Thema Flüchtlinge: Wenn an Thüringer Schulen der Hass um sich greift

Erfurt  Rechte oder sogar rechtsextreme Parolen und Einstellungen gibt es auch an Schulen, in Thüringen ebenso wie in anderen Teilen Deutschlands. Nachdem solche Vorfälle aber in der Vergangenheit eher rückläufig waren, nimmt ihre Zahl seit Kurzem wieder zu.

In Zeiten von Pegida und AfD ist es kaum verwunderlich, dass Schulen wieder verstärkt mit Fremdenfeindlichkeit und Hass auf Andersdenkende konfrontiert sind. Symbolfoto: Henning Kaiser/dpa

In Zeiten von Pegida und AfD ist es kaum verwunderlich, dass Schulen wieder verstärkt mit Fremdenfeindlichkeit und Hass auf Andersdenkende konfrontiert sind. Symbolfoto: Henning Kaiser/dpa

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Die Bandbreite ist groß: Mal ist es ein einzelner, vielleicht leichtfertig dahin gesagter Satz während des Ethik-Unterrichts; mal ist es ein Aufsatz im Geschichtsunterricht, der von einem undemokratischen Tenor durchzogen ist; mal ist es ein Hakenkreuz auf der Schul-Toilette oder dem Tisch - rechte oder sogar rechtsextreme Parolen und Einstellungen gibt es auch an Schulen, in Thüringen ebenso wie in andern Teilen Deutschlands. Nachdem solche Vorfälle aber in der Vergangenheit - jedenfalls gefühlt - eher rückläufig waren, nimmt ihre Zahl seit Kurzem wieder zu; nicht nur gefühlt, sondern auch durch einige Zahlen zumindest vorsichtig untermauert. Sowohl im Thüringer Bildungsministerium als auch beim Thüringer Institut für Lehrerfortbildung (Thillm) ist man sich sicher, dass das mit der heftigen Debatte über die Flüchtlingskrise zu tun hat, die Deutschland seit Monaten bewegt.

Zu den Zahlen, die die subjektiven Beobachtungen vieler Lehrer untermauern, gehören diese hier: Nach Angaben des Sprechers des Thüringer Bildungsministerium, Gerd Schwinger, wurde in einem Rechtsextremismus-Meldesystem des Ministerium im Jahr 2014 nur ein einziger Vorfall eingetragen. Im vergangenen Jahr gab es dort dann zwölf entsprechende Vermerke. In diesem System, sagt Schwinger, würden Vorfälle erfasst, die „dezidiert rechtsextrem motiviert“ seien.

Angesichts dieser Entwicklung warnt Schwinger ebenso vor Panikmache wie davor, das Problem mit den rechten Parolen an Schulen kleinreden zu wollen. Einerseits, sagt er, sei es überzogen, aus der einen Zahl zu schlussfolgern, dass die Zahl der rechtsextremen Vorfälle an den Bildungseinrichtungen sich mehr als verzehnfacht habe. Gegen solche Verkürzungen spreche die Tatsache, dass es etwa 237.000 Thüringer Schüler gebe und angesichts dieser Zahl selbst die zwölf Vorfälle aus dem Jahr 2015 „sehr, sehr wenige“ seien. Andererseits, gelte es aber, jeden einzelnen dieser Vorfälle ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass auch die Schulen ein Spiegel der Gesellschaft seien. Vor allem seit September 2015, sagt Schwinger, erhalte man im Ministerium die Rückmeldung auf den Schulen, dass rechtes Gedankengut häufiger in Klassenzimmern, auf Schulhöfen und auch bei außerschulischen Veranstaltungen auftauche. „Das ist der politischen Diskussion geschuldet“, sagt Schwinger.

Steckt Dummheit dahinter oder politische Motivation?

Wichtig sei zudem, bei jedem dieser Fälle genau zu prüfen, ob dahinter jugendliche Dummheit oder eine eindeutige politische Motivation stehe. Zur eher gefühlten Seite der Zunahme des Problem gehört, dass das Thillm gemeinsam mit der Uni Jena an diesem Freitag eine Weiterbildung für 400 Studenten, Referendare und Lehrer zu Rechtsextremismus in der Schule anbietet - und die Veranstaltung nach Angaben des Thillm-Direktors Andreas Jantowski auf ein großes Interesse stößt, quer durch alle Schulformen hinweg. „Wir haben offenbar den Nerv der Zeit getroffen“, sagt Jantowski. Dass Hauptschulen von rechten Parolen häufiger betroffen seinen als zum Beispiel Gymnasien, will Jantowski nicht bestätigen.

Jantowski sagt, nach seiner Kenntnis gebe es zwar noch keine empirischen Studien dazu, inwieweit in Folge der Flüchtlingskrise rechte Parolen im Schul-Umfeld wieder häufiger auftauchten. Vor einigen Jahren waren es vor allem Schulhof-CDs rechtsextremer Parteien wie der NPD, die den Verantwortlichen an den Schulen Sorgen bereiteten. „Aber die Schüler bringen natürlich auch die politischen Einstellungen ihrer Eltern mit in die Klassenzimmer“, sagt Jantowski. In Zeiten von Pegida, AfD und angesichts der Werte des Thüringen Monitor, nach denen ein nicht kleiner Teil der Thüringer rechtspopulistische oder sogar rechtsextreme Einstellungen teilt, sei es kaum verwunderlich, dass Schulen wieder verstärkt mit Fremdenfeindlichkeit und Hass auf Andersdenkende konfrontiert seien. Allerdings nicht nur, weil Parolen von Schülern kommen (können), sondern auch weil ebenso Lehrer nicht immun gegen solche Ideologien seien oder solches Gedankengut vielleicht schon lange in sich trügen - siehe Thüringens AfD-Vorsitzender Björn Höcke, der vor seiner Zeit als Landtagsabgeordneter als Oberstudienrat lehrte.

Wie mit rechtsextremen Parolen in der Schule umzugehen ist, über genau diese Frage soll bei der Weiterbildung in Jena diskutiert werden. Grundsätzlich, sagt Jantowski, sei die Bandbreite der Reaktionsmöglichkeiten groß - von der pädagogischen Arbeit mit den Betroffenen bis hin zu repressive Maßnahmen gegen sie. Bei Schülern kann Letzteres zum Beispiel der Ausschluss vom Unterricht sein, bei Lehrern ein Disziplinarverfahren sowie eine Strafanzeigen. Den einen Königsweg im Umgang mit Hass und Menschenverachtung an Schulen dürfte es dabei kaum geben.

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