Weimarer Reden: Erhard Eppler zu den Widersprüchen in der EU

"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", sagte einst Helmut Schmidt, Deutschlands gefühlter Alterspräsident. Gut, dass sich Erhard Eppler gegen den Arzt entschieden hat und nach Weimar ins Deutsche Nationaltheater gekommen ist, um die Frage "Quo vadis, Europa?" zu beantworten.

Nicht zufrieden mit einem Europa, dessen Selbstverständnis nur der gemeinsame Markt ist: Erhard Eppler, langjähriges Mitglied der SPD-Grundwertekommission, des Bundesvorstandes und früherer Bundesminister sprach am Sonntag im Nationaltheater. Foto: Maik Schuck

Nicht zufrieden mit einem Europa, dessen Selbstverständnis nur der gemeinsame Markt ist: Erhard Eppler, langjähriges Mitglied der SPD-Grundwertekommission, des Bundesvorstandes und früherer Bundesminister sprach am Sonntag im Nationaltheater. Foto: Maik Schuck

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Weimar. Nicht, dass unbedingt jeder die gleiche Vorstellung von Europa haben müsste, wie der zurückhaltend auftretende 85-Jährige - aber immerhin konnte er Ideen vorweisen und Widersprüche im Handeln der aktuell verantwortlichen Eliten aufzeigen.

Seine Ideen sind nicht gerade denen der Bundeskanzlerin ähnlich, die ihre Regierung und die EU-Kommission "mit der Peitsche hinterher" lässt - hinter den Problemstaaten der Europäischen Union. Immer wieder spricht Eppler über Griechenland und dass dem Land Unglaubliches abverlangt werde. Da hat der frühere SPD-Vordenker nicht unrecht - allerdings greifen seine Argumente hin und wieder zu kurz. Er gibt - wie es im Moment nicht nur bei Eppler populär ist - "den Finanzmärkten" die Schuld. Das, so Eppler, bringe eine Demokratie-Krise mit sich. Was die Bürger wollten, spiele eine immer geringere Rolle in den Erwägungen der Politik. Zudem sei die Europäische Union selbst ein widersprüchliches Gebilde: Einerseits wolle man im Orchester der großen mitspielen, auf Augenhöhe mit China oder den USA - was wegen mächtiger Spekulanten auch nötig sei. Andererseits werde innerhalb der EU nicht auf Einheit, sondern auf Wettbewerb gesetzt: Und der "geht nicht ab ohne Misstrauen".

Letztlich traue also kein Staat dem anderen so richtig über den Weg, schlussfolgert Eppler. Das Wettbewerbsprinzip in der Union sei also "eine Schnapsidee"; es bedürfe der Hinwendung zum Prinzip der Solidarität und zu mehr politischer Union. Das sind starke Argumente, welche er zur Entkräftung des Marktradikalismus heranzieht. Allein, wenn es etwa an Griechenland geht, wird es ein wenig holprig. Da hört es sich so an, als habe sich das Land mehr durch göttliche Fügung oder unbekannte Verschwörer so derartig in Schulden gestürzt, dass jetzt der Bankrott bevorsteht. In Hellas waren es aber nicht die Finanzmärkte, die vor Wahlen üppige Steuergeschenke verteilt und Panzer aus Deutschland gekauft haben.

Eppler wünscht sich nun, dass Angela Merkel, die EU-Kommission und die sogenannte Troika nicht mit der bereits zitierten Peitsche hinter den Griechen stehen mögen, sondern mit einer Vision für ein solidarisches Europa voranschreiten, also führen durch Vorbild und eben nicht durch Antreiben und Fordern. Glaubt man dem lange dauernden Applaus, den Eppler für seine humanistischen Ansichten nach dem Vortrag bekam, dann hat er einige hundert Thüringer auf seiner Seite. Manche der Ansichten wirkten allerdings etwas naiv: Eppler möchte die Euro-Bonds und kritisiert die Kanzlerin, dass sie das kategorisch abgelehnt hat. Er fordert langfristig tragfähige Lösungen und moniert die Trippelschritte der Politik bei der Lösung drängender Probleme. Am Ende hat auch er nur Lösungen zu bieten, die kurzfristig gar nicht umzusetzen wären (Eurobonds) oder zu nebulös bleiben (Solidarität).

Nein, das war nicht der abschließende und alles erhellende Debattenbeitrag. Aber es war wundervoll, einen Menschen zu hören und dabei zu spüren, wie ihm das Projekt Europa am Herzen liegt, wie es in ihm brennt, weil Europa derzeit ohne wirkliche Vision geführt wird. Womöglich hat er beigetragen, eine breite Debatte über die Zukunft Europas anzustoßen - auch wenn sie vielleicht nicht ganz so ausgeht, wie Eppler es wünscht.

Weimarer Reden 2012: Zur Zukunft der EU und zu ihrer Identität

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