Walsmann trägt symbolträchtige Deutschland-Fahne bei Erfurter Demo

Das Bild verwundert: Marion Walsmann (CDU), die als junge Frau von 1986 an für die Block-CDU der Volkskammer angehörte, tritt bei der Erfurter Domplatz-Demo gegen Rot-Rot-Grün mit einer Deutschland-Fahne auf, auf der das Symbol von "Schwerter zu Pflugscharen" prangt.

Warum hält Marion Walsmann (CDU) eine Deutschland-Fahne mit dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" in der Hand? Bei der Demo am Sonntag auf dem Erfurter Domplatz stand die einstige Volkskammer-Abgeordnete der Block-CDU ganz vorn. Foto: Jan-Henrik Wiebe

Warum hält Marion Walsmann (CDU) eine Deutschland-Fahne mit dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen" in der Hand? Bei der Demo am Sonntag auf dem Erfurter Domplatz stand die einstige Volkskammer-Abgeordnete der Block-CDU ganz vorn. Foto: Jan-Henrik Wiebe

Foto: zgt

Erfurt. Dahinter steckt die Geschichte einer Frau, die einerseits als ehemalige Volkskammer-Abgeordnete der Ost-CDU das Etikett "Blockflöte" trägt und die andererseits im Bürgerkomitee war. Schon seit Jahren sagt sie: "Ich habe einen Riesenfehler gemacht, als ich mich 1986 habe überreden lassen, für die Volkskammer zur Verfügung zu stehen."

Das Foto mit Walsmann ist Teil der TLZ-Diaschau und eine Leserin reagierte schriftlich mit dem Hinweis: "Wie war das damals in der Volkskammer '89? Dort haben sie unter anderem eine Resolution mitgetragen, in der die brutale Zerschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 befürwortet wurde." Dass sich Walsmann jetzt mit "Schwerter zu Pflugscharen" schmücke, sollte ihr "nicht nur peinlich sein", es sei "im höchsten Maße taktlos denen gegenüber, die sich für "Schwerter zu Pflugscharen" eingesetzt haben", so der Online-Kommentar.

Marion Walsmann, darauf von der TLZ angesprochen, hat zwei Einwände: Erstens sei sie Mitglied des Bürgerkomitees gewesen und insofern berechtigt, das Transparent zu halten - und zweites sei in der Volkskammer über die Resolution zum Platz der Himmlischen Friedens nicht abgestimmt worden - wohlweislich, weil es bereits am Vorabend zu diesem Thema bei der CDU heftige Debatten gegeben habe. Überdies: Wer behaupte, dass sie dem Massaker zugestimmt habe, der müsse damit rechnen, dass sie den Rechtsweg beschreite.

In der Volkskammer hatte immer die SED das Sagen. Sie war ein Scheinparlament. 25 Jahre später ist die Situation eine andere. Der Gedanke der Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt, den hat Walsmann durchaus - auch deshalb, weil bei der Linken einzelne davon sprechen, dass sie eine andere Gesellschaft wollen. Walsmann will das nicht. Und sie bringt im TLZ-Gespräch die "Sorge" um "Meinungsfreiheit und demokratische Spielregeln" zum Ausdruck. Aber "Bodo geh heim" habe sie auf dem Domplatz nicht gerufen, sie habe gesungen - die Nationalhymne.

"Da hat der Mut gefehlt"

Die Linke, sagt Walsmann, habe im Kern nie mit der SED gebrochen, sondern sehe sich noch immer als Rechtsnachfolgerin. Die CDU dagegen habe sich in den neuen Ländern wiedergegründet. Die neuen Landesverbände seien als solche der CDU Deutschland 1990 beigetreten. Daher stelle sich die Frage der Rechtsidentität nicht, sagt Walsmann. Zudem habe es in der CDU - Anfang der 1990er Jahre noch zu Josef Duchacs Zeiten, aber angestoßen vor allem von anderen, besonders von Klaus Zeh - "eine ganz harte, klare Auseinandersetzung und eine klare Verantwortungsübernahme" gegeben, einschließlich personeller Konsequenzen.

Wenn Walsmann heute vorgehalten wird, sie hätte doch die Volkskammer lassen können, wendet Walsmann ein: "Da hat der Mut gefehlt." Und erklärt dies auch mit der familiären Erfahrung und der Angst, dass ihre Mutter womöglich den Großvater im Westen nicht mehr hätte wiedersehen können. Ihr Onkel war nach dem Mauerbau wegen Republikflucht ins Gefängnis gesperrt worden.

Walsmann sagt, Sozialistin sei sie nie gewesen. Womöglich aber sei sie einigermaßen naiv gewesen beim Gang in die Volkskammer: Dass das kein Parlament im eigentlichen Sinne war, sei ihr erst klar geworden, als sie dort schon Mitglied war. "Ich habe stückchenweise gemerkt, dass dieses scheinbar so demokratische Parlament so undemokratisch war", sagt sie.

Walsmann sagt selbst, dass "Biografien nicht so einfach" seien, also nicht immer gradlinig, nicht bei jedem von Anfang an auf Opposition ausgerichtet. "Aber meine Anstrengung war es, mich in das Bürgerkomitee einzubringen und zu sagen: ‚Jetzt hat Demokratie eine Chance‘", erläutert sie und verweist auf den Erfurter Matthias Büchner, mit dem sie damals zusammengearbeitet hat. Büchner war jetzt auch bei der Demo gegen Rot-Rot-Grün auf dem Erfurter Domplatz dabei.

Hilfreicher Ausweis

Ihr Volkskammer-Ausweis soll damals ganz bewusst eingesetzt worden sein - so beim Gang in die Stasi und zum Einsammeln der Waffen dort, erinnert sich Walsmann an den Wendewinter vor 25 Jahren. Sie sagt über die Zeit damals, die sie als einen "Neustart" empfand, dass sie "aus der Volkskammer heraus" das Bürgerkomitee unterstützt habe. Sie habe erlebt, wie Stasi-Chef Erich Mielke stammelte: "Ich liebe doch alle." Das war vier Tage nach der Maueröffnung - "und in dieser Sitzung bot sich ein erbärmliches Bild". Ganz klar sei gewesen, dass nun eine Institution nötig würde, um diese "Übergangszeit zu meistern". Das geschah am zentralen Runden Tisch. Walsmann, damals 26 Jahre jung, wirkte dort für die CDU und mit ihren Mitstreitern ging es ihr jetzt um "das Ziel, die damalige Regierung der DDR zu entmachten", wie sie sagt. Zudem hat Walsmann am Wahl- und Parteiengesetz mitgearbeitet, das nötig war für die ersten freien Wahlen im März 1990. In der Zeit habe sie sich heftige Wortgefechte geliefert mit Gregor Gysi, der gegen den vorgezogenen Wahltermin war.

So wie Walsmann einen neuen Weg beschritten hat, billigt sie dies auch Linken zu, die damals in der SED waren. Aber: "Ich verstehe nicht, warum die Linke immer wieder so viel Wert darauf gelegt hat, dass sie rechtsidentisch mit der SED sei." Für Walsmann heißt das: "Kein Abstand. Keine Aufarbeitung. Keine Erklärung zu den Mauertoten. Und Inkaufnahme, dass Stasi-IMs einen eventuellen Ministerpräsidenten mitwählen könnten." Walsmann sieht sich mit diesen Zweifeln nicht allein - und das hat nicht nur mit den 4000 Menschen vom Sonntag zu tun. Sie werde auch von vielen aus ihrem Wahlkreis angesprochen, die "entsetzt" seien darüber, dass Rot-Rot-Grün sich jetzt - 25 Jahre nach dem Fall der Mauer - anschicke, die Regierung zu übernehmen.

Die große Demo gegen Rot-Rot-Grün in Erfurt - eine Bilanz

4000 Thüringer demonstrierten in Erfurt gegen Rot-Rot-Grün

'Für Rot-Rot-Grün sind wir '89 nicht auf die Straße gegangen!'

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.