NSU-Ausschuss: Was hat es mit der blutigen Harke auf sich?

Eisenach/Gotha  Das Foto von einer blutigen Harke auf einem der toten Rechtsterroristen gibt Rätsel auf. Innenminister Holger Poppenhäger vermutet keine Absicht hinter dem langem Verschwinden des jetzt aufgetauchten Materials.

Der Wohnwagen am 4. November 2011 in Eisenach-Stregda, in dem die Leichen der mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entdeckt wurden. Foto: Carolin Lemuth

Der Wohnwagen am 4. November 2011 in Eisenach-Stregda, in dem die Leichen der mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entdeckt wurden. Foto: Carolin Lemuth

Foto: zgt

Es ist ein weiterer Paukenschlag im Aufklärungsprozess um die mutmaßlichen NSU-Morde: Mehr als vier Jahre nach dem Auffliegen der Terrorzelle in Eisenach-Stregda hat der NSU-Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag gestern Fotos erhalten, die bislang als verschollen galten. Dazu gab es weitere Akten zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Das bestätigte die Vorsitzende des Gremiums, Dorothea Marx (SPD).

Gefunden wurden laut MDR eine rund 400 Seiten starke Ermittlungsakte sowie Fotos vom Innenraum des Wohnmobils mit den Leichen von Mundlos und Böhnhardt bei einer Suchaktion am Samstag in den Räumen der Gothaer Polizei.

Darunter seien die vier ersten Fotos, die Feuerwehrleute am 4. November 2011 vom Inneren des ausgebrannten Wohnmobils mit den Leichen der beiden Rechtsterroristen zur Ermittlung der Brandursache gemacht hatten, sagte Marx.

Auf einem der Fotos sei allerdings nichts zu erkennen außer roter Farbe, sagt Ausschussmitglied Katharina König (Linke) der TLZ. Viel interessanter seien aber die etwa 30 Fotos, die die Polizei anfertigte, nachdem das Wohnmobil abgeschleppt worden war. Auch diese Aufnahmen hat der Ausschuss erst jetzt erhalten. „Darauf zu sehen ist eine handelsübliche Harke, die auf dem Kopf und Körper eines der beiden Rechtsterroristen liegt“, sagt König. Ihr stellt sich die Frage, warum diese Fotos vier Jahre verschwunden waren und jetzt erst wieder aufgetaucht sind.

Im Untersuchungsausschuss hatte die Gerichtsmedizinerin Prof. Gita Mall aus Jena am 27. August 2015 berichtet, dass Michael Menzel, der damalige Einsatzleiter der Polizei, mit einem länglichen Gegenstand im Wohnmobil herumstocherte. Menzel habe sehen wollen „ob da eine Waffe liegt“, und dazu mit „einem Stock oder einer Harke im Brandschutt“ gestochert, sagte Mall aus. Dies sei geschehen, um zu verifizieren, dass es sich tatsächlich um eine Selbsttötung handelte. Ob sie das beobachtet und nur gehört habe, kann Mall nicht mit Sicherheit sagen. Es könne sein, dass sie es selbst gesehen habe, „aber er hat‘s auch gesagt“, so Mall weiter. Ob es das Gartengerät vom Foto ist, muss nun aufgeklärt werden.

Von den Akten selbst, die mit dem Banküberfall in Arnstadt am 7. September 2011 beginnen, hat sich König bisher nur einen kurzen Überblick verschaffen können. „Auf den ersten Blick wurde dort mit den Vergleichen zu anderen Taten gute Polizeiarbeit geleistet“, sagt König.

Vom NSU-Trio überlebte nur Beate Zschäpe. Kamera und Speicherkarten der Feuwehr wurden damals am Tatort von der Polizei beschlagnahmt. Als die Feuerwehr diese wieder bekam, waren die Speicherkarten leer. Die Fotos galten seitdem als verschollen.

Nach Informationen des MDR hatten mehrere Beamten am vergangenen Samstag in einer „diskreten Aktion“ in den Räumen der Gothaer Polizeiinspektion gesucht. Auslöser war eine Anweisung der Landespolizeidirektion in der vergangenen Woche an alle Polizeidienststellen in Thüringen, nach Material mit einem Bezug zum NSU-Komplex zu suchen.

„Das geht gar nicht“, kommentierte Marx die verschwundenen Akten. Sie selbst wollte sich am Mittwochnachmittag einen ersten Eindruck von dem neuen Material verschaffen. Eine Absicht unterstellt sie der Polizei allerdings nicht. So sieht es auch Thüringens Innenminister Holger Poppenhäger: „Ich gehe davon aus, dass niemand diese Akten vorsätzlich zurückgehalten hat.“