Leiharbeit: Das geht an die Menschenwürde

Rita Specht
| Lesedauer: 12 Minuten
Arm trotz Arbeit: Aktion des Deutschen Gewerkschaftsbundes Thüringen anlässlich des  bundesweiten Protestes für die gleiche Bezahlung von Leiharbeit. Foto: Peter Michaelis

Arm trotz Arbeit: Aktion des Deutschen Gewerkschaftsbundes Thüringen anlässlich des bundesweiten Protestes für die gleiche Bezahlung von Leiharbeit. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Um 1900 herum nannte man sie Tagelöhner, die vorwiegend Männer ohne festes Arbeitsverhältnis. Sie mussten ihre Arbeitskraft immer wieder kurzfristig bei neuen Arbeitgebern verkaufen, um überleben zu können und standen wegen ihres geringen Verdienstes meist weit unten in der gesellschaftlichen Hierarchie. Tagelöhner gibt es immer noch. Heute nennt man sie Leiharbeiter.

Eisenach. Sie verdingen sich zwar nicht mehr nur tageweise, sondern zumeist für Wochen, Monate, manche für Jahre, aber ihr Status ist ähnlich dem des Tagelöhners aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie werden nicht nur schlechter bezahlt als ihre Kollegen in festen Arbeitsverhältnissen, sondern auch schlechter behandelt. Sie fühlen sich nicht nur so, sie sind zumeist auch Arbeitnehmer 2. Klasse.

Die TLZ sprach mit vier Leiharbeitern aus Eisenach, die in einem großen Unternehmen der Automobilbranche beschäftigt sind bzw. bei Fremdfirmen, die für dieses Unternehmen arbeiten. Ihre Namen wurden verfremdet, damit sie im Beruf keine Nachteile erleiden müssen.

Wie lange sind Sie schon in Leiharbeit beschäftigt?

Volker S.: Im Mai sind es acht Jahre, die ich bei einem großen Automobilbauer verbringe. Jedes Jahr höre ich aufs neue, dass ich übernommen werden soll. Es sei alles in Planung. Nichts als Absichtserklärungen. Wenn ich nachfrage, heißt es, Neueinstellungen sind zurzeit vom Arbeitgeber nicht beabsichtigt. Das ist doch nur Politikmacherei.

Was ich verdiene? Ein Leiharbeiter kann froh sein, wenn er einen Betrag mit drei Nullen bekommt. Die Festangestellten, die die gleiche Arbeit erledigen, bekommen 400 bis 500 Euro mehr. Von uns, die weniger verdienen, verlangt man dafür noch eine hohe Flexibilität und eine spontane Einarbeitung. Anlernzeit? Ist nicht. Entweder du packst die Arbeit, oder du wirst abgemeldet, das heißt, die Leihfirma zieht dich zurück.

Robert L.: In anderen Ländern steht die Leiharbeit als Synonym für guten Lohn, weil diejenigen, die das machen, über ausgezeichnete Fähigkeiten verfügen müssen. Ich bin seit drei Jahren Leiharbeiter, ebenfalls ohne Aussicht auf eine Festeinstellung. Ich habe eine abgeschlossene Berufsausbildung und kann meine Kenntnisse aus meinem früheren Beruf gut einsetzen. Mein fest angestellter Kollege im Unternehmen macht mir an der Arbeit jedenfalls nichts vor.

Volker S.: Ich habe auch schon Rassismus im Zusammenhang mit der Leiharbeit verspürt. Beispielsweise wurde mir gesagt, ich solle doch mal schauen, was auf meinem Werksausweis steht. Da steht drauf, dass ich ein "Besucher" bin, und die haben nun mal nicht die gleichen Rechte wie die fest angestellten Kollegen. Ich bin ein Arbeiter 2. Klasse.

Robert L.: Es ist ja nicht so, dass mir die Arbeit nicht Spaß macht, obwohl die Endmontage echte Fließbandarbeit ist. Meine Kollegen bekommen Erholungsbeihilfe als Ersatz für ihren Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld. Ich bekomme das nicht. Wieso nicht? Ich bin jetzt 15 Jahre in der Gewerkschaft, aber es tut sich einfach nichts.

Volker S.: Viele Leiharbeiter haben resigniert. Und das ist noch milde ausgedrückt. Auch deshalb, weil sie für ihre Probleme keine richtigen Ansprechpartner im Betrieb haben. Ist für mich nun die Zeitarbeitsfirma oder der Schichtleiter zuständig? Beispiel Schichten: Da haben wir kein Mitspracherecht, ergo auch kein Privatleben. Es kann sein, dass ich aus der Nachtschicht in die Frühschicht wechseln muss. Dann darf ich alles, was ich privat geplant habe, vergessen. Meine familiären Verpflichtungen auch.

Robert L.: Ich habe im Prinzip kein Problem, Leiharbeiter zu sein. Und ich will meinen Job gut machen. Aber dann muss ich auch Rechte und nicht nur Pflichten haben. Und dazu gehört ein fairer Lohn, damit ich nicht am Monatsanfang schon Gänsehaut kriege, weil ich nicht weiß, wie ich es bis zum Monatsende schaffen soll.

Volker S.: Der ungleiche Lohn schafft Stress in der Belegschaft. Es gibt Kollegen, die sagen, die Leiharbeiter versauen uns die Norm. Deswegen ist endlich gleiches Geld für gleiche Arbeit nötig. In der Wirtschaftskrise habe ich am deutlichsten gespürt, dass wir keine Rechte haben. Wir Leiharbeiter wurden da massenweise gekündigt. Das sorgt persönlich für einen hohen Angstpegel.

Robert L.: In diesen Zeiten, als gekündigt wurde, hatte ich sogar Angst, auf die Toilette zu gehen. Da wurde man schon mal als "Terrorist" beschimpft und bekam geflüstert, man stehe auf einer "Liste".

Volker S.: Mir hat sogar jemand schon einmal ins Gesicht gesagt, dass ich ein "Leiharbeiterarsch" bin. Die Intoleranz ist groß. Ich spüre manchmal sogar ein Ost-West-Gefälle.

Was bekommen Sie an Stundenlohn?

Volker S.: 6,50 Euro plus eine Leistungszulage, aber die bekommt man auch nicht überall. Schlimm ist nur: Wenn ich arbeitslos werde, wird mir die Leistungsprämie nicht angerechnet.

Wie kommen Sie mit Ihrem Verdienst über die Runden?

Robert L.: Ich lebe von meiner Frau getrennt, habe Kinder, denen ich auch mal was Gutes tun will. Doch im Prinzip stehe ich mit dem Rücken zur Wand. Manchmal sage ich mir: Entweder, du nützt jetzt die sozialen Systeme aus, oder du gehst ins Ausland. Ich fahre ein altes Auto, das ich versuche, selbst zu reparieren. Meine Wohnung ist klein. Ein eigenes Zimmer für die Kinder gibt es nicht, wenn sie mich besuchen. Für die Kindergeburtstage spare ich Geld zusammen, ansonsten: Kino, Konzerte, Musik – ich kann ihnen nichts bieten.

Volker S.: Ich lebe mit einer Freundin zusammen. Als mein Auto einen Schaden hatte, habe ich einen kleinen Kredit aufnehmen müssen, damit ich es reparieren lassen kann. Viele meiner Leiharbeiterfreunde leben vom "Fett von damals", als sie als Festangestellte noch mehr verdienten. Ich frage mich oft, was wird, wenn ich mal 50 bin. Ein Festangestellter ist durch seinen Arbeitsvertrag geschützt, ich nicht. Ich bin noch keine 30 und spüre schon meine Hüftknochen. Was mir oft hilft, ist Sarkasmus.

Robert L.: Als Karl-Theodor zu Guttenberg sagte, er sei am Ende seiner Kräfte, habe ich nur gelacht. Wer fragt mich danach? Und ich verdiene mein Geld durch ehrliche Arbeit. Private Altersversicherung? Geht nicht bei mir. Ich habe mir jetzt ein Sparschwein gekauft. Da stecke ich immer mal 2 Euro ’rein und will mir so einen Urlaub zusammen sparen.

Die Zeitarbeitsfirmen verdienen gut an Leiharbeit.

Robert L. Ja, weil die Politik es ihnen erlaubt. Und die Wirtschaft nützt das aus.

Der Staat steckt aber auch viel Geld in die Arbeitsvermittlung, damit Arbeitslose gut betreut werden.

Robert L.: Und was passiert dort? Bei der Arbeitsvermittlung bekomme ich mittlerweile zwei Zettel hingelegt. Da stehen 20 Zeitarbeitsfirmen drauf. Und der Arbeitsvermittler sagt: "Such Dir mal eine Firma aus." Das heißt dann gut betreut.

Volker S.: In Deutschland ist doch mit Hilfe der Leiharbeit eine Parallelwelt hinsichtlich der Löhne aufgebaut worden. Klar, kann man auch mit 1000 Euro auskommen. Aber dann müssten die Lebenshaltungskosten an dieses Niveau angepasst werden. Diese Misere lege ich der Regierung zu Lasten. Ich denke, die soziale Not wird wachsen und wir kommen deswegen in instabile Zeiten, in denen auch die Kriminalität steigt. Und was folgt dann? Es stört mich, Arbeitnehmer zweiter Wahl zu sein. Ich will als normaler Mensch behandelt werden.

Achim, Sie sind über eine Fremdfirma beim Autobauer der Region eingestellt. Was bekommen Sie im Monat als Lohn für Vollzeit und Schichten?

Achim K.: Ich bekomme 6.65 Euro die Stunde, rund 900 netto, bei Kurzarbeit rund 750 Euro. An Benzin- und Brotpreise darf ich gar nicht denken. Ein anderes Auto? Geht nicht. Die Lebenskosten fressen einen auf. Wenn ich Familie hätte, könnte ich sie nicht ernähren.

Kommen Sie mit dem Lohn über die Runden?

Maik S.: Als ich meine Wohnung gewechselt habe, bin ich vorher sonnabends noch Kurier gefahren. Sonst hätte ich gar nicht umziehen können. Manchmal gehe ich am Ende des Monats zur Blutspende, um mir was zum Essen einkaufen zu können. Ich hatte so viel Hoffnung in ein ordentliches Mindesteinkommen gesetzt, mit 9 oder 10 Euro gerechnet. Das kommt aber nicht.

Fühlen Sie sich an der Arbeit gut behandelt?

Achim K.: In meinem Betrieb werde ich behandelt wie ein Gegenstand. Macht man den Mund auf, wird mit Abmeldung gedroht. (Abmeldung ist das Wort dafür, dass die Zeitarbeitsfirma den Leiharbeiter wieder abzieht. d. Red.) Ich sollte einmal Zusatzarbeit erledigen, unbezahlt. Habe ich abgelehnt. Da wurde ich umgehend abgemeldet und versetzt. Es soll ja nicht Mode werden, dass einer ablehnt, zu arbeiten, weil er nicht extra dafür bezahlt wird. Mich stört als Leiharbeiter das ganze Drum und Dran. Das Schärfste bisher war, dass mir mal ein Kollege ins Gesicht gerülpst hat. Ich spüre eine deutliche Ungleichbehandlung. Das geht bis zu den Pausen: Festangestellte gehen früher, und die sagen dir auch, wie du was zu machen hast.

Fühlen Sie sich ausgebeutet?

Achim K.: Ich würde es so sagen: Wir müssen mehr arbeiten als die Festangestellten. Beispiel: Ein fest angestellter Kollege hat mit Nachtschichtzuschlag 2000 Euro, und ich 900. Das motiviert nicht gerade dazu, dass ich mir den Arsch aufreiße. Wie ich über den Monat komme, interessiert niemanden. Ich kann mir zurzeit nicht mal ein Mopedschild leisten. Und neulich habe ich meine Frau geschimpft, weil sie gebadet hat. Die Wasserpreise mussten sie in Eisenach ja nun auch noch erhöhen.

Maik S.: Es sind die Unternehmen, die die Politik regieren. Das ist auch in Thüringen so. Stellen Sie sich vor, ich sollte mal nach Hersfeld arbeiten gehen. Da hätte ich 2,50 Fahrgeld pro Tag bekommen, um von Eisenach dorthin zu fahren und wieder zurück. Das ging ja gar nicht.

Was muss sich in der Leiharbeit verändern?

Achim K.: Die Thüringer Landeregierung muss den Niedriglohn von 6,45 Euro für uns abschaffen und einen Mindestlohn von 9 bis 10 Euro einführen. Sonst stehen wir im Alter arm da. Was wir jetzt in die Rente einzahlen, da kann man doch später nicht davon leben. Da kriegen wir eine Armutsrente und bauen wahrscheinlich ein Zelt auf. Aber vorher sind wir vielleicht schon tot. Das ist auch wieder gut, kann sich der Staat die Rente sparen. Stellen Sie sich mal vor, ich baue einen Kleinwagen mit, und kann mir keinen kaufen!

Mein Rücken ist schon kaputt, und ich bin noch keine 40. Leiharbeiter sind dazu verdammt, eher zu sterben. Das geht an die Menschenwürde.

Maik S.: Beweg dich mal ein bisschen schneller, höre ich immer wieder im Betrieb. Die Realität ist wirklich knallhart. Ich möchte, dass sich etwas ändert. Ich würde gern beispielsweise mitmachen bei einem großen Streik gegen Preiserhöhungen. Es ist wichtig, die Leute von den Bändern zu holen, damit die da oben mal hören, was eigentlich los ist. Wirtschaft

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