Jena beschließt Einzelhandelskonzept mit Fokus auf Innenstadt

Handelskonzept 2025 im Stadtrat beschlossen: Klarer Fokus auf Innenstadt - Große Zweifel am "Zentralitäts-Faktor".

Der Bäcker um die Ecke hat es schwer: Eine ehemalige Verkaufsstelle in der Dornburger Straße dient nun als Wohnraum. Foto: Thomas Beier

Der Bäcker um die Ecke hat es schwer: Eine ehemalige Verkaufsstelle in der Dornburger Straße dient nun als Wohnraum. Foto: Thomas Beier

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Jena. Beim Jenaer Einzelhandelskonzept geht es um mehr als Brot und Butter. Der Stadtrat hat das 273-seitige Papier beschlossen. Die Debatte um Sortimente und Handelsflächen war teilweise eine vorweg genommene Eichplatz-Debatte. Hauptziel des Konzeptes ist die Stärkung des Innenstadthandels. Den Händlern in den Stadtteilzentren und den Nahversorgern in den Stadtteilen soll es aber auch gut gehen. Das Konzept läuft bis zum Jahre 2025.

Stadtentwicklungsdezernent Denis Peisker (Bündnisgrüne) wertete das Konzept als klares Bekenntnis zur Innenstadt. Laut Konzept soll die stadtweite Verkaufsfläche in Jena stabil bei etwa 200 000 Quadratmetern bleiben. Das Innenstadtwachstum soll durch Verzicht an anderen Stellen erreicht werden. So sind die Schillerpassage, die ehemalige Möbel-Koch-Immobilie, ein kleinere Fläche bei Globus Isserstedt und ein Teil des Drackendorf-Center im Einzelhandelskonzept durchgestrichen.

Die stärkste Kritik am Konzept haben Linke und Piraten im Stadtrat. Ralph Lenkert (Linke) zweifelte den im Konzept als Jenaer Problem benannten Zentralitätsfaktor. Dieser statistische Wert drückt aus, wie stark die Stadt Kaufkraft aus dem Umland anzieht. Der Faktor sinke nur deshalb, weil die Einwohner Jenas selbst immer mehr Kaufkraft besitzen, während das Umland verliere, so Lenkert. Jedem Einwohner stehe bereits jetzt eine rechnerische Handelsfläche von 2,0 Quadratmetern zur Verfügung; die Münchener hätten nur 1,4 Quadratmeter. Das Sortimentsproblem habe vor allem damit zu tun, dass bestimmte Handelsunternehmen erst ab 200 000 Einwohnern ihre Standortentscheidung treffen.

Heidrun Jänchen (Piraten) ist der Auffassung, dass das Einzelhandelskonzept "an der Zielstellung krampft". Die Wünsche der Bürger müssten wichtiger sein als die Außenwirkung. Sie bemängelte, dass es in Jena viele Stadtteile gebe, in denen der Bürger kein Brot mehr kaufen könne. Und Jänchen unterstützte Volker Blumentritt (SPD), der in Lobeda mehr Einzelhandel haben will. Blumentritt sagte: "Die Menschen wollen in ihrem Stadtteil nicht nur Brot und Butter bekommen, sondern auch Einkaufserlebnisse haben." Wegen einer Jacke oder Hose wollten viele Lobedaer nicht extra in die Innenstadt fahren. Mit dem Klinikum würden weitere Anforderungen an den Einkaufsstandort gestellt.

Laut Einzelhandelskonzept ist Einzelhandel auf dem künftigen Eichplatz der vielversprechendste Weg, um den Handelsstandort Jena zu stärken. "Der Status quo ist keine Perspektive, deshalb sollten wir alles tun für die Bebauung des Eichplatzes", sagte SPD-Stadtrat Markus Giebe. Kundenumfragen hätten ergeben, dass die Jenaer mehr Marken und mehr Exklusivität wünschen. Seinen Vorredner Lenkert warf er "klein kariertes" Denken vor. Der Rewe-Supermarkt am Allendeplatz sei nicht das, weshalb Menschen aus dem Umland nach Jena kommen.

Jena-West-Ortseilbürgermeister Holger Becker (SPD) wünscht sich einen Hauptverantwortlichen für die Umsetzung des Konzeptes. Er hat Zweifel, dass das Konzept zum Beispiel in Jena-West die ­erhoffte Wirksamkeit entfaltet. Nur weil sich die Stadt die Erweiterung des Norma-Marktes wünsche, werde das nicht passieren.

Zur Sache:

- Die Stadt soll sich dafür einsetzen, dass das Möbelhaus Finke nicht aus Lobeda-Süd abwandert, so Stadtrat Ralph Lenkert (Linke). Sorgen bereitet wohl die Gebäudesanierung.

- Der Burgaupark möchte umbauen und modernisieren, teilte Lobedas Ortsteilbürgermeister Blumentritt mit.

- Warum sorgt die Stadt nicht für mehr kleine Läden in den Ortsteilen? Dezernent Peisker: "Das ist Sache der Händler und der Kunden."

- Orsteilbürgermeisterin Ute Bindernagel: "Bitte bei der Erweiterung Zwätzens kleinteilige Versorgungsbereiche in die Neubaugebieten vorsehen!"

Meinung: Clever: Das Wort mit E nicht gesagt!

"An der Zukunft des Eichplatzes hängt die Attraktivität der gesamten Innenstadt." SPD-Stadtrat Markus Giebe hat Recht mit dem, was er zum Handelskonzept sagte. Nur liegt er bei seiner verkürzten Schlussfolgerung falsch: Die Schaffung von 10 000 bis 15 000 Quadratmeter Handelsfläche ist nicht der Schlüssel zu allem. Denn es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass das Eichplatz-Konzept bei einer Bürger-Mehrheit auch deshalb floppte, weil "Shopping" viel zu großflächig eingeplant war. Das jetzt beschlossene Handelskonzept ist keine Generalvollmacht für eine Bebauung. Stadtentwicklungsdezernent Denis Peisker (Bündnisgrüne) hat das klar gesagt, und dafür muss man ihn auch mal loben. Das Wort Eichplatz nahm er während der gesamten Stadtrats-Sitzung kein einziges Mal in den Mund. Geschickt war es auch, sich nicht an jeder Kritik aufzureiben. Jena hat schon jetzt mehr Handelsfläche pro Einwohner als München. Das stimmt und spricht gegen ausufernden Handel am Eichplatz. Um es mit den Worten von "Cleverle" Peisker zu sagen. "Wir müssen die Diskussion zu einem großen Vorhaben in der Mitte der Stadt wieder ernsthaft aufnehmen."

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