Hass-Aktivitäten sind ein Forschungsschwerpunkt

Jena  Matthias Quent ist überzeugt: Halit Yozgat und Michele Kiesewetter könnten noch leben. Der Sohn eines türkischen Einwanderers und die aus Thüringen stammende Polizistin sind die letzten Opfer der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), die ihren Ursprung in Jena hatte.

"Wissen schafft Demokratie": Unter diesem Titel ist in Jena die erste Veröffentlichung des neu gegründeten Institutes für Demokratie und Zivilgesellschaft vorgestellt worden. Foto: Fabian Klaus

"Wissen schafft Demokratie": Unter diesem Titel ist in Jena die erste Veröffentlichung des neu gegründeten Institutes für Demokratie und Zivilgesellschaft vorgestellt worden. Foto: Fabian Klaus

Foto: zgt

Vier Jahre nach der Ermordung der Thüringer Polizistin in Heilbronn wurde die Neonazi-Gruppe enttarnt – die ihnen zugeschriebenen Verbrechen, vor allem aber die Entstehung und das Umfeld der Terrorzelle in Jena, werden seit Jahren aufgearbeitet.

Ein Bestandteil dieser Aufarbeitung ist das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), das gestern im Jenaer Volksbad offiziell eröffnet wurde, das aber bereits seit einem halben Jahr arbeitet. Quent leitet das IDZ. Warum der NSU jahrelang unerkannt bleiben und sein Unwesen treiben konnte? Quent versucht im Ansatz eine Antwort zu geben: "Die rassistischen Motive sind in der Zeit von der übrigen Gesellschaft nicht wahrgenommen worden." Wäre es anders gewesen, das ist seine Überzeugung, so könnten die beiden letztgenannten Opfer noch leben. Während Quent über den ersten Band der ersten Schriftenreihe des IDZ spricht, werden an der Wand hinter ihm alle NSU-Opfer gezeigt.

Nicht ausschließlich wissenschaftliche Aufarbeitung von Rechtsextremismus soll im IDZ geleistet werden, und doch geht es gestern bei der Präsentation der Schriftenreihe zum großen Teil genau um diese Szene. In Thüringen existierende Neonazi-Zusammenschlüsse, wie das rechtsextreme Bündnis Thügida, werden erwähnt, Hass-Aktivitäten benannt. Auf diesen Bereich soll in den nächsten Monaten ein Augenmerk gelegt werden, ein Austausch erfolgen mit Menschen, die von Hass betroffen sind, aber auch von Diskriminierung in jedweder Form. In der Diskussionrunde am Nachmittag, an der neben Matthias Quent auch Janine Dieckmann und Daniel Geschke – alle drei forschen am Institut gemeinsam und haben Beiträge im ersten Band der Schriftenreihe geschrieben – teilgenommen haben, wird der Blick noch etwas geweitet.

Kritik kommt erneut von der AfD

Interessierte fragen beispielsweise danach, inwieweit das IDZ auch Phänomene in seine Forschung einbeziehen wird, in denen Menschen durch Berufsverbot diskriminiert werden. Quent macht gerade in der Runde deutlich, dass der Auftrag nicht sei, ausschließlich im rechtsextremen Spektrum zu forschen. Dennoch wird schnell klar: Darauf dürfte derzeit noch ein Hauptaugenmerk liegen, zumal die Gründung des IDZ eine direkte Reaktion auf die Verbrechen des NSU ist.

Scharfe Kritik kommt erneut aus dem rechten politischen Lager. AfD-Fraktionsvize Stephan Brandner geißelt die Mitarbeiter des Institutes als "linksradikale Meinungspolizei" und "privater Schnüffeldienst", der im Auftrag der rot-rot-grünen Landesregierung arbeite.

Der Geschäftsführer des Jenaer Theaterhauses, Marcel Klett, widerspricht bereits am Vormittag dieser Einschätzung – und macht deutlich, was er davon hält, dass das IDZ gegründet wurde: "Wo, wenn nicht hier muss die Aufarbeitung der NSU-Verbrechen stattfinden. Ich bin als Bürger der Stadt Jena froh über die Gründung des Institutes", sagt Klett, der als Moderator durch den Tag führt, an dem zahlreiche Gäste aus Politik und Zivilgesellschaft die Gründung des Institutes feiern.

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.