Nach Hessels Tod: Ärger über verhinderte Ehrenbürgerschaft

Noch immer ist das Entsetzen groß darüber, dass in Weimar der erweiterte Kulturausschuss im vergangenen Herbst die Verleihung der Ehrenbürgerschaften an Stéphane Hessel verhindert hat. Der französische Autor und Buchenwaldüberlebende Stéphane Hessel verstarb Ende Februar 2013.

Der französische Autor und Überlebender des Konzentrationslager Buchenwald, Stéphane Hessel, verstarb am 27. Februar 2013 im Alter von 95 Jahren. Archivfoto: dpa

Der französische Autor und Überlebender des Konzentrationslager Buchenwald, Stéphane Hessel, verstarb am 27. Februar 2013 im Alter von 95 Jahren. Archivfoto: dpa

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Weimar/Paris. Der Ärger des Bürgerbündnisses gegen Rechtsextremismus (BgR) richtet sich direkt gegen Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD), dem der BgR dieses Ablehnung direkt zum Vorwurf macht. "Mit großer Betroffenheit, aber auch mit Verwunderung haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass Sie eine Ehrenbürgerschaft für den nun verstorbenen Stéphane Hessel im letzten Jahr abgelehnt haben", heißt es. Der BgR hatte erst anlässlich des Todes von Hessel davon erfahren. "Unser Protest wäre aber bereits damals gewiss gewesen", heißt es.

Erschreckend sei, wenn hinter verschlossenen Türen dahingehend argumentiert werde, Weimar habe mit der Verleihung an Bertrand Herz bereits alle ehemaligen Buchenwaldhäftlinge einbezogen - und damit wohl auch - so scheine es - einen Schlussstrich ziehen wollen... Dass dennoch im Jahr danach Ottomar Rothmann als weiterem Buchenwaldüberlebenden wurde die Ehrenbürgerwürde angetragen worden sei, kommentiert der BgR so: "Zu Recht! Warum aber Herrn Hessel nun nicht?

Weil - so eine weitere Begründung - Ehrenbürger nur werden könne, wer verdienstvolle Leistungen für die Stadt und das Wohl ihrer Bürger vollbracht hat." Dieser Punkt sei erfüllt, denn "das antifaschistische Engagement Stéphane Hessels, wegen dessen er im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert war, ist ein Engagement, das für sich alleine bereits über jenes vieler Bürgerinnen und Bürgers unserer Stadt in den Jahren bis 1945 hinausging!"

Aus dem Lebensweg Hessels eine Begründung für die Ablehnung des Antrags zu konstruieren, empfindet der BgR "schon aus diesem Grund als zynisch. Warum sind aber sein Engagement gegen den wieder erstarkenden Neonazismus, sein Eintreten für Menschenrechte auf der ganzen Welt, seine - trotz erlebter Torturen im zu Weimar gehörenden KZ - enge Verbundenheit zu unserer Stadt keine verdienstvollen Leistungen für die Stadt und das Wohl unserer Bürger?", fragen sich die Bürger gegen Rechts.

Eine ehrliche Antwort steht aus

Der BgR ist sich sicher: "Die Stadt Weimar und ihr Vergabeausschuss hätten anders entscheiden können! Ein Verweis auf die Satzung ist aus unserer Sicht keine ehrliche Antwort. Jedes einzelne Mitglied, das die Vergabe der Ehrenbürgerschaft an Stéphane Hessel abgelehnt hat, muss nun damit leben, dass ein Makel an dieser Entscheidung haften bleibt, muss sich fragen lassen, ob man es sich mit dem Zurückziehen auf bürokratische - nämlich (scheinbar) satzungsbedingte - Gründe nicht zu einfach gemacht hat‘, so der Sprecherrat des Bürgerbündnisses gegen Rechtsextremismus Weimar, der sich ausdrücklich bei den Engagierten bedankt, die Stéphane Hessel für diese Ehrung vorschlugen.

Ganz neu sind Negativ-Erfahrungen des BgR mit dem Kulturausschuss nicht: Mitte 2012 lehnte dieser ohne weitere Diskussion abgelehnt ab, einen Platz dem ebenfalls kürzlich verstorbenen ehemaligen Buchenwald-Häftling und Schriftsteller Jorge Semprun zu widmen. Vorgeschlagen war zunächst der sogenannte Weimarplatz, der vom ehemaligen Gauforum und heutigen Landesverwaltungsamt umrahmt wird. Der BgR wäre zur Debatte um den zu Platz für Semprun bereit gewesen, "da es durchaus gute Argumente dafür und dagegen gibt", doch auch darauf wurde nicht eingegangen. Im öffentlichen Raum wird daher noch immer nicht an Semprun erinnert.

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