Konkurrenzkampf zwischen Thüringer Rechtsextremen

Jena/Erfurt  Matthias Quent war am 1. Mai nicht nur Augenzeuge bei jener Gewaltattacke von Rechtsextremen in Saalfeld, die sich gegen Punks richtete. Auch im Umgang mit Polizisten nahm er die dort auftretenden Rechtsextremisten als massiv aggressiv wahr.

Neonazi-Demonstration in Saalfeld am 1. Mai mit 600 Teilnehmern. Foto: Peter Scholz

Neonazi-Demonstration in Saalfeld am 1. Mai mit 600 Teilnehmern. Foto: Peter Scholz

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Das, was Quent in Saalfeld erlebte, hat ihm „keine Ruhe gelassen“, weshalb er am Wochenende einen Offenen Brief schrieb.

Diesen Offenen Brief haben mittlerweile mehrere Zehntausende im Netz – auch über die TLZ-Homepage – angeklickt; Zehntausende sahen bereits sein kurzes Video. Und unter den ersten, die auf Quents Beobachtungen und Vorhaltungen reagierten, war Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), sagt der junge Forscher, der sich am Institut für Soziologie an der Uni Jena mit Rechtsextremismus und politischer Gewalt befasst. Auch im Kabinett sei das, was in Saalfeld passiert war und durch ihn öffentlich gemacht wurde, jetzt Thema gewesen.

„Es gehört für mich zu meinem Forschungsgebiet, zu beobachten, was auf der Straße passiert.“ Normalerweise macht er ein paar Fotos, protokolliert das Geschehen – „und irgendwann verdichtet sich das zu einer Einschätzung“, sagt er. In Saalfeld war es anders. Quent war bestürzt darüber, wie sich dort die Gewalt entlud – und dass offenbar Rechtsextreme ungehindert durch die Stadt marschieren konnten. Da seien Fehler gemacht worden – die es nun zu untersuchen gelte, um daraus für weitere Aufmärsche Lehren zu ziehen. Gerade auch im Ordnungsamt und nicht etwa nur polizeiseitig.

Diejenigen, die in Saalfeld Angst verbreiteten, sind auf dem Vormarsch. Sie nennen sich „Der dritte Weg“ und sind an die Stelle des Freien Netzes Süd getreten, das vor beinahe einem Jahr verboten worden war. Weil auch Freie Kräfte in Ostthüringen mit Verbot rechnen, könnte „Der dritte Weg“ hier ebenfalls Fuß fassen. „Die Angriffe auf die Punks belegen einmal mehr, dass die rechtsextreme Bewegung per se gewalttätig ist, wenn sie die Möglichkeit dazu hat“, so Quents Einschätzung.

Noch bedenklicher sei bei dieser Demonstration gewesen, dass Rechtsextreme vielfach versuchten, „die Polizei anzugreifen – und das andauernd und aggressiv. Das war mir in der Form neu.“

„Der dritte Weg“ trete mit dem Anspruch auf: „Wir sind nicht Pegida, wir sind das Original“, sagt der Jenaer Wissenschaftler. Manchem, der mit Pegida sympathisiert, mögen sich die Augen öffnen: Fotos im Netz, sagt Quent, zeigen Dritte-Weg-Befürworter mit dem Konterfei von Adolf Hitler auf dem T-Shirt. Auch Mussolini zähle dort zu den Idolen.

Die NPD hat in Thüringen auf Landesebene bei Wahlen nie Erfolge derart einfahren können, dass sie ins Parlament hätte einziehen können. Entsprechend rückläufig scheint die Anziehungskraft dieser um ein bürgerliches Erscheinen bemühten Partei. Eine größere Bedeutung hätten jetzt wieder Kameradschaften, so Quent. Darüber hinaus gibt es „die aktionistische Jugend der NPD“. Teile von ihr – angereist vor allem aus Sachsen und Brandenburg – kamen am 1. Mai in Weimar zum Einsatz. Es sollen Angehörige der Jungen Nationaldemokraten (JN) gewesen sein, die die friedliche Gewerkschaftsdemo auf dem Marktplatz attackierten. In Weimar habe diese Gruppe offenbar versucht, mit politischer Provokation Öffentlichkeit zu erlangen. Dabei zeige sich aber ein Unterschied in Intensität und Brutalität gegenüber den heftigeren Vorgängen in Saalfeld, so Quent.

Eine wichtige Rolle beim „Konkurrenzkampf unter den Rechtsextremen“ spielt für ihn auch, dass es ein „instrumentelles Verhältnis“ zum Engagement in Gruppierungen und Parteien gebe. „Sie suchen sich aus, wo sie sich die höchste Resonanz erhoffen und wenn eine Gruppe verboten wird, gehen sie in die nächste“, so Quent. Das betreffe auch die NPD.

Gesicht zeigen: Das ist die Parole seit Jahr und Tag. Demokratische Politiker fordern von Bürgern Zivilcourage gegen Neonazis – und zwar mit Erfolg. So auch am 1. Mai in Saalfeld. Quent allerdings nimmt – verstärkt nach dem dortigen Erlebnis – wahr, dass die Angst wächst. „Es wäre fatal, wenn aus dieser Situation heraus die erwachte Zivilgesellschaft eingeschüchtert würde und beim nächsten Mal zuhause bliebe“, sagt der Jenaer.

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