Rassenforschung und Hitlers Liebe zu Weimar im Buch: "Der 'Mustergau'"

Rassenforschung an der Universität, unterirdische Geheimbauten und Raketenproduktion gehören zur Thüringer Geschichte ebenso wie Adolf Hitlers Liebe zu Weimar.

Im Weimarer Stadion sprach Adolf Hitler zum Gautag 1938 vor Zehntausenden Menschen. Foto: Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Stadtmuseum Erfurt

Foto: zgt

Erfurt. Im Buch "Der 'Mustergau' - Thüringen zur Zeit des Nationalsozialismus" untersucht Historiker Steffen Raßloff aus Erfurt, welche Rolle die Region zwischen 1918 und 1945 einnahm, wie kulturelles Erbe sich mit nationalsozialistischer Propaganda vermischte und welchen Widerstand es gab. Dabei legt er Wert darauf, dass auch der historisch interessierte Laie dem Geschehen gut folgen kann. Wir sprachen kurz vor der Buchveröffentlichung mit dem Autor.

Spielte Thüringen tatsächlich so eine große Rolle im Nationalsozialismus wie es der Buchtitel nahelegt?

Thüringen war in vielerlei Hinsicht ein Mustergau. Hier gelangten 1930 erstmals Nationalsozialisten auf Ministersessel. Gauleiter Fritz Sauckel bündelte die Werkzeuge der Macht in seinen Händen, er war Partei- und Regierungschef mit guten Kontakten zu Hitler. Noch heute sieht man ja den Größenwahn mitten in Weimar.

Spielen Sie auf das Gauforum an?

Es ist die einzige dieser Machtzentralen in Deutschland, die quasi fertig gebaut wurde. Es wurde ein Riesenklotz zwischen die schönen Gründerzeitbauten und die Altstadt gesetzt. Eine städtebauliche Katastrophe. Aber Sauckel wollte Weimar eben aus dem Erfurter Schatten holen. Da passte diese große Anlage gut ins Konzept, mit Glockenturm und einer "Halle der Volksgemeinschaft" mit Platz für 20.000 Menschen. Selbst im Krieg wurde daran noch weitergebaut. Heute ist das Landesverwaltungsamt in diesen Mauern untergebracht - und ein kribbelbuntes Einkaufszentrum. Ob dies der richtige Umgang mit so einem ambivalenten Erbe ist, muss jeder selber wissen. Dafür informiert die Gedenkstätte Buchenwald sehr gut über die NS-Geschichte.

Wieso war das KZ Buchenwald für Sauckel so wichtig?

Wegen des großen Prestigefaktors. Sauckel wollte unbedingt ein Großlager - mit SS-Standort. Und er sah den ökonomischen Nutzen. Sauckel wollte das Lager übrigens nicht verstecken, es sollte gut erreichbar sein. Es ist also Unsinn, wenn es manchmal heißt, dass ja niemand davon gewusst habe. Das Lager lag sozusagen im Naherholungsgebiet Ettersberg, das von Wanderwegen durchzogen war. Das ist ungefähr so, als hätte man ein Konzentrationslager in den Erfurter Steigerwald gebaut. Ähnlich erschreckend sind die Sprechchöre, die Anhänger des Führers mitten durch Weimar gerufen haben sollen.

Was wurde gerufen?

Genau weiß man es nicht. Aber in einem Band namens "Der Führer in Weimar", der 1938 veröffentlicht wurde, sind Sprechblasen ins Bild kopiert. Da heißt es unter anderem: "Lieber Führer geh nicht fort - Bleib an diesem schönen Ort!" oder "Lieber Führer, bitte, bitte - Lenk auf den Balkon die Schritte". Wie bei vielen Dingen muss man hier aufpassen, denn die Nazis waren Meister der Inszenierung. Auch beim Thema "Mustergau" ist nicht immer zwischen der propagandistischen Überhöhung und dem tatsächlichen Stellenwert von Ereignissen zu trennen. Viele Beobachtungen sprechen jedoch eine eindeutige Sprache.

Das "Hotel Elephant" in Weimar hat Adolf Hitler offenbar besonders zugesagt...

... was man nicht nur an den Bildern sieht, die ihn grüßend auf dem Balkon zeigen. Das Hotel wurde 1937/38 sogar neu aufgebaut - mit Führersuite.

Sind Sie zufrieden mit Aufarbeitung und Umgang mit der NS-Zeit in Thüringen?

In der DDR wurde das Dritte Reich ziemlich einseitig behandelt. Der Fokus lag klar auf dem kommunistischen Widerstand; eine seriöse wissenschaftliche Betrachtung erfolgte lange Zeit nicht.

Und nach der Wende?

Ab 1989 gab es in den neuen Ländern einiges aufzuholen in der Aufarbeitung der NS-Diktatur. Aber viele wollten den "Schmuddelkram" der Geschichte weiterhin nicht anfassen. In Weimar geschah dies umfassend erst 1999, im Kulturstadtjahr. Zuvor wurde Hitler lange Zeit hinter Schiller und Goethe versteckt. Dabei wurde das Goethe-Nationalmuseum mit Geld des Führers aufgebaut. Selbst Ende der 90er Jahre gab es Stimmen, die davor warnten, das Kapitel "Buchenwald" würde potenzielle Touristen abschrecken. Inzwischen hat man sich dem historischen Phänomen offensiv gestellt, die Gedenkstätte ist einer der meistbesuchten Orte in Thüringen. Man darf aber nicht vergessen, dass es beim "Mustergau" nicht nur um Weimar geht.

Eins der vielen Bilder im Buch zeigt ein riesiges Hakenkreuz auf der Wartburg. Wie kam es dazu?

Sauckel wollte die Wartburg zum "Kulturmittelpunkt des Reiches" machen. Auch hier sollte die Ausstrahlung des Kulturlandes für politische Zwecke missbraucht werden. Doch das Vorhaben schlug fehl. Eisenachs NSDAP-Kreisleiter Hermann Köhler ließ im April 1938 an die Stelle des Kreuzes auf dem Bergfried ein Hakenkreuz anbringen. Es gab viele Proteste. Sauckel ließ es nach wenigen Tagen wieder runternehmen. Schließlich wollte man es sich nicht mit zu vielen Leuten verscherzen.

Wurde auch das Hochschulwesen instrumentalisiert?

Oh ja. Die Universität Jena etwa hatte mit Karl Astel einige Jahre lang einen Rektor, der sich als "Rassenforscher" sah. Was dort gelehrt wurde, war völlig im Einklang mit der NS-Ideologie.

Welche Rolle spielte Thüringen im Zweiten Weltkrieg?

Es gab Pläne, nach denen Thüringen - zentral gelegen - die "letzte Festung des Dritten Reiches" werden sollte. V2-Raketen wurden unterirdisch im Kohn­stein nahe Nordhausen von KZ-Häftlingen gefertigt. Technik für den Massenmord in den Konzentrationslagern stammte aus Erfurt - wie man am Erinnerungsort "Topf & Söhne" sehen kann. Die Thüringer Ingenieure waren stolz darauf, es wurde gar ein Patent für Massenverbrennungsöfen angemeldet.

Was hat es mit dem mutmaßlichen Führerhauptquartier auf sich?

Zwischen Ohrdruf, Crawinkel und Arnstadt schlugen bis März 1945 etwa 20.000 Häftlinge einen riesigen Stollenkomplex aus dem Muschelkalk. Die SS mit ihrem Führungsstab in Luisenthal hatte hierfür ein Sperrgebiet rund um das ganze Jonastal gelegt. Vermutlich sollte die Anlage als letztes Führerhauptquartier dienen. Mehrere Indizien - Baupläne, Schriftwechsel - weisen jedenfalls darauf hin.

"Der 'Mustergau' - Thüringen zur Zeit des Nationalsozialismus" von Dr. Steffen Raßloff soll Montag, 17. November, erscheinen und kann ab sofort im Buchhandel vorbestellt werden. Bucher-Verlag, 144 Seiten, 19,99 Euro.

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