Kanzlerdämmerung: Merkel kann Menschen Angst nicht nehmen

Angela Merkel äußert sich im Ausland zur Innenpolitik. Das hat es bislang nicht gegeben. Dass sich die Kanzlerin dazu gezwungen sieht, mit einer ungeschriebenen Regel zu brechen, zeigt den Ernst der Lage, schreibt Elmar Otto in seinem Leitartikel.

Angela Merkel äußert sich im Ausland zur Innenpolitik. Das hat es bislang nicht gegeben. Dass sich die Kanzlerin dazu gezwungen sieht, mit einer ungeschriebenen Regel zu brechen, zeigt den Ernst der Lage.

Die AfD hat die CDU erstmals überholt – und das auch noch in Mecklenburg-Vorpommern, Merkels Wahlkreis. Platz drei hinter den Rechtspopulisten in einem bundespolitisch eher unbedeutenden Bundesland könnte der Regierungschefin egal sein. Doch Merkel ist auch Parteichefin. Und sie spürt, wie ihr die Menschen entgleiten.

Früher konnte sich die Christdemokratin auf ihr Gefühl verlassen. Sie wusste, dass Bevölkerung und Partei hinter ihr stehen, auch wenn einige protestierten oder moserten.

Doch die „Merkel muss weg“-Rufe wollen nicht verstummen. Der stoische Kurs, mit dem die Kanzlerin versucht, die Flüchtlingskrise zu managen, wirkt auf viele abstoßend oder zumindest irritierend. Obwohl längst nicht mehr so viele Menschen bei uns Schutz suchen, fürchten immer mehr Deutsche den eigenen sozialen Abstieg, weil der Staat aus ihrer Sicht zu viel Geld für Flüchtlinge ausgibt.

Die CDU und Merkel haben es immer noch nicht verstanden, den Bürgern diese Angst zu nehmen. Und die CSU nutzt die Schwäche der Schwesterpartei und ihrer Chefin aus, um einer Kanzlerdämmerung das Wort zu reden.

Für das aktuelle Wahldebakel hat Merkel eine Mitverantwortung eingeräumt. Ihrer Linie aber will sie treu bleiben. Sollten die Attacken aus den Reihen anhalten, scheint fraglich, ob sich die Kanzlerin im kommenden Jahr eine erneute Kandidatur noch einmal antut.

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