Weimar-Dialog: Roland Jahn erinnert sich an Volkskammerwahl von 1990

"Es war ein Tag der Genugtuung, denn es ging von dieser Wahl auch international das Signal aus: Diktatur ist überwindbar", erinnert sich der jetzige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen und damalige Fernseh-Journalist Roland Jahn an den 18. März 1990.

Kommt zum Weimar-Dialog und spricht über den 18. März 1990: Roland Jahn, Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Kommt zum Weimar-Dialog und spricht über den 18. März 1990: Roland Jahn, Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Berlin/Weimar. 18. März 1990: Roland Jahn arbeitet bei der ARD - und an diesem Wahlabend in Ost-Berlin ist er dafür zuständig, Ibrahim Böhme vor die Kamera zu holen. Doch die ersten Hochrechnungen trafen Böhme hart: Die SPD lag bei Umfragen vor der ersten freien Wahl in der DDR auf Platz 1, am Ende aber siegte die Allianz für Deutschland mit Lothar de Maiziere. Um den 18. März 1990 und die Zeit davor geht es beim Weimar-Dialog am Sonntag, 15. März. Mit dabei: Roland Jahn, gebürtiger Jenaer, aus der DDR zwangsausgebürgert, dann Fernseh-Journalist in West-Berlin und jetzt Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

Sie sind aus der DDR zwangsausgebürgert worden - und als endlich in der DDR frei gewählt werden durften, hatte Sie als Westberliner kein Recht, Ihre Stimme abzugeben. Was bedeutete Ihnen der Wahltag?

Es war ein Tag der Genugtuung, denn es ging von dieser Wahl auch international das Signal aus: Diktatur ist überwindbar. Und es war vor allem ein Tag, an dem die Menschen selbst bestimmen konnten - und das durch das Wahlrecht, das sie sich selbst auf der Straße erkämpft hatten. Der Ruf nach freien Wahlen hat ja den Herbst 1989 bestimmt. Deshalb war es ein tolles Erlebnis, an diesem Tag in Ost-Berlin dabei zu sein, auch wenn ich selbst nicht wählen konnte.

Sie waren als Journalist für die ARD im Einsatz und haben Ibrahim Böhme zum Studio im Palast der Republik geleitet. Warum gerade ihn?

Ich kannte ihn wegen meiner Verbindung zur DDR-Opposition. Böhme hatte ja lange in Greiz gelebt. Mein ARD-Kollege Peter Wensierski war bei Lothar de Maiziere.

Wussten Sie zu der Zeit schon, dass Ibrahim Böhme ein Stasi-Zuträger war?

Es gab immer mal Gerüchte, aber Gerüchte gab es damals über viele Leute - und gerade bei Ibrahim Böhme konnte man sich das nicht vorstellen. An diesem Abend war er der niedergeschlagene Kandidat um den Ministerpräsidentenposten - und wenige Tage später war er der enttarnte Stasispitzel.

Diese Wahl war eigentlich erst für den Mai 1990 vorgesehen. Dann wurde der Termin auf den 18. März vorverlegt. Wer hat das veranlasst?

Bürgerrechtler und die Modrow-Regierung haben sich in der Nacht des 28. Januar darauf geeinigt. Ich habe die Dynamik gespürt in der Phase bis zur Wahl, als ja die Vertreter der Opposition in die Regierung aufgenommen wurden. Spürbar war das Machtvakuum in dieser Zeit des Übergangs. Viele wollten mitreden, aber keiner hatte ganz konkrete Verantwortung. Deswegen war es wichtig, dass das Volk endlich selbst bestimmte und denen, die entscheiden sollten - etwa auch über die Frage zum Umgang mit den Stasi-Akten -, eine staatliche Legitimierung zu geben.

Der 18. März 1990 war als Wahltermin also nicht zu früh?

Nein. Es standen so viele Fragen im Raum - gerade auch in wirtschaftlicher Hinsicht: Währungsunion, Deutsche Einheit... Es wurde dafür ja weiter demonstriert: Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr. Denken Sie nur an die Kofferdemo mit Zehntausenden Menschen am 21. Januar im Eichsfeld. Das hat gezeigt, wie groß der Handlungsbedarf war.

Und welche Rolle spielte Hans Modrow in dieser Zeit?

Er war ein Mann des Übergangs. Mit dem Runden Tisch war das Signal klar: Die SED hat ihre Macht abzugeben. Die oppositionellen Kräfte in der DDR wollten rechtsstaatliche Regeln haben und dadurch hatte dann auch die SED eine Chance, sich an der Wahl zu beteiligen.

Modrow hatte in der SED Karriere gemacht - und galt doch plötzlich vielen als der gute Mann aus Dresden...

Westliche Medien haben versucht, ihn als Reformer darzustellen. Er war aber vor allem auch verantwortlich für Unrecht, für Wahlfälschung. Jeder hat seine Verantwortung für das, was er getan oder unterlassen hat. Als Erster Sekretär der Bezirksleitung war Modrow verantwortlich für das, was in den ersten Oktobertagen 1989 am Bahnhof in Dresden passiert. Da wurden Demonstranten blutig geschlagen.

Modrow betont in der Rückschau, dass er zusammen mit Michail Gorbatschow Anfang Februar 1990 den Drei-Stufen-Plan auf dem Weg zur Einheit besprochen habe. Und Gorbatschow genießt hierzulande ein sehr viel höheres Ansehen als jeder SED-Kader...

Gorbatschow hat seine Verdienste - vor allem auch für Reformen in der Sowjetunion. Aber er steht auch in der Verantwortung für all das, was jahrzehntelang an Unrecht durch seine Partei geschehen ist. Und bei Modrow ist das ähnlich: Ja, er steht für die Bereitschaft zur Veränderung. Und er hat Veränderung auf den Weg gebracht. Aber er kann nicht entlassen werden aus der Verantwortung für das Unrecht, das unter seiner Führung im Bezirk Dresden jahrelang geschehen ist.

Am 18. März 1990 sind 93,4 Prozent zur Wahl gegangen. Beinahe unglaublich, oder?

Diese Wahlbeteiligung drückt aus, wie sehr der Demokratisierungsprozess die Menschen damals bewegt hat. Sie haben die Freiheit gespürt und das haben sie mit ihrer Stimmabgabe auch ausgedrückt.

Heute kann man zufrieden sein, wenn jeder Zweite sein Wahlrecht in Anspruch nimmt. Ist das fatal?

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen zur Wahl gehen. Denn wer daran teilnimmt, der stärkt die Demokratie. Aber es gehört auch zur Freiheit zu entscheiden, ob ich wähle oder nicht.

Die Partei Modrows, die ja erst wenige Wochen zuvor ihren Wandel von der SED zur PDS eingeläutet hatte, erhielt am 18. März 1990 mehr als 16 Prozent und landete auf Platz drei. Erstaunlich, oder?

Die PDS hat versucht, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Und die Revolutionäre 1989 haben nicht nur sich selbst befreit, sondern auch die SED. Diese Chance haben manche in der SED genutzt, um ihre Partei zu verändern. das muss man anerkennen. Aber die entscheidenden Grundfragen nach der Gesellschaft haben sie unter dem damals neuen Parteivorsitzenden Gregor Gysi immer noch mit der Idee des Sozialismus beantwortet. Und sie haben sich auch nicht genug der Verantwortung der Vergangenheit gestellt. Das wird am deutlichsten, wenn wir über Geld reden: Wo sind denn die vielen Millionen aus dem SED-Vermögen hin?

Der damalige Grünen-Politiker Otto Schily - später SPD - kommentierte das Wahlergebnis am 18. März 1990 auf seine Art: Er hielt eine Banane in die Fernsehkameras...

Dabei gehört genau das zur Freiheit: Die Menschen entscheiden sich für das, was sie wollen. Wählerbeschimpfung ist nie gut.

Vor allem die West-SPD hatte sich nach diesem kurzen, heftigen Wahlkampf, den sie wie die CDU auf DDR-Gebiet mit geführt hatte, mehr versprochen... Es war ja kein DDR-interner Wettstreit, oder?

Nein. Natürlich hat die Bundesrepublik Deutschland in ihrem Auftreten der Parteien diese Wahl mitbestimmt. Aber das Wahlergebnis selbst war ja auch ein klares Bekenntnis zur deutschen Einheit.

Wie haben Sie sich in dieser Zeit eigentlich gefühlt: Als Ossi, als Wessi oder als ein Grenzgänger zwischen diesen Welten?

Ich habe seitdem ich nach meinem Rauswurf aus der DDR in West-Berlin war, in einer Zerrissenheit gelebt zwischen Ost und West. Ich habe gemerkt, dass in mir auch etwas von deutscher Einheit steckt. Und deshalb war mir auch bewusst, dass diese Volkskammerwahl nur eine Zwischenetappe sein würde. Es war für uns alle das Beste, dass dieser Weg zur deutschen Einheit dann so schnell wie möglich gegangen worden ist.

Weimar-Dialog: Öffentliche Debatte zur Wahl vor 25 Jahren

Klassik Stiftung, Kulturdienst und TLZ wollen mit hochkarätigen Gesprächspartnern und Zeitzeugen auf die prägenden Ereignisse im Jahr 1990 zurückblicken. Zum Auftakt lautet das Thema: "Auf dem Weg zur Einheit - Die erste freie Volkskammerwahl." 25 Jahre danach soll erklärt und hinterfragt werden, was damals geschah. Am 18. März 1990 ging fast jeder DDR-Bürger zur Stimmabgabe. Das Ergebnis war vor allem für die SPD ernüchternd: Nicht die neuen Kräfte obsiegte, sondern die Allianz für Deutschland. Die PDS, die gerade noch SED geheißen hatte, errang Platz 3.

Beim Weimar-Dialog mit dabei: Hans Modrow, Ministerpräsident der Übergangsregierung und zuvor jahrzehntelanger SED-Funktionär, der gebürtige Jenaer und jetzige Bundesbeauftragter der Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, und die Jenaer Rechtsanwältin und DA-Mitgründerin Brigitta Kögler. Sie werden auf die Zeit ­zwischen Mauerfall und Wahl kritisch zurückblicken. Kögler hatte in der DDR vorläufiges Berufsverbot erhalten. Sie ­gehörte 1989/90zum Zentralen Runden Tisch in Berlin.

Die Moderation übernehmen erneut Martin Kranz (Kulturdienst GmbH) und Gerlinde Sommer (stellvertretende TLZ-Chefredakteurin). Die einführenden Worte spricht der Hausherr, Klassikpräsident Hellmut Seemann.

Weimar-Dialog: Hans Modrow über die DDR, freie Wahlen und die PDS

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren