Neue Pflegepolitik gefordert: Abkehr von großen Heimen

Erfurt  Der Landesseniorenrat will Projekte, die Pflegebedürftigen länger den Verbleib in der gewohnten Umgebung ermöglichen.

Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin (Symbolfoto).

Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin (Symbolfoto).

Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Es braucht ein grundsätzliches Umdenken in der Pflegepolitik, machen Jan Steinhaußen, Geschäftsführer des Landesseniorenrates Thüringen, und seine Mitstreiter deutlich. Sie haben jüngst 14 Thesen aufgestellt – und sehen dabei das Land in der Pflicht: Zwar würden viele Entscheidungen zur Pflege im Bund getroffen. Doch der Freistaat habe einige Einflussmöglichkeiten, die es nutzen solle. Auch in den Wahlprogrammen der unterschiedlichen Parteien werde Pflege auf Fragen des Fachkräftemangels in diesem Bereich der Gesundheitswirtschaft und auf Fragen rund um die Pflegeversicherung reduziert, sagt Steinhaußen. „Wir brauchen mehr Fachpersonal in der Pflege, das ist gar keine Frage.“ Die Personalfrage alleine werde den komplexen Problemlagen pflegebedürftiger Menschen und ihrer Angehörigen aber nicht gerecht.

Ein Grund für die aus Steinhaußens Sicht falsche Herangehensweise an das Thema Pflege liegt darin, dass vor allem die Betreiber von Pflegeeinrichtungen oder -diensten die Diskussion bestimmen. „Hinter der Pflege steht mittlerweile ein ganzer Industriezweig“, sagt Steinhaußen. Wenn Pflege vom Menschen her gedacht werde, könne es nicht darum gehen, immer zuerst nach mehr Geld zu rufen, so wie Träger der Pflegeangebote das täten.

Wenn der Landesseniorenrat die Pflege neu denken will, was meint das Gremium dann damit? Sein Geschäftsführer sagt: Vor allem verstehen, dass Pflegebedürftige zu allererst den Kontakt zu anderen Menschen brauchen. An ein paar Beispiel lässt sich ziemlich deutlich machen, was dem Landesseniorenrat vorschwebt, wenn er eine andere Pflegepolitik in Thüringen fordert; was umso wichtiger ist, weil das entsprechende Konzeptpapier des Gremiums mit vielen Fachwörtern und abstrakten Formulierungen arbeitet, die oft wenig konkret und für Pflegelaien kaum verständlich sind.

Da ist zum Beispiel die Sache mit den Pflegeheimen, bei denen klar wird, was Steinhaußen, der federführende Autor des Papiers, eher nicht mehr will: immer größere Einrichtungen dieser Art, die inzwischen zwar oft Residenz oder Wohnpark heißen, in denen aber Pflegebedürftige oft den Anschluss an die Welt außerhalb der Heime verlieren, wie es heißt. Menschen, die dort wohnen, hätten ein große Risiko vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten zu werden, sagt Steinhaußen. In seinem Papier ist von der „Exklusionsgefährdung von Menschen mit Pflegebedarf“ die Rede.

Steinhaußen will, dass Projekte gefördert werden, die es pflegebedürftigen Menschen ermöglichen, solange wie möglich im Kreis von Nachbarn oder Familienangehörigen zu bleiben. Zum Beispiel dadurch, dass man sich mit ihnen regelmäßig zum Kaffeetrinken trifft oder Nachbarn ihnen bei alltäglichen Dingen wie dem Einkaufen oder Wäschewaschen helfen. Es gehe, sagt Steinhaußen darum, alles zu fördern, was die sozialen Kontakte von Betroffenen stärke. „Das ist aber nicht im Fokus der Politik.“ Dabei biete gerade das neu aufgelegte Landesprogramm für Familie Möglichkeiten, solche Projekte zu unterstützen.

In dieser Logik braucht es freilich noch immer Menschen, die Zeit und Kraft haben, sich mit Pflegebedürftigen zu beschäftigen; also Menschen, die keine ausgebildeten Altenpfleger sind. Schon jetzt allerdings gelten die Angehörigen von Pflegebedürftigen als „Deutschlands größter Pflegedienst“, ohne deren Einsatz das deutsche Pflegesystem implodieren würde. Sie will Steinhaußen stärker fördern als Pflegeanbieter, die mit ihren Angeboten Geld verdienen.

Wichtig ist zudem, dass viel mehr in die Prävention investiert werde, so Steinhaußen vom Landesseniorenrat. Es müsse mehr getan werden, um zu verhindern, dass Menschen überhaupt pflegebedürftig werden. In seinem Papier steht, auch Hausärzte und Krankenhäuser müssten solche „pflegepräventive Behandlungs- und Beratungsansätze“ anstoßen.

Im Thüringer Gesundheitsministerium zeigt man sich für all solche Überlegungen des Landesseniorenrates immerhin offen. Im Haus der Linke-Politikerin Heike Werner, die auch fürs Soziale zuständig ist, nehme man das Papier ernst, sagt ihr Sprecher. Es werde derzeit im Ministerium ausgewertet. Demnächst solle mit Steinhaußen über seine Ideen gesprochen werden, um zu schauen, welche der Vorschläge sich in Thüringen umsetzen ließen. Im Landesprogramm Familie spiele die Pflege beispielsweise durch Entlastungsangebote für pflegende Angehörige jetzt schon eine Rolle, die künftig noch ausgebaut werde, heißt es.

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