Katrin Konrad: "Kinder sind mehr als ein Kostenfaktor"

Katrin Konrad ist die Vorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien in Thüringen. Dort haben sich Familien organisiert, die drei und mehr Kinder haben - und oft mit Vorurteilen kämpfen müssen.

"Ein Leben mit drei und mehr Kindern ist schön und in Thüringen möglich", sagt Katrin Konrad, die Vorsitzende des Verbandes kinderreicher Familien in Thüringen. Im Bild: Naima Osburg, Nico Peuker und Ida Borchard aus dem Eichsfeld. Foto: Natalie Hünger

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Erfurt. Katrin Konrad hat gerne einen chinesischen Spruch parat, wenn sie auf die Arbeit ihres Verbandes angesprochen wird: "Wer Geld und keine Kinder hat, der ist nicht wirklich reich, wer Kinder und kein Geld hat, der ist nicht wirklich arm."

Was die engagierte Mutter besonders ärgert: Immer wieder werden kinderreiche Familien und Armut in einem Atemzug genannt. Aber für sie gilt: "Kinder sind für uns mehr als ein Kostenfaktor. Sie sind Lebensfreude und bereichern täglich unser eigenes Leben. Sie öffnen unseren Blick für die kleinen und großen Dinge immer wieder aufs Neue."

Konrad weiß, dass sie auch gegen viele Vorurteile anzukämpfen hat. Nicht nur gegen das der Kinderarmut. Als sie in der vierten Schwangerschaft war, musste sie sich von einer Krankenschwester folgenden Satz anhören, der sie heute immer noch schockiert: "Sie haben doch schon drei Kinder. Und dann lassen sie sich noch eins andrehen..." Was diese Krankenschwester und manch anderer nicht begreifen: Dass man sich auch bewusst für viele Kinder entscheiden kann. "Ein Leben mit drei und mehr Kindern ist schön und in Thüringen möglich", sagt Konrad aus Überzeugung.

Aber es gibt auch viele Probleme, mit denen kinderreiche Familien zu kämpfen haben. Da sind beispielsweise die Gebühren für Horte und Kitas. Die Geschwisterrabatte sind nach Einschätzung des Verbandes häufig zu niedrig angesetzt. Beispiel Horte: Bisher werden Geschwisterkinder in vielen Kommunen mit einem Betrag von 200 Euro vom Familieneinkommen abgezogen. Dieser Betrag reicht nach Einschätzung des Verbandes nicht aus, um in eine günstigere Staffelung beim Familieneinkommen zu gelangen.

In Thüringen gibt es derzeit nur noch drei Einkommensgrenzen: Bis 1060 Euro kann der Hort frei genutzt werden, darüber hinaus gibt es unterschiedliche Staffelungen für das Familieneinkommen und die dann zu zahlenden Hortgebühren. Die Grenzen liegen bei 1500 und 2500 Euro. Die Rechnung, die Konrad anstellt: Um in eine günstigere Einkommensgruppe zu gelangen, bedarf es drei oder vier Geschwisterkinder. Die Folge: Das Kita-Kind wird als Einzelkind berechnet, obwohl weitere Kinder im Haushalt leben und dort finanziell versorgt werden.

Ganz praktisch wird das Beispiel wenn ein Kind von der Grundschule mit Hortbetreuung auf eine weiterführende Schule wechselt. "Sobald das Kind die fünfte Klasse besucht, bezahlt man 25 Prozent mehr", beklagt sich Konrad. Sie fordert eine Regelung, die sich an der Berechtigung zum Bezug von Kindergeld orientiert. Dann würden auch größere Kinder bei den Gebühren berücksichtigt.

"Es sind ganz viele kleine Stellschrauben, an denen man drehen könnte, um die Situation kinderreicher Familien in Thüringen zu verbessern", sagt Konrad. Denn mit Problemen haben diese Familien schon genug zu kämpfen. Das fängt bei der Suche nach angemessenem Wohnraum an und endet bei Problemen im Berufsleben.

Was sie in Thüringen gut findet, ist das Landeserziehungsgeld: Hier sieht sie eine deutliche Unterstützung der Mehrkinderfamilien. "Familie braucht Zeit füreinander, weniger staatliche Betreuung", sagt sie. Das Landeserziehungsgeld sichere außerdem die Wahlfreiheit der Familien. Aber sie kann sich auch eine Aufstockung der Leistungen auf bis zu 300 Euro vorstellen. "Das Thüringer Modell sollte für alle Familien in Deutschland gelten", so Konrad. "Als Landesverband setzen wir uns dafür ein, dass auch die neue Landesregierung Familien bei der Wahl der Betreuung ihrer Kleinkinder unterstützt und Familien, die ihr Kind zu Hause betreuen nicht finanziell "abhängt".

Am Landeserziehungsgeld will im Augenblick nur die CDU festhalten. Der Verband kritisiert damit deutlich die Positionen aller anderen im Landtag vertretenen Parteien. SPD, Linke, Grüne und FDP verlangen die Abschaffung des Landeserziehungsgeldes. Mit den freiwerdenden Mitteln könnten dann andere sinnvolle familienfreundliche Maßnahmen, vor allem ein Ausbau und eine qualitative Verbesserung der Kita-Betreuung, organisiert werden, argumentieren sie.

Unterstützung bekommt der Verband von Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Ihr bereitet der aus ihrer Sicht alarmierende Rückgang der kinderreichen Familien Sorge, wie sie kürzlich in einem Interview sagte. Die kinderreichen Familien seien aus dem Blick geraten. "Wir sind Kinder- entwöhnt und müssen Kinder wiederentdecken als unseren Schatz."

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