Thüringen springt bei Fachkräfteoffensive für Bund ein

Erfurt.  Die Bundesregierung hat das Geld für die Fachkräfteoffensive in diesem Jahr gestrichen. Thüringen bestreitet den zweiten Ausbildungsjahrgang nun aus eigenen Mitteln.

„Ich finde mich eins zu eins wieder“, betont Bildungsminister Helmut Holter (Linke) in Bezug auf den rot-rot-grünen Koalitionsvertrag.

„Ich finde mich eins zu eins wieder“, betont Bildungsminister Helmut Holter (Linke) in Bezug auf den rot-rot-grünen Koalitionsvertrag.

Foto: Martin Schutt / dpa

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Wer Helmut Holter in diesen Tagen trifft, erlebt einen Mann, den die rot-rot-grünen Streitigkeiten bei den Ressortzuschnitten eher am Rande interessieren. Der linke Bildungsminister weiß, dass es in seinem Verantwortungsbereich weiter viel zu tun gibt. Der Stundenausfall bleibt auf hohem Niveau. Lehrer fehlen, Erzieherinnen ebenso. Aber wenn Holter einen Blick auf den Koalitionsvertrag wirft, sagt er: „Ich bin zufrieden.“ Vier der knapp 70 Seiten handeln von frühkindlicher und schulischer Bildung, Jugendpolitik sowie Sport. „Ich finde mich eins zu eins wieder“, betont der Minister im Gespräch mit dieser Zeitung. Sein Arbeitsauftrag ist klar.

Dazu gehört wie immer der Kampf gegen den Pädagogennotstand, auch soll die Schulabbrecherquote gesenkt und freien Schulen mehr Geld gezahlt werden.

Aktuell treibt Holter zudem eine nicht eingehaltene Zusage des Bundes um. Sie betrifft die Fachkräfteoffensive, um ausreichend Erzieherinnennachwuchs zu finden. Dafür sollten deutschlandweit ab Mitte 2019 bis 2022 zusätzlich 300 Millionen Euro an Bundesmitteln fließen und 5000 vergütete Ausbildungsplätze gefördert werden. Auf Thüringen entfielen 121 Plätze.

Mehr als 400 Interessierte für 60 Ausbildungsplätze

Bisher führt der Weg in den Berufseinstieg in der Regel über eine vier- bis fünfjährige unbezahlte Ausbildung. Teils müssen die angehenden Erzieherinnen selbst Schulgeld bezahlen. Dauer und Kosten machen die Ausbildung jedoch äußerst unattraktiv.

In Thüringen wurde mit dem Geld vom Bund ab August vergangenen Jahres ein Modell mit zunächst 61 Plätzen für eine stärker praxisintegrierte Ausbildung (kurz „Pia“ genannt) gestartet, die nur noch drei Jahre dauert und vergütet ist.

Jetzt hat der Bund den Ländern Mitte Dezember mitgeteilt, dass das Geld 2020 für den zweiten Ausbildungsjahrgang nicht fließen wird, damit stünde er in Thüringen auf der Kippe. Aber Holter sieht die Notwendigkeit, hier am Ball zu bleiben. „Wir haben uns entschieden, dass die Freistaat die ausstehenden 60 Stellen für den nächsten Jahrgang aus eigenen Mitteln finanzieren wird“, kündigt er an. Darüber sei er bereits mit Finanzministerin Heike Taubert (SPD) im Gespräch. 2,75 Millionen Euro muss das Bildungsressort insgesamt zuschießen, in diesem Jahr werden 500.000 Euro fällig.

Dass das Geld gut investiert ist, zeigt sich für den Minister auch daran, dass es für die 60 Plätze „mehr als 400 Interessierte“ gibt und im zuständigen Referat des Bildungsministeriums bereits „die Telefone heiß klingeln“. „Die Förderung ermöglicht vielen, überhaupt erst einmal Erzieher zu werden, weil sie kein Schulgeld bezahlen müssen und auch kein Einkommen haben“, verdeutlicht Holter. Perspektivisch soll „Pia“ sogar zur Regel werden.

Erzieherinnen sollen die Möglichkeit bekommen, Vollzeit zu arbeiten

Gleichwohl auch die zusätzlichen 121 Erzieherinnen werden nicht ausreichen, um die Lücke im System in Kindergärten und Horten durch Altersabgänge und weiteren Bedarf angesichts steigender Kinderzahlen zu stopfen. Hinzu kommt, dass im Koalitionsvertrag die Ankündigung zu lesen ist, das Hortangebot auf die Klassen 5 und 6 erweitern zu wollen. „Zusätzlich werden wir allen Erzieherinnen und Erziehern das Angebot unterbreiten, ihre Beschäftigungsumfänge auf 100 Prozent zu erhöhen“, heißt es dort.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft scheint dieser Zusage nicht recht zu trauen. Zumindest hat sie für Mittwochabend unter dem Motto „Erleuchtung für die Landesregierung!” zu einer Kundgebung vor dem Landtag für bessere Arbeitsbedingungen in den Horten aufgerufen. Die zentralen Forderungen lauten: mehr Zeit für jedes einzelne Kind, bessere Unterstützung bei Inklusion und mindestens 80 Prozent Beschäftigungsumfang.

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