Von der Grünen Jugend zur AfD: Eine Frau im Hintergrund

Jena  Jana Schneider ist seit Sommer Vorsitzende des Thüringer Nachwuchses der umstrittenen Partei AfD.

Jana Schneider ist Landesvorsitzende der "Jungen Alternative", der Nachwuchsorganisation der AfD, und seit 2014 Parteimitglied. Foto: Fabian Klaus

Jana Schneider ist Landesvorsitzende der "Jungen Alternative", der Nachwuchsorganisation der AfD, und seit 2014 Parteimitglied. Foto: Fabian Klaus

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bei der AfD vermutet man die junge Frau nicht sofort. Zumindest dann nicht, wenn man sich von Äußerlichkeiten lenken lässt. Jana Schneider (23) gehört der Partei, deren Mitglieder mit ihren Aussagen stets am rechten bis ganz rechten Rand unterwegs sind, schon seit 2014 an. Sie ist da keine Ausnahme, wenn sie online fordert, Moscheen zu schließen und ausländische Muslime auszuweisen – so geschehen nach dem Terroranschlag in Paris.

In Thüringen und darüber hinaus kennt man die Frau aus Norddeutschland, die einst nach ihrem abgebrochenen Studium von Oldenburg nach Jena umzog. Eine Karriere in der Partei scheint programmiert. Schneider stehen die Türen offen. Erst im Sommer wurde sie zur Landesvorsitzenden der "Junge Alternative" (JA) gewählt und steht damit dem AfD-Nachwuchs in Thüringen vor. Gerade wird ein Landeskongress vorbereitet, bei dem ein Leitantrag verabschiedet werden soll.

Demut gegenüber einem Parteiamt

Als Mitarbeiterin der AfD-Landtagsabgeordneten Wiebke Muhsal, die ihre Vorgängerin bei der JA ist, sammelt sie Erfahrungen im politischen Alltagsgeschäft. Und verdient ihr Geld damit. Gerade an Jana Schneider werden Widersprüche innerhalb der AfD offenkundig. In einer Partei, die sich so vehement gegen politischen Karrierismus einsetzt, anerkannt zu werden, ist schon schwer. Gerade dann, wenn man wie Jana Schneider, auch finanziell abhängig ist. Als Muhsal-Mitarbeiterin verdient sie ihr Geld. Ausbildung? Studium? Jana Schneider spricht offen darüber, fragt man sie danach. Das Studium habe sie abgebrochen, eine Ausbildung kann sie nicht vorweisen. Deshalb geht sie selbstkritisch mit sich um und sagt: "Ich sehe das sehr kritisch, wenn Personen, so wie ich, von der Partei abhängig werden." Einen konkreten Plan B hat sie allerdings nicht. Die Selbstständigkeit ("Das wäre für mich gleichbedeutend mit einer Ausbildung oder einem Studium.") strebt Jana Schneider nach ihrer Zeit im Landtag an. Wie lange die andauert? Ungewiss. Deshalb sagt sie: "Demut gegenüber einer Funktion in einer Partei sollte vorhanden sein."

Damit ist sie dicht beim Landesvorsitzenden der AfD, Björn Höcke, der genau das zuletzt auf seiner Parteitagsrede in Arnstadt übermäßig deutlich betont hat und den sie unter anderen nennt als einen Grund für den Parteieintritt. Höcke habe seinerzeit ein Interview zu politischer Korrektheit gegeben, das sie überzeugte. Dennoch: Sie lebt im Hier und Jetzt, engagiert sich in der Partei und ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Interessengemeinschaft "Homosexuelle in der AfD", die bald zu einem AfD-nahen Verein werden soll. Jana Schneider ist lesbisch. Daraus macht sie keinen Hehl. Fühlt sie sich in einer Partei aufgehoben, die sich offen gegen Homosexualität positioniert? Jana Schneider will das genau so nicht stehen lassen. Sie fordert eine differenzierte Betrachtung ein. Dass der Landesvorsitzende Björn Höcke bei einem Bürgerdialog vom "Austreiben eines perversen Zeitgeistes" gesprochen hat, kritisiert sie nicht. Sie kenne ihn ja und wisse, wie das gemeint war.

Höcke kennen, damit ist Schneider, die ihn fast täglich im Landtag und in der Fraktion erlebt, privilegiert. Ein "normaler" Wähler kann das von sich nicht behaupten.

Darauf geht die junge Frau ein, ein leichter Anflug von Kritik am Landesvorsitzenden wird nun doch deutlich: "Ich wünsche mir manchmal ein bisschen mehr Differenziertheit." Im konkreten Fall, sagt Schneider, hätte es aus ihrer Sicht geholfen, wenn Höcke gesagt hätte, worauf er sich bezieht. Hat er allerdings nicht – und das ist kein Einzelfall. Auch sein Auftritt in Sachsen-Anhalt, als er vom bejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp gesprochen hat, ist ein solcher Fall. Schneider belässt es allerdings dabei, Höcke eine "rhetorische Unschärfe" zu bescheinigen und sagt, dass die Formulierung aus ihrer Sicht "zurecht von vielen Seiten kritisch gesehen wurde, wenngleich die Problematisierung des afrikanischen Migrationsdrucks nach Europa richtig war". Damit ist sie wieder dicht bei Höcke, der das allerdings in drastischere Worte zu kleiden pflegt.

"Moscheen schließen"? "Bewusste Provokation"

Sie selbst hat 2014 zur AfD gefunden. Vor allem online zeigen sich die Aktivitäten von Jana Schneider. Nach den Terroranschlägen in Belgien stellt sie auf ihrer Facebookseite ein Bild ein, auf dem auf der belgischen Flagge ein Maschinengewehr zu sehen ist. Nach den Anschlägen in Paris fordert sie, Moscheen zu schließen und holt zum Rundumschlag aus, als sie unter anderem schreibt "Ausländische Muslime ausweisen, Konten einfrieren" und systematische Hausdurchsuchungen verlangt. Hält man ihr, die ihre politische Heimat zunächst für wenige Monate bei der Grünen Jugend in ihrer Heimat sah, dieses Pauschalurteil vor, beeilt sich Schneider, von einer bewussten Provokation zu sprechen. Eigentlich, sagt sie, differenziere sie stets. In diesem Falle aber habe sie das nicht getan. Sie erwarte auch eine Reaktion und "eine Haltung von liberalen und säkularen Muslimen" zu solchen Anschlägen. Fühlten sich diese aber von ihren Worten angegriffen, "dann sind sie selbst schuld", sagt sie. Muslime sollten in ihre Gemeinden schauen und gegen Radikale etwas unternehmen.

Und dann geht es doch noch einmal um Flüchtlingspolitik: "Die Landesregierung hat ihr am Anfang einiges verschlafen." Jana Schneider spricht moderat, überlegt sich ihre Worte. Den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) greift aber doch verbal an. "Ich habe nicht den Eindruck, dass es ihm darum geht, zeitlich begrenzte Hilfe zu leisten." Er vermittle den Eindruck, alle Flüchtlinge mit einem Pass ausstatten zu wollen. Die Grenze zwischen Zuwanderer und Flüchtling dürfe aber nicht verschwimmen.

Wohlwissend, dass ihren Parteifreunden und auch ihr immer wieder rechtspopulistische Wortmeldungen nicht nur nachgesagt werden, sondern diese auch offen zutage treten, wählt Jana Schneider ihre Worte noch bewusste, als es im TLZ-Gespräch genau darum geht – und wieder spürt man, dass sie durchaus die Fähigkeit zur Selbstkritik besitzt. Der gesamte Bereich Rechtsextremismus werde von etablierten Parteien, so nennt Jana Schneider sie entgegen anderer AfD-Politiker, ausreichend beackert. "Linksextremismus und Islamismus hingegen werden vernachlässigt", meint sie. Eine Partei, in diesem Fall die AfD, brauche eben diese Alleinstellungsmerkmale. Eine klare Abgrenzung zum Rechtsextremismus fehle deshalb aber nicht. "Aber die AfD hat Nachholbedarf, wenn es darum geht den Rechtsextremismus auf dem Schirm zu haben und dagegen Konzepte zu entwickeln. Das muss die Partei in den nächsten Wochen und Monaten stärker beackern." Nach innen, sagt sie, sei das kein Problem. Sowohl AfD als auch JA hätten strikte Aufnahmekriterien – wer dem rechtsextremen Organisationen zuzuordnen sei, werde nicht aufgenommen.

Zumindest dann nicht, wenn das vorher bekannt werde. So, wie in einem Thüringer Fall: Die JA habe erst kürzlich einen Aufnahmeantrag eines Mitgliedes der Identitären Bewegung – sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet – abgelehnt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.