Linke Mehrheit im neuen Thüringer Landtag ist wahrscheinlich

Thüringens CDU muss nach den Landtagswahlen im September vermutlich um die Gunst der Sozialdemokraten buhlen, damit Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht im Amt bleiben kann.

SPD, Linke und Grüne haben noch das größte nicht ausgeschöpfte Wählerpotenzial. Foto: dpa

SPD, Linke und Grüne haben noch das größte nicht ausgeschöpfte Wählerpotenzial. Foto: dpa

Foto: zgt

Erfurt. Eine eigene Mehrheit ist nach den neuesten Zahlen, die das Erfurter Insa-Institut für unsere Zeitung ermittelt hat, nicht möglich, aber auch ein schwarz-grünes Regierungsbündnis, mit dem einige in der Union in den vergangenen Monaten offen kokettiert haben, ist in unerreichbare Ferne gerückt. CDU (33 Prozent) und Grüne (sechs Prozent) kommen nicht einmal in die Nähe der notwendigen Mehrheit der Parlamentssitze.

Die CDU wird bei der Wahl nach Einschätzung von Insa-Chef Hermann Binkert nicht unter die 30 Prozent-Marke rutschen, aber 40 Prozent wird sie auch nicht erreichen. Innerhalb eines Jahres hat die CDU zwölf Prozentpunkte eingebüßt - "und eine Trendwende ist nicht in Sicht", so Binkert. In dem Befragungszeitraum zwischen dem 5. Juni und dem 1. Juli dominierten vor allem die Schlagzeilen über die Affäre Gnauck, die erst in der letzten Woche mit dem Rücktritt des Staatskanzleichefs endete. Auf die Frage, ob die CDU in Thüringen mittlerweile unter einem Ministerpräsidentinnen-Malus leide, antwortete Binkert: "So weit würde ich im Moment nicht gehen. Aber von einem Amtsbonus kann man sicher auch nicht mehr sprechen."

Das größte Handicap für SPD-Spitzenkandidatin Heike Taubert ist noch immer ihre große Unbekanntheit in der Bevölkerung. Daran haben auch die ersten Wahlkampfwochen nichts geändert, in denen Taubert viel im Land unterwegs war und auch versucht hat, inhaltlich an Kontur zu gewinnen. Trotzdem sagen noch immer 40 Prozent der Thüringer, dass sie Heike Taubert nicht kennen. In der SPD-Wahlkampa in Erfurt ist man schon dabei, sich noch stärker als bisher darauf zu konzentrieren, die Spitzenkandidatin landesweit bekannt zu machen. Die Ministerpräsidentin kennen immerhin 86 Prozent der Thüringer und 75 Prozent können mit dem Namen Bodo Ramelow etwas anfangen.

Für Uwe Barth, den Frontmann der FDP in Thüringen, sind die 55 Prozent Bekanntheitsgrad ein gutes Resultat, auf dem er weiter aufbauen kann. Die grüne Fraktionschefin Anja Siegesmund dagegen ist nur 37 Prozent der Thüringer bekannt. Auch hier müssen die Grünen während der verbleibenden Wahlkampfwochen noch hart arbeiten.

Je bunter der Thüringer Landtag, um so mehr Koalitionsmöglichkeiten ergeben sich nach der Wahl. Auch das hat diese Umfrage gezeigt. Die Grünen sind mit sechs Prozent aktuell im Parlament, die eurokritische AfD überflügelt sie sogar noch mit sieben Prozent, die FDP dagegen ist mit drei Prozent draußen. Allerdings ist das nach Einschätzung von Binkert noch nicht das letzte Wort über die Liberalen. Denn bei der Frage nach dem Wählerspektrum zeigt sich, dass sogar fünf Prozent für die Liberalen noch möglich sind. Dabei sind sie aber im Wesentlichen auf Wähler aus dem CDU-Lager angewiesen: Die zwei Prozent, die der FDP noch fehlen, können nach der Insa-Analyse zu 82 Prozent aus dem Lager der Union kommen. Im Umkehrschluss heißt das: Eine erstarkende FDP würde zu Lasten des Unions-Wahlergebnisses gehen.

Am meisten Wählerpotenzial, das sie noch ausschöpfen könnte im bevorstehenden Wahlkampf, hat die SPD. Acht Prozentpunkte sind bei ihr nach oben noch offen, das heißt, 26 Prozent der Thüringer halten eine Wahl der SPD für möglich. Allerdings zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre, dass man das Potenzial nicht bis an die Grenzen ausschöpfen kann. Aber für die SPD-Wahlkampa dürften diese Zahlen noch einmal Ansporn sein. Die Analyse zeigt, dass die Sozialdemokraten am meisten (52 Prozent) noch Wähler bei der Union gewinnen können, aber auch bei Linken und Grünen ist das Reservoir noch nicht ausgeschöpft.

Sehr viel enger sieht das bei der Union aus. Sie hat ihr Potenzial schon weitgehend erfasst, hier prognostiziert Binkert noch eine mögliche Steigerung um drei Prozentpunkte. Dabei könnte der Löwenanteil von der SPD kommen, aber auch Wähler der AfD zeigen sich noch offen, ihr Kreuz bei der Union zu machen. Und immerhin gibt es ein kleines Reservoir bei der Linkspartei.

Wenn die Linkspartei ihre gesamte mögliche Wählerschaft auf ihre Seite ziehen könnte, dann wären fünf Prozent mehr als bei den aktuellen Ergebnissen der Sonntagsfrage drin. Diese fünf Prozent, die sich vorstellen könnten, auch mal links zu wählen, decken ein breites politisches Spektrum ab. Am meisten punkten könnte die Linkspartei noch bei Wählern der SPD. Aber auch Anhänger der AfD können sich vorstellen, ihr Kreuz bei der Linkspartei zu machen. 24 Prozent des unausgeschöpften Wählerreservoirs von insgesamt fünf Prozent macht Binkert dort aus. Aber auch Grüne und CDU-Wähler könnten sich vorstellen, noch zu den Linken zu wechseln. Auch die Grünen haben noch ein Wählerpotenzial von vier Prozent, das sie zu den sechs Prozent in der Sonntagsfrage maximal noch aktivieren könnten. Weil die drei Parteien SPD, Linke und Grüne das größte Potenzial für Stimmenzugewinne haben, hält Insa-Chef Binkert deshalb eine klare linke Mehrheit im Thüringer Landtag für wahrscheinlich.

Insa befragte zwischen dem 5. Juni und dem 1. Juli für diese Umfrage 2009 Thüringer.

Kommentar von Bernd Hilder: Die SPD bestimmt die Richtung nach der Landtagswahl

CDU will Linken Regierungschef in Thüringen verhindern

Lieberknecht soll im TV-Duell gegen vier Gegner antreten

Zu den Kommentaren