aufnahme der Flüchtlinge stark macht, begegnet die andere Hälfte den Neuankömmlingen mit Ablehnung, teils sogar mit Gewalt. Die Ursachen und Hintergründe dafür kennt Hans-Joachim Maaz (72), Spezialist für psychosoziale und gesellschaftskritische Fragen. Den Psychiater, Psychoanalytiker und Autor machte nach dem Ende der DDR sein Bestseller „Der Gefühlsstau“, ein Psychogramm der DDR und ihrer Bürger, bundesweit bekannt.

Herr Maaz, was passiert gerade in unserem Land? Es scheint nur noch die Helfer auf der einen und die Hetzer auf der anderen Seite zu geben. Doch die Menschen dazwischen – die schweigende Mehrheit – ist schlichtweg besorgt, hat Ängste, oder?

Richtig. Und diese Ängste und Sorgen müssen bestätigt werden. Das ist inzwischen im Bundestag angekommen. Vor Tagen noch waren besorgte Bürger automatisch in der rechten Ecke. Besorgt sein war ein Frevel. Das hat sich geändert. Verantwortliche Politiker sollten sagen: Ja, eure Sorge ist richtig, Eure Angst verständlich. Weil Dinge auf uns zukommen, die uns mit Recht besorgt sein lassen. Da kommen fremde Menschen, fremde Kulturen, fremde Religionen auf uns zu. Wir werden sehr viel Geld für die Aufnahme und Integration ausgeben müssen, das an anderen Stellen fehlen wird. Und wir werden mit erheblichen sozialen, kulturellen und religiösen Konflikten rechnen müssen, die unser aller Leben belasten. Das muss gesagt werden.

Frau Merkel hat es bislang nicht gesagt. Das Vertrauen in sie schrumpft – das hat auch eine TLZ-Umfrage ergeben.

Verständlicherweise. Sie hat viele Fehler gemacht. Irgendetwas ist mit ihr durchgegangen. Selfies mit Flüchtlingen, die Bemerkung, das Asylrecht kenne keine Obergrenze – sie scheint von allen guten Geistern verlassen. Denn wenn man sagt, dass man helfen will, muss man auch sagen, wie weit diese Hilfe gelingen kann und welche Risiken provoziert werden. Ich habe Sorge und Zweifel, ob Frau Merkel ihrem Amtseid, nämlich Schaden von Deutschland fern zu halten, noch gerecht wird.

Vor allem im Osten verliert Angela Merkel das Vertrauen. Woran liegt das?

Gerade die Ostdeutschen haben in den vergangenen 25 Jahren viele, radikale Veränderungen durchgemacht. Den einen ist das gelungen, einer großen Zahl aber ist das nicht so gut gelungen. Was sie sich aufgebaut haben, ihre Lebensleistung wurde entwürdigt, sie fanden in der veränderten Gesellschaft keinen vergleichbaren Platz. Das sind berechtigte Enttäuschungen. Nun droht die nächste Veränderung. Es ist eine Situation entstanden, die unser aller Leben wesentlich verändern wird. Das trifft die Ostdeutschen härter, weil sie noch in Veränderungen stecken oder sich nur mit Mühe stabilisiert haben. Diese Probleme wurden nie kommuniziert. Es gab nie eine kritische Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung. Nun scheint Derartiges wieder los zu gehen.

Um die Fehler von 1990 nicht zu wiederholen, was muss die Regierung jetzt tun?

Sie muss über Sorgen und Ängste der Bevölkerung offen, breit und ausführlich diskutieren. Aber nicht im Sinne: Ja, jetzt haben wir mal drüber gesprochen und alles geht weiter wie bisher. Nein, diese Sorgen müssen in Entscheidungen und Handlungen berücksichtigt werden. Und dazu gehört definitiv auch, dass der Zustrom an Flüchtlingen begrenzt werden muss. Damit für die, die kommen, auch ausreichend Wohnraum und Arbeit zur Verfügung stehen.

Nach welchen Kriterien sollte diese Begrenzung erfolgen?

Schwer zu sagen. Aber der Gedanke muss erst mal erlaubt sein. Bislang gilt: Es gibt keine Obergrenze. Und Millionen von Menschen sind nun verführt, Deutschland als das rettende Land anzusehen, was aber nur begrenzt möglich sein kann und auch verhindert, die Ursachen der Not wirkungsvoll zu bekämpfen. Wenn alle kämen, wäre das auch bald das Ende von dem, was Deutschland helfend tun kann. Eine Begrenzung wird vielleicht von dem definiert, was real ist – wo können die Aufgenommenen unterkommen, wo können sie Arbeit finden und wie lange bleibt der soziale Frieden gewährt.

Und dann gelten wir wieder als ausländerfeindlich?

Das ist doch Schwachsinn. Die Geste der Einladung verkennt die Realität. 60 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht. Wenn wir helfen wollen, was ich für richtig halte, muss man sagen, wie weit diese Hilfe gehen kann. Wir müssen zwischen Hilfe bei individueller Not und notwendiger Hilfe gegen die Ursachen der Flucht unterscheiden. Und wir müssen zwingend begreifen, dass hier etwas auf uns zurückkommt. An den Ursachen von Krieg und Armut sind wir schuldhaft beteiligt.

Wir sind schuld am Krieg in Syrien? Den Millionen Kriegsflüchtlingen? Den Tausenden von Wirtschaftsflüchtlingen?

Ja, denn westliche vor allem amerikanische Wirtschafts- und Militärinteressen und unsere gesamte Lebensweise basieren auf der Ausbeutung anderer Regionen und Menschen. Wir leben über unsere Verhältnisse – wie die Made im Speck. Wir leben auf Kosten der Benachteiligten. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Denn es ist klar, dass jene, denen es schlechter geht, anfangen, unzufrieden zu werden. Sie wollen besser leben, was einerseits verständlich ist, aber andererseits verkennt, dass Lebensqualität nicht allein im materiellen Wohlstand bestehen kann.

Welche Wahl haben wir?

Entweder, wir lassen einen unbegrenzten Zustrom an Flüchtlingen zu, aber dann wird unser Sozialsystem zusammenbrechen und gewalttätige Ausein­andersetzungen werden zunehmen. Oder wir akzeptieren, dass wir so nicht weiterleben können und dass wir eine nennenswerte Menge unseres Wohlstands abgeben müssen. Ich denke an einen Armutssoli. Auch die Konzerne müssen einbezogen werden im Sinne einer sozialgerechten Produktion und eines fairen Welthandels. Die Begrenzung der Armut ist die zentrale Aufgabe, damit Flüchtlingsgründe weniger werden beziehungsweise ganz wegfallen. Das heißt: Wir werden eine andere Lebensform, einen geringeren Lebensstandard haben. Im materiellen Sinne.

Das bedeutet: Ich muss nun 80 Millionen Deutschen klar machen, dass ein T-Shirt nicht mehr nur 3, sondern eher 30 Euro kosten wird?

Ein gutes Beispiel. Ja, wir müssen begreifen, dass eine solche Entwicklung richtig und notwendig ist. Wir bereichern uns auf Kosten anderer. Die Folgen dieser Ungerechtigkeit sind Armut und Krieg. Und die Flüchtlinge sind die Symptomträger dieser Ungerechtigkeit. Unsere Lebensform ist eine wesentliche Ursache für die Flüchtlingsströme. Wir müssen die Menschen aufklären, dass es da einen Zusammenhang gibt. Wir sind gefordert, unsere Lebensweise auf den Prüfstand zu stellen: Wie können wir leben, sodass es weniger soziale Ungerechtigkeit gibt auf der Welt?

Aber seien wir doch realistisch: Wer wird freiwillig von seinen Standards abgeben? Wer wird die 30 Euro für das Shirt zahlen wollen?

Wie wir bisher lebten, wird sich nicht mehr herstellen lassen. Akzeptieren wir ein verändertes Wachstumsdenken, akzeptieren wir die 30 Euro, akzeptieren wir ein gerechteres System? Oder akzeptieren wir es nicht? Doch dann haben wir die Symptome, die Flüchtlingsströme, die Konflikte. Wir haben sie hier und müssen sie austragen.

Aber viele Deutsche helfen doch, engagieren sich.

Ganz ehrlich, ich habe Fremdschämen, wenn an Flüchtlingskinder am Münchner Hauptbahnhof Schokolade verteilt wird. Klar, das ist eine freundliche Geste. Aber wenn das Ausdruck einer Willkommenskultur ist, haben wir die Ernsthaftigkeit der Lage völlig verkannt. Der Schokoriegel ist eine symptomatische Geste, sie beruhigt erst einmal die Geber, aber sie kann nicht ersetzen, was insgesamt an Armutsbekämpfung zu tun ist. Wir stehen doch vor einer viel globaleren Frage. Wir müssen teilen und abgeben, damit wir nicht ersticken in einer Situation, die zunehmend Konflikte birgt.

Nun werden wir doch abgeben: zehn Milliarden Euro hier vor Ort, eine Milliarde in die Flüchtlingscamps im Nahen Osten.

Na, was sind denn das für Verhältnisse? Es wäre doch besser, wenn die zehn, noch besser, die achtzig für Griechenland oder die 40 für die Bankenrettung in die Flüchtlingslager in Jordanien oder den Libanon fließen würden. Wir müssen investieren in die Bekämpfung der Armut.

Klingt so einfach …

Das ist aber die bittere Wahrheit. Wenn Kanzlerin Merkel es auf die primitive Formel bringt „Wir schaffen das“ – dann ist das lächerlich. Dann muss sie auch ehrlich sagen wie. Und sie muss ehrlich sagen, dass die zehn Milliarden für die Flüchtlinge woanders weggenommen, also für unser Leben nicht mehr zur Verfügung stehen werden, dass das unser Beitrag sein wird, damit es eine gerechtere Verteilung gibt. Und dass so eine Umverteilung beginnt.

Herr Maaz, missverstehen Sie mich nicht, aber wie realistisch sind Ihre Forderungen?

Ich weiß natürlich, was realistisch ist und was umgesetzt werden kann. Von daher ist meine aktuelle Besorgnis noch viel größer, als ich sie hier mitteilen kann. Lassen Sie mich es so versuchen: Wir haben es mit einer völlig neuen Qualität einer globalen Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich zu tun. Sicher, es wird schwer fallen, das zu begreifen. Aber ich bin auch überzeugt, dass immer mehr Menschen verstehen werden, dass diese Ungerechtigkeit mit unseren Lebensstandards zu tun hat.

Wie packen wir’s?

Die berechtigten Sorgen und Ängste dürfen nicht weggewischt werden. Das ist die erste Pflicht unserer Politiker und Medien. Dann kommt die Auseinandersetzung mit unserer schuldhaften Beteiligung an der Armut in der Welt. Unsere Wirtschaftserfolge werden wir teilen müssen – nicht als Almosen, sondern im Sinne aufbauender Strukturen. Ganz schön starker Tobak, ich weiß.

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