Umstrittener „Macher“: FDP-Spitzenkandidat Kemmerich im Porträt

Weimar  Thomas L. Kemmerich (54) setzt darauf, dass die FDP bei der Landtagswahl am Sonntag das „Zünglein an der Waage“ sein wird. Die Partei provoziert mit ihrer Kampagne.

FDP-Spitzenkandidat Thomas L. Kemmerich ist in seiner Partei längst nicht mehr so umstritten, wie noch vor einigen Jahren. Er will sie zurück in den Landtag führen.

FDP-Spitzenkandidat Thomas L. Kemmerich ist in seiner Partei längst nicht mehr so umstritten, wie noch vor einigen Jahren. Er will sie zurück in den Landtag führen.

Foto: Tino Zippel

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Eigentlich hat er keine wirkliche Chance. Zumal er zu den Umstrittenen im Freistaat gehört. Daran reiben sich manche, anderen gefällt genau diese „Macher“-Attitüde, die eigen ist. Thomas L. Kemmerich will das nutzen und hetzt seit Wochen von Wahlkampftermin zu Wahlkampftermin.

Weil die FDP unter den großen sechs die Kleinste ist, weiß der Liberale: Zuspitzen ist das Gebot der Stunde. In dieser Woche, der letzten vor der Thüringer Landtagswahl am Sonntag, heißt es für die FDP deshalb: Entweder schafft sie den Wiedereinzug in das Landesparlament oder die Regierung von Linken, SPD und Grünen kann eine weitere Legislatur fortgesetzt werden. „Das Zünglein an der Waage. Kleines Kreuz, große Wirkung.“ Diesen Slogan verbreiten sie seit einigen Tagen online – und egal wo man Kemmerich in Interviews hört, wird er nicht müde, das zu betonen.

FDP provoziert mit ihrer Kampagne

Die Demoskopen spielen dem FDP-Spitzenkandidaten genau diese Karte in die Hände, sehen seine Partei derzeit nicht oder knapp – je nach Umfrageinstitut – im Landtag. Alles ist auf den 54-Jährigen zugeschnitten – seine markanten Cowboy-Stiefel zieren ein Wahlplakat, seine Glatze ist Teil einer indirekten Anti-AfD-Kampagne („Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat“). Die FDP provoziert mit ihrer Kampagne. Sie weiß: Um wahrgenommen zu werden, muss sie laut sein. Daher kommen Slogans wie dieser: „Mehr Lehrer, als unseren Kindern lieb ist.“ Oder jener: „Die Polizei muss besser organisiert sein, als das Verbrechen.“ Vieles davon findet sich im „Kemmerich-Plan“ für Thüringen wieder.

Der sechsfache Familienvater gehört zur Gattung der Spitzenkandidaten, die nicht aus Thüringen stammen, sondern aus dem Westen, ihre Partei aber in jene wichtige Landtagswahl in Thüringen führen. 1989, ziemlich genau mit dem Tag des Mauerfalls, zieht es Thomas Karl Leonard Kemmerich nach Thüringen – er bleibt, wird Unternehmensberater und formt aus dem Dienstleistungskombinat „Friseur und Kosmetik“ sowie der PGH des Friseurhandwerks Weimar und Umgebung die Friseurkette Masson, die heute als Aktiengesellschaft mehr als 120 Mitarbeiter und 20 Filialen hat.

„Ein Loblied“ auf die konventionelle Landwirtschaft

Die Wendezeit führt ihn aber in einen Bereich, dem er bis heute nicht den Rücken zugedreht hat. Nach wie vor ist Kemmerich im Aufsichtsrat zweier landwirtschaftlicher Unternehmen. Die hat er in der Wendezeit, als der Übergang zur neuen Rechtsform zu organisieren war, beraten. Teilweise gehörte er zeitgleich zehn Aufsichtsräten an. „Wir haben damals die Umwandlungsprozesse moderiert“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Konventioneller Landwirtschaft steht der FDP-Spitzenkandidat positiv gegenüber. Er singe, sagt er, sogar „ein Loblied“ auf sie und sagt deshalb einen Satz, bei dem vor allem der Bauernverband aufhorchen wird: „Sollte die FDP in Regierungsverantwortung kommen, dann setze ich mich dafür ein, dass keine Grüne die Hand an das Landwirtschaftsministerium legt.“ Die Grünen wollten die Zuständigkeit für Landwirtschaft in Thüringen schon einmal, bekamen sie aber nicht. Kemmerich – dem selbst Ambitionen auf das Amt des Wirtschaftsministers nachgesagt werden – will, dass das beibehalten wird. Ob er ein Wörtchen mitsprechen wird?

Alt-Liberale schauen bis heute skeptisch auf Kemmerich

Die Mitglieder der Partei unterstützen ihren Spitzenkandidaten, wo es geht. Mit Abstand die meisten FDP-Plakate mit seinem Gesicht gibt es in Thüringen, von Christian Lindner über Wolfgang Kubicki und Linda Teuteberg tummelt sich alles, was die FDP bundespolitisch an Prominenz zu bieten hat. Unumstritten ist Kemmerich in der Partei nicht. Alt-Liberale schauen bis heute skeptisch auf den Mann, der erst unternehmerisch erfolgreich war und dann in die Politik gegangen ist.

Da steht der erste Versuch, den Landesvorsitz nach dem desaströsen Landtagswahlergebnis 2014 zu übernehmen. Uwe Barth, damals Vorsitzender, trat zurück und Kemmerich gegen Franka Hitzing an. Er unterlag knapp. Nur ein Jahr später wollte er einen Sonderparteitag – und kam im Vorstand damit durch. Allerdings fand der Parteitag nicht statt, weil bei sechs zu fünf Stimmen nicht die Mehrheit der gewählten Vorstände, sondern nur die der anwesenden Vorstandsmitglieder für einen Sonderparteitag mit Vorstandsneuwahl gestimmt hatten – dennoch: Hitzing, die für die FDP im Raum Nordhausen stets passable Ergebnisse erzielt hatte, gab entnervt auf. Dirk Bergner übernahm bis zur Neuwahl kommissarisch den Vorsitz der Partei und unterlag später deutlich gegen Kemmerich. Bergner ist bis heute – neben dem Jenaer Oberbürgermeister Thomas Nitzsche – sein Stellvertreter.

Und Kemmerich? Der holte bei seiner Nominierung 80 Prozent der Delegiertenstimmen, was eindrucksvoll untermauert, dass er nicht unumstritten im eigenen Verband ist. Der Unterstützung der Bundesspitze – und das trotz Brandbrief an Bundeschef Lindner, in dem Kemmerich den Parteikurs in Fragen von Migrations-, Klima- und Wirtschaftspolitik als unklar kritisierte – bleibt er gewiss.

Er sitzt derzeit fester im Sattel des Landesvorsitzenden als in vielen Jahren zuvor. Ob das so bleibt? Darüber denkt er derzeit nicht nach. Zu viel passiert um den Spitzenkandidaten herum.

Gerade erst hat er gute Kritiken für seinen Auftritt im TV-Duell erhalten, weil er als einziger Kandidat dem AfD-Rechtsaußen Björn Höcke offensiv die Stirn geboten und ihn offen attackiert hat. („Sie zeichnen ein Zerrbild von Thüringen“).

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Gleichwohl: Bei der Migrationspolitik macht auch Kemmerich-FDP immer mal wieder auf sich aufmerksam, in dem sie konsequente Abschiebung derer fordert, die kein Bleiberecht hätten. Kritiker machen ihn schnell zu einem Politiker, der mit der AfD gemeinsame Sache machen würde. Die Wahlkampagne belegt aber das Gegenteil. An seinem Privathaus musste der Liberale dennoch jüngst eine Drohung mutmaßlich aus dem linksextremen Milieu hinnehmen: „Wer die AfD unterstützt, der ist unser Feind“, stand geschmiert. Die Polizei ermittelt.

Kemmerich lobt die Beamten, die ihm und seiner Familie schnell ein Sicherheitsgefühl gegeben hätten, und spult weiter sein Mammut-Wahlkampfprogramm ab. Er will sich von dem Geschehen nicht einschüchtern lassen. Es sei, sagt er, keine Form der politischen Auseinandersetzung, die man akzeptiere. Als er das Gespräch mit unserer Zeitung beendet, sagt er: „Ich muss gleich wieder auf eine Bühne klettern,“ Und hetzt weiter von Termin zu Termin.

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