Studie der Uni Jena wider Klischees über Rechtsextremismus

Jena  Eine neue Studie der Universität Jena räumt mit Klischees zum Rechtsextremismus auf. Besonders anfällig für braunes Gedankengut sind demnach beispielsweise nicht einfach nur Arbeitslose, die in Plattenbauten wohnen.

Das Bild des dummen Nazis mit Glatze und Springerstiefeln ist überholt, zeigt eine Studie der Universität Jena. Rechtsextremismus betrifft alle Schichten der Gesellschaft. Foto: Bernd Thissen

Das Bild des dummen Nazis mit Glatze und Springerstiefeln ist überholt, zeigt eine Studie der Universität Jena. Rechtsextremismus betrifft alle Schichten der Gesellschaft. Foto: Bernd Thissen

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Eine neue Studie der Universität Jena räumt mit Klischees zum Rechtsextremismus auf. Besonders anfällig für braunes Gedankengut sind demnach beispielsweise nicht einfach nur Arbeitslose, die in Plattenbauten wohnen.

Das Forschungsprojekt der Uni hat verschiedene Faktoren identifiziert, die Menschen besonders anfällig für rechtsextremes Gedankengut machen. Dabei stellen die Forscher einige bisherige Erklärungsansätze dazu, warum Menschen zum Beispiel ausländerfeindliche Einstellungen haben, in Frage. „Nur auf die Arbeitslosigkeit in einer Region zu schauen, ist deutlich zu kurz gegriffen“, sagt Matthias Quent, einer der Autoren der Studie. Die Kausalitätskette Arbeitslosengeld-II-Empfänger – Plattenbau – Rechtsextremist gehe an der Wirklichkeit vorbei. Für die Studie haben die Soziologen den Einfluss von Rechtsextremen in Jena, Erfurt, Saalfeld und Kahla untersucht und gefragt, welche lokalen und regionalen Faktoren diesen Einfluss stärken oder hemmen.

Ein zentraler Faktor, der rechtsextreme Einstellungen tatsächlich begünstige, sei dagegen „die politische Kultur“, die in einer Kommune vorherrsche, sagt Quent. In Städten und Gemeinden, in denen sich die Menschen selbst als „abgehängt“ oder „verloren“ betrachten, hätten Neonazis und ihr rechtsextremes Gedankengut leichtes Spiel – und zwar eben weit jenseits der ärmeren Schichten der Bevölkerung. Die Studie zeige, sagt Quent, dass sehr oft Menschen aus der Mittelschicht große Angst davor haben, etwas von ihrem Wohlstand zu verlieren, wenn zum Beispiel Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Diese Angst könne sehr leicht in Rechtsextremismus umschlagen.

Mittelbar bestehe deshalb auch ein Zusammenhang zwischen der Finanzausstattung beziehungsweise der Haushaltlage der Kommunen und der Anfälligkeit der dort lebenden Menschen für braune Ideologien, sagt Quent. In Kommunen, die kein Geld mehr hätten, um in Straßen oder Kitas zu investieren, sei das Gefühl, vom Wohlstand Deutschlands abgehängt zu sein, besonders groß. Zudem hätten es Rechtsextreme dort besonders leicht, an Einfluss zu gewinnen, wenn sie zum Beispiel Jugendclubs betrieben, für deren Unterhalt die Stadt oder die Gemeinde kein Geld mehr habe. Quent betont aber auch, dass es keine einfachen, eindimensionalen Erklärungen für Rechtsextremismus gebe. Im Einzelfall seien immer mehrere Faktoren dafür verantwortlich, dass Rechtsextreme in bestimmten Regionen stärker seien – wie in Kahla oder Saalfeld – als in anderen – wie in Jena oder Erfurt.

Auch in Städten und Gemeinden, die bislang nicht durch viel beachtete Aktionen von Rechtsextremen aufgefallen sind, gibt es nach Einschätzung des Soziologen mindestens eine gewisse Anzahl von Menschen mit Neonazi-Einstellungen. „Es gibt keine nazifreie Stadt und kein nazifreies Dorf“, sagt Quent. Eine wichtige Frage sei deshalb, wie in den einzelnen Kommunen damit umgegangen werde, dass Menschen sich fremdenfeindlich bei politischen Veranstaltungen, am Stammtisch, in den Familien äußerten. Nach der Erfahrung aus Kahla etwa habe sich gezeigt, dass das Totschweigen extremistischer Strömungen kein Mittel im Kampf gegen Rechtsextremismus sei. In Jena dagegen habe man schon vor etwa 15 Jahren damit begonnen, offen über das Problem zu sprechen und sogar ein eigenes kommunales Programm gegen Rechtsextremismus aufgelegt. Das habe nicht nur die Zivilgesellschaft gestärkt, sondern Einfluss auf das Verhalten von Mitarbeitern der Stadtverwaltung und der örtlichen Polizei gehabt.

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