Henryk M. Broder: Die Deutschen leiden an einer Wohlstandsverwahrlosung

Ettersburg  Zum Ettersburger Pfingstfestival spricht Henryk M. Broder über die Juckreiz-Themen der Zeit. Dabei demonstriert er mit zugespitzten Argumenten, wie neurotisch die Deutschen sind.

Diskussion vor prächtiger Kulisse: Mit dem Pücklerschlag im Rücken sprachen Henryk M. Broder (links) und Bernd Hilder auf Schloss Ettersburg über Deutschland in der Welt. Foto: Peter Michaelis

Diskussion vor prächtiger Kulisse: Mit dem Pücklerschlag im Rücken sprachen Henryk M. Broder (links) und Bernd Hilder auf Schloss Ettersburg über Deutschland in der Welt. Foto: Peter Michaelis

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Zweimal habe er die AfD gewählt. Ihm gefalle es, wenn der Philosoph Hermann Lübbe vom „Sündenstolz der Deutschen“ spricht. Natürlich habe der Terror etwas mit dem Islam zu tun. Und schlussendlich sei die „Festung Europa“ auch kein falsches Signal, denn einen unkontrollierten Zustrom von Flüchtlingen dürfe es nicht geben.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Mann politisch nicht links von der SPD zu verorten ist. Und mancher Linke dürfte mit Schaum vor dem Mund auf jene Polemiken reagieren, die am Pfingstsonntag in anderthalb Stunden zu hören sind. Dieser Mann darf das. Dieser Mann ist Henryk M. Broder.

„Am Rande des Nervenzusammenbruchs. Über Deutschland in der Welt“ heißt das Ettersburger Gespräch, das im Rahmen des Pfingstfestivals offeriert wird. Und dabei durchschreitet Broder mit scharfer Zunge im Gespräch mit TLZ-Chefredakteur Bernd Hilder im Weißen Saal des Schlosses die große und kleine Welt. Vom Freihandelsabkommen TTIP und Anti-Amerikanismus über die Flüchtlingspolitik, Griechenland und den Islam bis hin zum deutsch-jüdischen Verhältnis: Hilder lotst Broder durch ein Geflecht von Themen. Und Broder sucht erst gar nicht den Konsens, sondern demonstriert mit zugespitzten Argumenten, wie neurotisch die Deutschen sind.

Probleme lösen, die man selbst schuf

„Meine Lieblingschimäre ist: Einwanderer bereichern uns. Jeder vernünftige Einwanderer will sich bereichern. Aber wir glauben, dass Menschen in Eritrea am Lagerfeuer sitzen und sich überlegen, wie sie Deutschland bereichern können.“ Und später sagt Broder, dass es das Flüchtlingsproblem nicht geben würde, wenn Syrien eher bombardiert worden wäre.

Im Grunde genommen sei das Land in guter Verfassung. Es werde auch gut geführt. Und doch gebe es deutliche Zeichen der „Wohlstandsverwahrlosung“ und der „Dekadenz“, für die der deutsche Romantizismus der Wegbereiter gewesen sei. „Es gibt ein Bedürfnis, Probleme zu lösen, die man selbst geschaffen hat“, erklärt Broder.

Anders ausgedrückt: „Die Ehe ist der Versuch, die Probleme zu zweit zu lösen, die man alleine nicht hat.“ Der Publizist schreibt das Zitat Oskar Wild zu, anderswo wird Woody Allen als Quelle genannt. Sei es drum. Allen und Neurosen passen gut zusammen.

Das Gespräch beginnt mit einem Beitrag der Sendung „Kulturzeit“ auf 3sat, die Broder die letzte bolschewistische Festung in der BRD nennt und die die Ängste deutscher Künstler vor dem Freihandelsabkommen TTIP beleuchtet. Darin wird unter anderem behauptet, dass die USA die Kultur als Ware begreifen und die Europäer in der Kultur ein Menschenrecht sehen.

Dass Broder der Argumentation nicht folgen will, manifestiert sich allein schon in der Tatsache, wie belustigend er den Namen von Ursula Sinnreich von der Unesco-Kommission findet, die als Anwältin der Kulturschaffenden auftritt. „Pure Angst vor etwas, das es nicht gibt.“

Broder mahnt Skepsis an, während die Unwissenden glaubten, die Staatsoper von Dinslaken stehe vor dem Aus. „Interessengeleitete Angstpsychosen“, nennt er das. Eine Funktionskaste sei empört, dass eine andere Kaste ihr ins Handwerk pfusche. „Museen und Theater brauchen doch Subventionen, wenn im Vergleich zu den USA die vielfälitge deutsche Kulturszene erhalten bleiben soll“, entgegnet Hilder, der sich aber auch fragt, ob beim deutschen Film die Kreativität nicht unter den Subventionen erstickt wird? Dem stimmt Broder zu: „Muss ich das alles bezahlen? Ich zahle ja schon die EU-Parlamentarier. Das reicht mir.“ Til Schweiger werde von allen gehasst. Aber er realisiere seine Projekte ohne Subventionen.

Der Anti-Amerikanismus sei nicht allein eine deutsche Tradition. Auch Franzosen und Engländer fragten sich ständig, wie ein barbarisches, kulturloses Volk zur Weltmacht aufsteigen konnte. Europa aber, sagt Broder, habe sich mehrfach in den letzten Jahrzehnten selbst entleibt. „Amerika braucht Europa nicht. Aber Europa braucht Amerika, wenn der IS vor den Toren Bergisch Gladbachs steht.“

Wie eine Heilsarmee am Kindergeburtstag

Stichwort Griechenland und der Euro: „Es geht nicht darum, Griechenland zu retten. Es geht darum, die Unfehlbarkeit der Bundeskanzlerin zu retten.“

Stichwort Pegida: „Ich habe dafür wenig Sympathien. Aber verglichen mit Autonomen ist Pegida wie eine Heilsarmee an einem Kindergeburtstag.

Stichwort Islam: „Der Islam hat nichts mit dem Terror zu tun? Ja, Alkohol hat auch nichts mit Alkoholismus zu tun.“ Wo entfalte sich denn der wahre Islam? In Bagdad und Teheran etwa?

„Es gehört Mut dazu, seine Meinung zu sagen“, betont irgendwann Bernd Hilder. „Nein, das ist nicht mutig. Wir riskieren nur eine Einladung von Anne Will“, sagt Broder.

Am Ende kam etwas zur Sprache, das Broder, der einer jüdischen Handwerkerfamilie entstammt, eigentlich gar nicht mehr thematisieren möchte: das deutsch-jüdische Verhältnis. „Ich finde es nur noch krank.“ Und dabei geht es ihm um jenen Sündenstolz, mit dem die Deutschen die Einmaligkeit des Holocausts gleich zweimal für sich entdecken: Den Holocaust soll uns erst mal einer nachmachen! Und seine Bewältigung auch!

„Es ist langsam an der Zeit, dass die Deutschen den Juden den Holocaust verzeihen“, meint Henryk M. Broder.

Und durch das Fenster des Schlosses sieht man Menschen, die den Pücklerschlag am Pfingstsonntag empor wandern zum „Stern“. Buchenwald ist dann nicht mehr weit weg.

Henryk M. Broder über alte und neue Leiden der Deutschen

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