Otto von Bismarck: Der lange Schatten des Eisernen Kanzlers

Vor 200 Jahren wurde Otto von Bismarck geboren. Eine kritische Betrachtung seiner Außenpolitik gegenüber Russland von Prof. Dr. Detlef Jena.

Die historische Aufnahme vom Oktober 1888 zeigt den Fürsten Otto von Bismarck (l), dem der Kaiser Wilhelm II. (r) einen Besuch abstattet. Foto: dpa

Die historische Aufnahme vom Oktober 1888 zeigt den Fürsten Otto von Bismarck (l), dem der Kaiser Wilhelm II. (r) einen Besuch abstattet. Foto: dpa

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Otto von Bismarck, Preußens und des Deutschen Reichs „Eiserner Kanzler“, geboren am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe, besitzt noch immer einen vorderen Stammplatz im Ranking der besonders lobenswerten Deutschen. Bismarck bleibt ein Phänomen der deutschen Geschichte. Bei Lichte besehen, zählte er zur Kategorie jener unglücklichen Politiker, die nicht gestorben sind, bevor sie vor den Scherben ihrer Politik standen. So hatte es einmal Katharina II. von Russland mit dem weisen Blick auf sich selbst formuliert.

Die Würdigungen Bismarcks aus Anlass seines 200. Geburtstags fallen in der Regel – wenn sie nicht gerade aus der „Preußischen Gesellschaft“ kommen – betont sachlich und zurückhal-tend aus. Bismarck wird in all seiner historischen Widersprüchlichkeit gezeigt – wie es sich für eine herausragende historische Persönlichkeit schickt. Die kriegerische und kommerzielle Einigung des Reichs, die Janusköpfigkeit einer paternalistischen Sozialpolitik, der missglückte Kulturkampf gegen die katholische Kirche, die Erdrosselung des Parlamentarismus durch das Parlament – alles, alles wird durchleuchtet und nicht vergessen darauf hinzuweisen, dass Bismarcks Entlassung im Jahre 1890 nicht nur der Arroganz eines imperial süchtigen jungen und schneidigen Kaisers Wilhelm II. geschuldet war: Das politische System Bismarcks, maßgeschneidert für die Einigung des Reichs mit Blut und Eisen, hatte sich überlebt!

Merkwürdig unausgeglichen werden im allgemeinen Requiem auf Bismarck die außenpolitischen Akzente gesetzt. Natürlich, Bismarck selbst hat bis an die Grenzen des Möglichen politisch polarisiert, im Innern wie im Äußeren. Bismarcks Bild in der Geschichte ist demzufolge auch oft genug extrem politisiert gezeichnet worden. Daran hat sich auch angesichts seriöser und grundlegender Darstellungen, z.B. von Ernst Engelberg oder aus der Bismarck-Stiftung, nichts geändert. In der aktuellen west-östlichen Schlacht um die Ukraine muss Bismarck einmal mehr zur Legitimierung unterschiedlicher Machtansprüche herhalten.

Bismarck-Zitate zur Bedeutung Russlands flirren hin und her

Bismarck-Zitate zur positiven oder negativen Bedeutung Russlands für Europa und das Deutsche Reich flirren nur so zwischen den konträren Lagern der scheel beäugten und sogar ausgegrenzten „Putin-Versteher“, den Apologeten eines Russischen Reichs und den nach Menschenrechten, Demokratie und Völkerrecht für ganz Europa bis zum Ural lechzenden Freunden der atlantischen Union diesseits und jenseits des großen Teichs hin und her. Aus der breiten Palette des Bismarck-Angebots werden munter alle nur möglichen Schlagzei-len herausgelöst und als absolute Wahrheit kreiert. Da kann man mit Behagen lesen: „Unsere Freundschaft mit Russland hat in der Zeit unserer Kriege gar keine Unterbrechung erlitten und ist auch heute über jeden Zweifel erhaben. Wir erwarten von Russland durchaus weder einen Angriff noch eine feindselige Politik…“

Mit dieser Meinungsäußerung verband Bismarck ein Höchstmaß an Toleranz gegenüber dem autokratischen Zarismus: „Eine verständige deutsche Politik muss von dem Grundsatze aus-gehen, dass die anderen Nationen so regiert werden, wie es ihrem Bedürfnis entspricht und in ihrem Interesse liegt. Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass das russische Volk in seiner Gesamtheit von beinahe hundert Millionen eine andere als die absolute Regierung des Zaren verlangt. Die russische Regierungsform kann also für Deutschland unmöglich einen Grund abgeben, den Russen die Segnungen des Liberalismus… aufzudrängen… Auch glaube ich, dass… der Friede mit Russland trotz der russischen Zustände von dem größten Teil der deutschen Nation lebhaft gewünscht wird und dass die Förderung einer Verstimmung zwischen beiden Völkern in der Richtung eines russischen Absolutismus im deutschen Volk wenig Anklang findet.“

Aber es klabastern auch ganz andere als original verkaufte Wortmeldungen Bismarcks durch das weltweite Netz: „Die Macht Russlands kann nur durch die Abtrennung der Ukraine untergraben werden. Man muss die zwei Teile dieses einigen Volkes gegeneinander aufbringen und zuschauen, wie Brüder ihre Brüder töten werden“ – soll Bismarck, so eine Nachricht aus Moskau, gesagt haben.

Bismarck hat auch nicht vor Fälschungen zurückgeschreckt

Bismarck hat in seinem langen politischen Leben gewiss viel gesagt und viel geschrieben, auch Widersprüchliches. Er hat selbst vor Fälschungen zur Auslösung von Konflikten nicht zurückgeschreckt, siehe die „berühmte“ Emser Depesche von 1870, wenn es um die eigenen politischen Ziele ging. Bei dem gerade erwähnten Satz ist allerdings ganz offenkundig der Wunsch heutiger Politiker der Vater des Gedankens. Das Zitat ist auch nicht exakt und authentisch nachweisbar. Zumal dieses Pseudo-Zitat mit einer Handlungsanweisung verbunden wird, die dem Wissen Bis-marcks um die russisch-ukrainischen Beziehungen diametral gegenüber steht: „Dafür soll man nur die Verräter unter der nationalen Elite finden und erziehen und mit deren Hilfe das Selbstbewusstsein eines Teils des großen Volks so ändern, dass es alles Russische, seine Ab-stammung hassen wird, ohne das zu bemerken. Alles Andere ist nur eine Frage der Zeit.“

Bismarcks Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf die Politik der Großmächte, die den pol-nisch-ukrainischen Raum im Interesse einer gesamteuropäischen Kräftebalance längst unter sich aufgeteilt hatten. Abenteuerlich interpretierte Konflikte zwischen nationalen Gruppen lagen außerhalb seiner Denkweise. Wie er wirklich und grundsätzlich zu Russland stand, dokumentiert ein Schreiben vom Juli 1887 im Zusammenhang mit dem Abschluss des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrags: „Der Hauptzweck unseres deutsch-russischen Vertrages bleibt für uns immer der, daß wir drei Jahre hindurch die Zusicherung haben, daß Russland neutral bleibt, wenn wir von Frankreich angegriffen werden. Einen Angriff Frankreichs auf Deutschland infolge innerer französischer Zustände und Vorgänge halte ich nach wie vor für die nächstliegende Wahrscheinlichkeit einer Friedensstörung in Europa; viel wahrscheinlicher als die eines russischen Orientkrieges.“

Noch präziser und differenzierter formulierte der Reichskanzler seine Position gegenüber Russland in einem Erlass an den deutschen Botschafter in Wien, Heinrich VII. Prinz zu Reue (jüngere Linie) vom 3. Mai 1888. Darin erteilte er allen Phantasien und Planspielen deutscher Generalstabsoffiziere über die Chancen und Möglichkeiten eines Krieges gegen Russland eine eindeutige Absage. Bismarck schrieb: „Selbst der günstigste Ausgang des Krieges würde niemals die Zersetzung der Hauptmacht Russlands zur Folge haben, welche auf den Millionen eigentlicher Russen griechischer Konfession beruht.“ Der Grund für diese Kraft, die natürlich auch die slawischen Ukrainer orthodoxen Glaubens einschloss, schien Bismarck eindeutig: „Diese würden, auch wenn durch Verträge getrennt, immer sich ebenso schnell wieder zusammenfinden, wie die Teile eines zerschnittenen Quecksilberkörpers. Dieses unzerstörbare Reich russischer Nation, stark durch sein Klima, seine Wüsten und seine Bedürfnislosigkeit, wie durch den Vorteil, nur Eine schutzbedürftige Grenze zu haben, würde nach seiner Niederlage unser geborener und revanchebedürftiger Gegner bleiben, genau wie das heutige Frankreich es im Westen ist.“

Bismarck wollte in keinem Fall die Verantwortung dafür übernehmen, diese ungeheure Kraft herauszufordern. Er argumentierte, dass es in den letzten 100 Jahren selbst den vereinten Kräften Österreichs, Preußens und Russlands nicht gelungen ist, durch die Teilungen des viel kleineren Polens das polnische Nationalbewusstsein zu ersticken. Darum empfahl er die alte lateinische Weisheit, wer den Frieden will, rüstet zum Kriege: „…wir werden meines Erach-tens immer am Besten thun, sie (die Russen) wie eine elementarisch vorhandene Gefahr zu behandeln, gegen die wir Schutzdeiche unterhalten, die wir aber nicht aus der Welt schaffen können.“ Ein inneres Bedürfnis nach Frieden und Eintracht mit Russland verbarg sich hinter diesen friedfreudigen Empfehlungen nicht, denn Bismarck fasste alle seine Gedanken in dem verräterischen Satz zusammen: „Durch einen Angriff auf das heutige Russland würden wir seinen Zusammenhang festigen; durch Abwarten seines Angriffs aber können wir seinen inneren Verfall und seine Zersetzung möglicher Weise früher erleben als seinen Angriff, und zwar umso früher, je weniger wir es durch Bedrohungen hindern, tiefer in die orientalische Sackgasse hineinzugehen.“

Das also war des Pudels Kern! Im Interesse einer ausgeglichenen europäischen Kräftebalance durch ein System von Bündnisverträgen zwischen den großen Reichen und Mächten könnten sich die Russen in Kriegen gegen das Osmanische Reich verausgaben. Bismarck selbst konnte im Ernstfall als „ehrlicher Makler“ und Friedensstifter die eigenen Wünsche geltend machen.

In diesem Sinne trat Bismarck auf dem Berliner Kongress von 1878 auf, bei dem die europäi-schen Großmächte die Ergebnisse des vorausgegangenen russisch-türkischen Kriegs korri-gierten. Unter diesen Gesichtspunkten wurde auch 1887 der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag abgeschlossen. Der Vertrag war für Bismarck, nachdem alle zuvor abgeschlossenen feierlichen Drei-Kaiser-Abkommen gescheitert waren, der letzte Notnagel für einen nur noch notdürftig aufrecht zu erhaltenden Frieden in Europa.

In den Jahren 1885/86 traten auf dem Balkan, in der „Bulgarischen Krise“, erneut machtpoli-tische Rivalitäten zwischen Österreich-Ungarn und dem Russischen Reich auf. Wie das bei den slawischen Völkern so ist. Die beiden Großreiche engagierten sich in einem serbisch-bulgarischen Krieg um Ostrumelien: Regionale Konflikte erweitern sich gerne zum Flächenbrand, wenn es den Göttern gefällt. Bismarck sah eine weitere Gefahr: Russlands sich stürmisch entwickelnde Industrie, namentlich der Eisenbahnbau, lockte Investoren besonders aus Frankreich an. Der Kanzler beobachtete mit Unbehagen, dass Russlands politische Annäherung an Frankreich seinem schönen Bündnissystem schadete. Nach den damaligen geostrategischen Denkweisen schloss die rus-sisch-französische Annäherung für das Deutsche Reich die Gefahr eines möglichen Zweifron-tenkriegs ein.

Gerade in dieser komplizierten Situation sah sich Bismarck einem gravierenden Problem gegenüber. Selbst die vorausgegangene Bündnispolitik hatte die seit Jahren im deutschen Volk von russenfeindlich gesinnten Kreisen gezüchtete Russophobie nicht dämpfen können. Eine restriktive Zollpolitik zum Nachteil des für Russland so wichtigen Getreideexports und Sanktionen im Devisenhandel taten ein Übriges. Erneut arbeitete Bismarck mit diplomatischem Druck. Er förderte ein internationales Mittelmeerabkommen, das Russland zu isolieren drohte, und erreichte dadurch dessen Zustimmung zu einem defensiven Neutralitätspakt.

Deutsch-russisches Geheimabkommen von 1887

Am 18. Juni 1887 unterzeichneten Bismarck und der russische Außenminister Giers das auf drei Jahre befristetes Geheimabkommen. Beide Seiten verpflichteten sich zu wohlwollender Neutralität im Kriegsfall, das heißt auf ein Stillhalten, falls Russland unprovoziert von Österreich-Ungarn sowie Deutschland unprovoziert von Frankreich angegriffen würde. Das Deutsche Reich erkannte die historischen Rechte Russlands auf dem Balkan, insbesondere in Bulgarien, an. Dadurch wurden deutsche oder russische Angriffskriege gegen Frankreich oder Österreich-Ungarn nicht berührt.

Ein „Ganz Geheimes Zusatzprotokoll“ versprach obendrein deutsche moralische und diplomatische Hilfe, falls Russland seine Rechte auf einen ungehinderten Zugang zum Mittelmehr verteidigen musste. Der ganze Rückversicherungsvertrag besaß einen doppelbödigen Charakter und stabilisierte die europäische Friedensordnung nicht wesentlich, weil Bismarck mit der gleichen Intensität den Zusammenschluss einer „Mittelmeerentente“ förderte, über die Großbritannien und Frankreich ihre Ambitionen im Mittelmeer wahrten, um ein „russisches Wagnis“ auf dem Balkan und in der Meerengenfrage zu verhindern.

Es ging nicht um strategische Visionen zur Stabilität eines befriedeten Europa, sondern die Diplomaten betrieben taktische Spiele, um den eigenen Ländern in einem kommenden großen Konflikt günstige Positionen zu ergattern. So wurde auch der heute wieder gerne reklamierte deutsch-russische Rückversicherungsvertrag von Bismarck als Teil des eigenen Systems komplizierter Hilfskonstruktionen verstanden, um den in Europa bereits damals drohenden Krieg zumindest aufzuschieben. Bismarck gab sich keinen Illusionen hin, der Vertrag könnte über den Tag hinaus Bestand haben.

Nach seiner Entlassung im Jahre 1890 musste er mit ansehen, und es überraschte ihn nicht, dass sein Nachfolger als Reichskanzler, Caprivi, und die neue Generation der deutschen Außenpolitiker um Friedrich August von Holstein und Bernhard von Bülow die russische Karte aus dem politischen Spiel nahmen, sich ganz auf die Blockbildung mit Österreich-Ungarn konzentrierten und höchstens noch Großbritannien als Joker zulassen wollten. Für sie schien es unmöglich, Russlands historisch begründete Ansprüche auf dem Balkan zu akzeptieren, wenn dabei de facto das Recht eines russischen Angriffs auf die Donaumonarchie festgeschrieben wurde. Der Rückversicherungsvertrag lief quasi mit Bismarcks Entlassung aus dem Staatsdienst aus, und er empfand es wie einen zusätzlichen Fußtritt, dass Kaiser Wilhelm II. die Verlängerung des Vertrags verweigerte.

Bismarcks nüchternes Kalkül fehlte bereits

Die russische Regierung versuchte einen Kompromiss und wollte auf das „Ganz Geheime Zusatzprotokoll“ verzichten. Doch Bismarcks nüchternes Kalkül fehlte bereits. Im Auswärtigen Amt verständigte man sich auf die Sprachregelung, ein Abkommen mit Russland in Be-zug auf den Balkan würde die Glaubwürdigkeit des Deutschen Reichs gegenüber den Verbündeten Österreich-Ungarn und Italien untergraben. Das war ein konstruiertes Scheinargument, denn niemand konnte sachlich begründen, warum der Rückversicherungsvertrag einem Dreierbund Deutschlands mit Österreich-Ungarn und Italien im Wege stehen sollte. Die altbekannte Regel, wenn es in Europa zum Krieg kommt, wird er durch irgendeine Dummheit auf dem Balkan ausgelöst, konnte hier nicht angewendet werden.

In Wirklichkeit lehnte Kaiser Wilhelm II. Bismarcks Politik kleiner diplomatischer Bündnis-schritte ab und vertrat die Ansicht, Deutschlands Sicherheit kann nur durch eine forcierte Hochrüstung gewährleistet werden. Die folgte tatsächlich auf dem Fuße. Welche Reaktionen die deutsche Verweigerungshaltung in Russland auslöste, interessierte den Kaiser wenig. Tatsächlich fühlte sich die russische Regierung durch die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags in die Ecke gedrängt und isoliert. Zumal Deutschland seine restriktive Handelspolitik gegenüber Russland verstärkte.

Die Folge: Russland sah sich nach anderen Koalitionspartnern um. Es fand in Frankreich offene Ohren und Banken. 1892 schloss man eine Militärkonvention, 1894 ein festes Bündnis. Damit trat die von Bismarck stets gefürchtete Zweifrontenlage für das Deutsche Reich ein. Mehr noch: Die europäischen Politiker gingen einen weiteren Schritt auf dem Wege hin zum Ersten Weltkrieg. Der alte Bismarck hatte nicht nur Freunde, und viele seiner politischen Entscheidungen waren fragwürdig, halten der historischen Kritik nicht stand. Seine bündnispolitischen Gedanken und Handlungen enthalten keine praktischen Anweisungen für die Gegenwart, denn sie entsprachen den konkreten politischen Bedingungen seiner Zeit. Lehrreich ist lediglich die Methode: Geduldig und unbeirrt die Kunst des Möglichen und der Kompromisse suchen, für das eigene Land, für Europa sowie unter strikter Beachtung der Interessen der Partner – auch Russlands.