Ausstellung: Als das Molsdorfer Schloss noch ein Kinderheim war

Erfurt  Im Erfurter Stadtteil Molsdorf wäre fast ein Kapitel der Geschichte des Anwesens verloren gegangen. Nun wird dort eine Ausstellung der besonderen Art eröffnet.

Ringelreihen im Park: Das Schloss Molsdorf, in dem von 1951 bis 1958 das Kinderheim „Rosa Luxemburg“ untergebracht war, ist im Hintergrund zu sehen.

Ringelreihen im Park: Das Schloss Molsdorf, in dem von 1951 bis 1958 das Kinderheim „Rosa Luxemburg“ untergebracht war, ist im Hintergrund zu sehen.

Foto: Archiv Schlossmuseum Molsdorf/Ch. Krause

Dort, wo das Licht der Kronleuchter besonders fein strahlt und die Tapeten erlesen sind, liegt der Marmorsaal im Schloss. In barocken Zeiten feierte hier der Reichsgraf Gustav Adolf von Gotter (1692 bis 1762) verschwenderisch das Leben, die Liebe und den Genuss.

Zwei Jahrhunderte später stand in eben jenem Saal eine Rutsche, auf der Kinder mit großem Spaß abwärts sausen konnten. Eine Anekdote, die Restauratoren die Haare zu Berge stehen lassen mag. Es ist aber auch eine Momentaufnahme aus dem Leben eines Mädchens, das längst eine Frau geworden ist. Die Begebenheit stammt aus den 1950er-Jahren, als das Schloss im heutigen Erfurter Stadtteil Molsdorf das Kinderheim „Rosa Luxemburg“ beherbergte.

Diese und andere Begebenheiten hat Silke Opitz, Kuratorin an den Erfurter Kunstmuseen, gesammelt. Denn neben Gotters Glanzjahren und dem Intermezzo der Gräfin Maria von Gneisenau von 1909 bis 1923 gibt es ein bislang unbekanntes Kapitel in der Geschichte des Schlosses Molsdorf, das sie freilegen wollte. Genauer gesagt ist von den Jahren 1951 bis 1958 die Rede.

Darauf gestoßen war Silke Opitz, als sie im Schlossarchiv die Notizen einer früheren Erzieherin fand. Weitere Recherchen förderten knappe Informationen zutage. Nachfragen bei Ämtern und Behörden: Fehlanzeige. Das änderte sich, als sich bei Silke Opitz nach dem Erscheinen eines Zeitungsbeitrags Erzieherinnen und Kinder von damals meldeten und unzählige Fragen zum Heim hatten - Fragen, die sie nicht beantworten konnte.

„Es gab ein großes Informationsbedürfnis, und um dieses zu stillen, wollte ich Kinder und Erzieherinnen zusammenbringen“, sagt Silke Opitz. Dass sich am Ende all das zu einem Projekt - am Samstag, 24. August, wird in Molsdorf die Ausstellung „Schlosskinder“ eröffnet - runden würde, hatte die Kuratorin gehofft, garantieren konnte ihr das keiner.

Eine Schlossidylle inmitten der frühen DDR? Hier nimmt eine Recherche ihren Anfang, die auf ein heikles Terrain führt. Die Heimbewohner waren nicht einfach nur Kinder, sondern immer auch Kinder dieses Staates und damit Teil seines Fürsorgesystems. Das entfaltete bereits in den Anfangsjahren der DDR, um die es hier geht, seine ideologischen Wirkungen. Die Kollektiverziehung hatte einen hohen Stellenwert.

Nach damaligem Verständnis war es ausreichend, den Kindern gute Erziehungsbedingungen äußerlicher Art wie Essen, Beschäftigung und hygienische Versorgung zu bieten. Die Bedeutung von Bezugspersonen, die emotionale Zuwendung geben, verkannte man - mit drastischen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder. Wie die ideologischen Vorgaben dann praktisch umgesetzt wurden, hing aber immer auch von den Erzieherinnen vor Ort ab. Es gab gute und weniger gute. Wie überall.

Inzwischen liegen eine Menge Statistiken und Studien vor; sie untersuchen die Schicksale von Menschen, die ihre Kinder- und Jugendjahre in DDR-Heimen oder Jugendwerkhöfen verbrachten und die Unvorstellbares erlebten, weil dort Gewalt, Drangsalierungen und Missbrauch zum Alltag gehörten.

Heim in Molsdorf konnte bis zu 60 Kinder aufnehmen

Silke Opitz hat all das recherchiert und gelesen. Sie betrachtet das Thema als Kunsthistorikerin, sie hatte eine besondere Form der Aufarbeitung im Sinn. „Es geht mir nicht nur darum, der Molsdorfer Schloss-Geschichte ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Es sind die Geschichten der realen Personen, die mich interessieren und die ich vor dem historischen und speziellen Ort - in diesem Fall reichen ja die Biografien bis in die Gegenwart - künstlerisch-dokumentarisch zusammenbringen will.“

Fünf Erzieherinnen, die damals zwischen 17 und Anfang 20 waren und gerade ihre Ausbildung beendet hatten, meldeten sich bei Silke Opitz. Die Kuratorin lud sie und sieben Kinder, die einst das Heim bewohnten, im vergangenen Jahr ins Schloss Molsdorf ein. Heute sind die Kinder von damals um die 60, die Erzieherinnen zwischen Anfang 80 und an die 90.

Es sei ein Treffen gewesen, geprägt von Neugier, Fragen und Interesse, ohne Vorwürfe, erzählt Silke Opitz. Traurige, gar traumatische Erinnerungen habe ein Mann in dieser Runde angedeutet, Genaueres sei aber unausgesprochen geblieben. Später erreichten sie Briefe, in denen Kinder von damals etwa vom Schmerz der Trennung von ihren Eltern berichten.

Danach erlaubten die Erzählungen, angereichert um die dürftigen Resultate der Aktenrecherchen, einen Grobentwurf der Molsdorfer Kinderheimgeschichte im Wissen um viele blinde Flecken: Offenbar konnte das Heim bis zu 60 Kinder aufnehmen. Die Mädchen und Jungen, die hier für kürzere oder längere Zeit lebten, waren im Vorschulalter, also zwischen drei und sechs Jahren alt. Das erklärt auch, warum ihre Erinnerungen weniger umfangreich sind als die ihrer Betreuerinnen. Neben den Erzieherinnen trafen die Kinder dort auch auf die Leiterin, Hilfserzieherinnen, eine Köchin und eine Näherin, die für die Nähstube zuständig war.

Die Gründe, warum die Kinder nach Molsdorf kamen, sind vielfältig. Manche wurden in den Nachkriegswirren, im Zuge von Flucht oder Vertreibung, Waisen. Andere kamen, weil etwa nach dem Tod der Mutter der Vater nicht mehr für die Kinder sorgen konnte oder wollte. Manche wurden ihren Eltern entzogen, weil diese alkoholabhängig oder gewalttätig waren, seltener aus politischen Grünen.

Es gab Eltern, die in den Westen gingen und ihre Kinder zurückließen. Andere Mütter und Väter arbeiteten unter der Woche auswärts und brachten ihre Söhne und Töchter solange im Heim unter. „Die Frage: Warum haben mich meine Eltern weggegeben?, bleibt für viele ein Trauma“, sagt Silke Opitz.

Die Kuratorin nennt „Erinnerungsschnipsel“ das, was ihr die Kinder von damals erzählt haben. Da gibt es die Tochter des Friseurs, die Grimassen machen sollte, während ihr Vater den Heimkindern die Haare schnitt. Das Mädchen, das dort wohnte, weil die Mutter Erzieherin war und älter als die anderen Kinder, erinnert sich an die Rutsche im Marmorsaal.

Diese Erinnerungen sind Schlaglichter auf die Vergangenheit, sie lassen sich aber nicht hochrechnen zu glücklichen Kinderheimjahren, zu unglücklichen auch nicht. Jede Geschichte ist eine andere.

„Die Heimkinder von damals erinnern sich an fantastisches Spielzeug und gutes Essen. Sie erinnern sich auch an Bestrafungsprogramme“, erzählt Silke Opitz. Einige hätten noch gewusst, dass sie in den früheren Ruheraum der Gräfin Gneisenau im Dachgeschoss des Schlosses eingesperrt wurden. In-der-Ecke-Stehen sei auch an der Tagesordnung gewesen. „Die Erzieherinnen sagten bei dem Treffen: Heute würde man viele Dinge anders machen.“

All diese Erinnerungen aber im Schlossarchiv abzulegen, kam für Silke Opitz nicht in Betracht: „Mir geht es vor allem um das öffentliche Sichtbarmachen des Materials.“ In Mats Staub fand die Kuratorin einen Verbündeten. Er ist ein Erinnerungskünstler, der aus der Schweiz stammt, in Berlin lebt und seit 14 Jahren mit seinen Projekten zwischen Adelaide, Sankt Petersburg und Weimar unterwegs ist.

Er befragt seine Gesprächspartner und archiviert die Erinnerungen in Audio-Ausstellungen und Video-Installationen, angesiedelt zwischen journalistischem Interview und Performance. Für das Kinderheim-Projekt befragte er die Erzieherinnen, spielte ihnen später das bearbeitete Toninterview vor und filmte sie beim Zuhören. Das Video ist in der „Schlosskinder“-Schau zu sehen.

Im Jahr 1958 gingen nach Silke Opitz’ Recherchen die Geschichte des Kinderheims „Rosa Luxemburg“ im Molsdorfer Schloss zu Ende. Erzieherinnen und Kinder zogen nach Erfurt in die Andersen-Nexö-Straße um.

  • Die Ausstellung wird am Samstag, 24. August, 16 Uhr im Schlossmuseum Molsdorf eröffnet (bis Sonntag, 17. November). Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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