Haselbach in Südthüringen: Kein Neonazi-Dorf, aber...

Sonneberg/Erfurt/Ballstädt  Nach einer BKA-Razzia in Haselbach bei Sonneberg rücken die rechtsextremen Umtriebe in der Region Südthütingen in den Fokus. Eine Anwohnerin hatte ihr Haus immer wieder für Veranstaltungen von Rechtsextremen zur Verfügung gestellt.

NPD und rechtsextreme Szene sind besonders in Südthüringen eng mit einander verwoben, sagen Szene-Beobachter. Foto: Matthias Balk/Illustration

NPD und rechtsextreme Szene sind besonders in Südthüringen eng mit einander verwoben, sagen Szene-Beobachter. Foto: Matthias Balk/Illustration

Foto: zgt

Eine Viertelstunde dauert die Fahrt vom Stadtzentrum Sonnebergs nach Haselbach, das seit etwa zwei Jahren ein Ortsteil der Kreisstadt ganz im Süden des Freistaats ist. Dort angekommen, deutet auf den ersten Blick nichts auf die Rechtsextremen hin, die sich in diesem Dorf, ja in der ganzen Region, seit Langem schon zu Hause fühlen. Haselbach sieht aus wie viele kleine, verschlafene, gemütliche Dörfer im Thüringer Wald. Die Häuser sind groß und schön verschiefert, der Ort liegt im tief eingeschnittenen Tal.

Vor wenigen Tagen war es hier allerdings mit der Ruhe ziemlich plötzlich vorbei. Nach Augenzeugenberichten rollten gegen sieben Uhr morgen auf einmal mehrere Polizeiautos mit Bonner Kennzeichen vor einem der Häuser des Ortes vor. Die Insassen der Fahrzeuge durchsuchten dann das Haus einer Einwohnerin, die seit Langem als Anhängerin der rechten Szene und Mitglied der NPD bekannt ist. Im Ort kann es nur ein offenes Geheimnis sein, weil die Frau immer wieder Veranstaltungen von Rechtsextremen in ihrem Haus ermöglicht hat. Man kennt sich in Haselbach. Und man weiß, wenn Fremde im Dorf sind...

Die Durchsuchungen jüngst waren Teil eines Schlags des Staates gegen rechtes Gedankengut im Internet: Die Bundesanwaltschaft hatte in mehreren Bundesländern die Wohnungen von Menschen durchsuchen lassen, die im Verdacht stehen, Teil einer kriminelle Vereinigung zu sein und über die Web-Plattform „Altermedia“ rechtsextremes Gedankengut zu verbreiten. Die Durchsuchung in Haselbach – durchgeführt von Polizisten des Bundeskriminalamtes (BKA), daher die Bonner-Kennzeichen an den Autos der Beamten – war die einzige in diesem Zusammenhang im Freistaat. Nach Angaben des Internetportal „Blick nach Rechts“ wurden dabei ein 27-Jähriger aus St. Georgen im Schwarzwald, und eine 47-Jährige aus Bielefeld festgenommen.

Mehrere Stunden waren die BKA-Leute nach Angaben der Augenzeugen im Haus der Frau in Haselbach. Noch währenddessen verbot das Bundesinnenministerium „Altermedia“. Das Forum war über Jahre hinweg eines der wichtigsten für die Neonazi-Szene in Deutschland gewesen, hatte zuletzt aber wegen des Aufstiegs von sozialen Netzwerken wie Facebook bereits an Bedeutung verloren. Auch Thüringer, darunter der jetzige Geraer Stadtpfarrer, waren – wie die TLZ jüngst berichtete – Ziele der dort verbreiteten Hetze bis hin zur Gewaltandrohung.

Ob die BKA-Polizisten in Haselbach Gegenstände beschlagnahmt haben, ist bislang unklar. Verhaftet wurde die Frau jedenfalls nicht. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft will mit Rücksicht auf das laufende Strafverfahren im Zusammenhang mit „Altermedia“ nicht mal bestätigen oder dementieren, dass es bei der Frau eine Durchsuchung gab.

Mit Blick auf die rechtsextremen Verflechtungen in Haselbach, ja der gesamten Region Sonneberg ist interessant, wer nach den Berichten von Augenzeugen zu der Frau gerade zu dem Zeitpunkt kam, als die Polizei bei ihr war. Es soll sich um den Thüringer „Gebietsleiter“ der Holocaust-Leugner-Organisation „Europäische Aktion“ (EA) gehandelt haben; mutmaßlich, um sie moralisch zu unterstützen. Auch er wohnt in Haselbach.

In Sonneberg reihen sich „besorgte Bürger“ beim Neonazi-Protest gegen das Asylheim ein

Ist Haselbach also ein „Neonazi-Dorf“? Als solches wollen nicht mal linke Beobachter der rechtsextremen Szene Haselbach beschreiben. Sie sagen, die Einheimischen könnten grundsätzlich nichts dafür, dass vor einiger Zeit sowohl die NPD-Frau aus Franken als auch der EA-Mann aus Sachsen dorthin gezogen seien. Dann folgt bei ihnen aber ein großes „Aber...“ Sie sehen in Haselbach durchaus Mechanismen am Werk, die punktuell überall Deutschland wirken: Wo ein Rechtsextremer wohnt, zieht es auch andere Rechtsextreme hin. Vielleicht nicht unbedingt, in das exakt gleiche Dorf – man muss ja auch das passende Haus dort finden –, wohl aber in die nähere Umgebung und so ist es nicht überraschend, dass es in Sonneberg starke rechtsextreme Strukturen gibt. Sie sind dort über Jahre gewachsen.

Im Prozess vor dem Landgericht Erfurt wegen des mutmaßlich rechtsextremen Überfalls auf eine Kirmesfeier in Ballstädt Anfang 2014 sitzen derzeit gleich drei Rechtsextreme auf der Anklagebank, die aus Sonneberg stammen. Insgesamt hat die Staatsanwaltschaft Erfurt wegen der Gewalttat 14 Männer und eine Frau angeklagt. Zwei der Sonneberger sind auch in der Rechtsrock-Band „Ungeliebte Jungs“ aktiv, die als eine der wichtigsten Neonazi-Bands Thüringens gilt. Und wie so viele Rechtsextreme sind mindestens zwei von ihnen bereits unter anderem wegen Gewalttaten polizei- beziehungsweise justizbekannt.

Und neben dem engeren Raum um die Stadt Sonneberg gibt es in der gesamten Region seit Jahren bestehende Neonazi-Strukturen: Bekannte Szene-Mitglieder wohnen beispielsweise in Lauscha oder in Neuhaus am Rennweg. Insofern, sagen linke Szene-Beobachter, sei Haselbach, sei Sonneberg, sei die gesamte Region typisch: In eigentlich allen Landesteilen gebe es Rechtsextreme, die überall über eine gute Infrastruktur verfügen können. Selbst in Städten, die als so bunt gelten wie Erfurt oder Jena.

Dörfliche Gemeinschaften können mindestens mittelbar einen Anteil daran haben, dass andere Neonazis sich zum Zuzug dorthin ermuntert fühlen – und zwar immer dann, wenn der erste rechtsextreme Neubürger sich dort relativ frei entfalten kann und sich womöglich sogar in seinem Treiben ermuntert sieht.

Ebenfalls nicht zufällig ist deshalb eine Beobachtung vom vergangenen Sonntag: Als Neonazis aus vielen Teilen Thüringen gegen die Errichtung eines Flüchtlingsheims in Sonneberg protestierten, waren unter den Teilnehmern dieser Kundgebung auch viele Menschen, die sich selbst eher dem bürgerlichen Lager zuordnen würden. Typ: „besorgter Bürger“. Sie reihten sich ein, ohne selbst rechtsextrem zu sein. Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft gegen den Neonazi-Aufmarsch blieb derweil völlig aus.

Wohl können sich Rechtsextreme daher in der Region mit ihren verschieferten Häusern, den V-Tälern und den Wäldern fühlen. Ein Detail der dortigen Neonazi-Struktur ist dennoch etwas Besonderes, selbst für Thüringer Verhältnisse: Mit der NPD-Frau, dem EA-Mann sowie anderen Vertretern der südthüringischen und fränkischen Szene agieren Personen miteinander, die für recht unterschiedliche Strömungen am rechten Rand der Gesellschaft stehen. In der Vergangenheit hatten sich NPD-Anhänger und Mitglieder von freien Kameradschaften sowie anderer, noch radikalerer Gruppierungen gegenseitig vorgeworfen, mit ihrem jeweiligen Auftreten und ihren jeweiligen Aktionen „der Sache“ zu schaden. Zwar lässt sich inzwischen bundesweit beobachten, dass die Szene diese Differenzen zunehmend überwindet. Doch in Haselbach und in der Region Sonneberg insgesamt wird diese Einigkeit schon länger vorgelebt. Die Frau mit NPD-Parteibuch, bei der die BKA-Beamten vor wenigen Tagen durchsuchten, hatte Mitte 2015 erst einer ziemlich neuen Neonazi-Partei erlaubt, sich in ihrem Objekt zu gründen: „Die Rechte Thüringen“. Vor einigen Jahren wäre so etwas beinahe undenkbar gewesen...

Zu den Kommentaren