Kirchenasyl in Siebleben für geflüchtete Familie aus Tschetschenien

Für Familie I. ist ihre Flucht aus Tschetschenien ein nicht endender Leidensweg. Ihre letzte Zuflucht: Gotha, Pfarrhaus Siebleben. Am 7. April 2016 droht ihre Abschiebung.

Mathias Wienecke setzt sich für die siebenköpfige Familie aus Tschetschenien ein. Foto: Franziska Gräfenhan

Mathias Wienecke setzt sich für die siebenköpfige Familie aus Tschetschenien ein. Foto: Franziska Gräfenhan

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Ihr Weg begann vor sechs Jahren in Tschetschenien. Am 6. Dezember 2010 stürmte die Polizei in der Nacht gewaltsam das Haus und nahm den Vater unerwartet fest. Grund für die plötzliche Inhaftierung des Mannes war dessen Arbeit für die internationale Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“. Er war zwischen 2000 und 2002 für die Organisation als Berater vor Ort tätig. Nach zwei Jahren beendete er die Anstellung und arbeitet fortan als selbstständiger Taxifahrer. Für ihn kam daher der Übergriff der Polizei knapp sieben Jahre nach seiner Tätigkeit für die Menschenrechtsorganisation vollkommen unerwartet.

Um den Familienvater von den Behörden frei zu kaufen, verkaufte die Familie das Haus und das Taxi. Mit dem übrigen Geld finanzierten sie die Flucht nach Europa. So kamen sie 2011 nach Belgien, wo die sie für drei Jahre in einem Vorort von Brügge lebten. Die Familie stellte in Belgien einen Asylantrag, denn sie flüchteten aufgrund von politischer Verfolgung. Ihr Antrag wurde jedoch widererwartend abgelehnt. Ein belgischer Beamter bezweifelte die Echtheit der Dokumente, die der Vater von „Human Rights Watch“ bekommen und dem Amt vorgelegt hatte. Die Familie suchte Hilfe bei einem Anwalt und einer Flüchtlingsorganisation. Die Gemeinde veranstaltete eine Demonstration gegen ihre Abschiebung, an der etwa 200 Menschen teilnahmen. Alles vergeblich.

Förderverein nimmt Spenden für die Familie an

Nach acht Monaten erhielten sie den endgültigen Ablehnungsbescheid - ohne eine Begründung für die Entscheidung der Behörden. Aus Angst vor der Abschiebung einzelner Familienmitglieder beschloss die siebenköpfige Familie, aus Belgien zu fliehen. Die örtliche Kirche half den gläubigen Moslems, Belgien zu verlassen. Mit dem Taxi fuhr die Familie nach Dortmund. Von hier aus kamen sie über Stationen in Eisenberg und Gummersbach schließlich nach Erfurt in die Notunterkunft in der Messe.

Nach 20 Tagen wird die Familie in die Flüchtlingsunterkunft nach Friemar geschickt. Nach einem Brand kommt sie in die Gemeinschaftsunterkunft in der Kindleber Straße in Gotha. Hier lernt Mathias Wienecke, ehrenamtlicher Helfer, die Söhne der Familie bei der Kinderbetreuung kennen. Schnell entsteht ein guter Kontakt.

Mathias Wienecke nimmt sich der Wohnsituation der Familie an und verschafft dieser über die Gemeinde Siebleben eine kleine Wohnung im Anbau des Pfarrhauses. Hier leben die Geflüchteten aktuell mit einer Aufenthaltsgestattung, die jedoch am 7. April ausläuft. „Von da an wird der rechtliche Status der Familie schwierig“, meint Wienecke.

Die rechtliche Konsequenz der verfallenden Aufenthaltsgestattung ist in diesem Falle die Rückführung nach Belgien. Grundlage für dieses Vorgehen ist die EU-Verordnung, „Dublin III“. In dieser ist unter anderem festgelegt, dass Flüchtlinge in der Europäischen Union nur in dem Land Asyl beantragen können, das sie zuerst erreicht haben. „Für die Familie heißt das, dass sie zurück nach Belgien muss. Doch hier wartet bereits die Abschiebung nach Tschetschenien auf sie“, sagt Wienecke.

Um die Abschiebung zu verhindern, wird von der Kirchgemeinde Siebleben nun in Erwägung gezogen, die Familie ins Kirchenasyl aufzunehmen. Wienecke zufolge biete das Kirchenasyl eine vorübergehende Lösung dafür, eine längere Duldung mit neuen Verhandlungen über einen Asylantrag der Familie in Deutschland zu erwirken. Im Falle des Kirchenasyls würde die Familie für mindestens sechs und höchstens 18 Monate durch die Gemeinde versorgt. Die Kinder würden weiter zur Schule gehen, die Eltern dürften jedoch in dieser Zeit die Räumlichkeiten der Kirche nicht verlassen. Mit der gewonnenen Zeit könnten laut Wienecke die Fristen der Wirkung von „Dublin III“ überbrückt werden.

Da die Versorgung der siebenköpfigen Familie jedoch einen großen finanziellen Aufwand für die Kirchgemeinde darstellt, sucht Wienecke nach möglichen Unterstützern. Der Förderverein der Kirchgemeinde Siebleben nimmt Spenden für die Familie an.

  • Verweis: Name der tschetschenischen Familie von der Redaktion geändert.

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