"Denkmal Ost-Moderne II": Die Bezirksparteischule als Hotspot für die Kunst

An der Bauhaus-Universität beginnt heute eine Tagung zu brisanten Fragen des Denkmalschutzes.

Zeugnisse einer vergangenen Epoche: Die Häuserfront am Juri-Gagarin-Ring in Erfurt Foto: Peter Michaelis

Zeugnisse einer vergangenen Epoche: Die Häuserfront am Juri-Gagarin-Ring in Erfurt Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Mit viel Leidenschaft hat ein Team um Mark Escherich ein Symposium zur DDR-Architektur organisiert, das von heute an der Bauhaus-Universität stattfindet, 180 Experten aus ganz Deutschland kommen. Escherich ist Mitarbeiter am Lehrstuhl Denkmalpflege und Baugeschichte und arbeitet als Denkmalschützer in Erfurt. Wir sprachen mit ihm.

Bei der DDR-Architektur entwickeln die Thüringer kaum Ostalgie. Sind sie noch zu nah an ihrer Vergangenheit, zu dicht dran an den niedrigen Zimmerhöhen? Riechen sie noch das Linoleum und stoßen sich im Geiste an der "Küchendurchreiche"?

Ich komme aus Gotha und habe nie in einem Plattenbau gelebt. Vielleicht romantisiere ich daher dieses Thema ein bisschen ... Unsere Arbeit an der Bauhaus-Universität hat aber gar nichts mit Ostalgie zu tun. Hier geht es darum, Zeugnisse einer Epoche zu erhalten, die es gegeben hat, 40 Jahre lang. Dieser Prozess, die Nachkriegsmoderne zu konservieren, ist ein Prozess, der zur Zeit in ganz Europa stattfindet. Der große Architekt Le Corbusier hat auch zu Beton gegriffen. Der Betonbau wurde regelrecht herbeigesehnt.

Ob Ost oder West, bei DDR-Gebäuden aus den 60ern bis 80ern haben die meisten leider die "Platte" im Kopf, auch, weil es so viel davon gab ...

"Plattenbau" ist auch nicht die richtige Bezeichnung für diese Bauweise. Ich weiß nicht, wer diesen Begriff überhaupt geprägt hat. Eine Platte ist immer nur horizontal, hat also mit dem Wohnungsbau wenig zu tun. In der Architektur wird diese Bauweise "Großtafelbauweise" genannt.

Ihr Lehrstuhl widmet sich ja eher den ungewöhnlicheren Bauwerken, die auch, wie der Wohnungsbau, meist Typenbauten waren, vervielfältigt und wenig individuell. Geht es hier um die Ästhetik?

Gebaute Architektur, Häuser, die Städte sind unsere Heimat, unsere eigene Geschichte. Wir reden hier nicht über die Hochkultur, über die Kunst in den Galerien, über Theater, Oper. Architektur ist Kulturgeschichte und betrifft jeden Menschen, ob arm oder reich. An gebauter Architektur laufen wir täglich vorbei und freuen oder ärgern uns. Architektur ist Alltagskultur. Und wenn wir Glück haben, ist sie noch dazu schön. Sie prägt die Zeit, in der sie gebaut wurde, und sie wird durch das jeweilige System geprägt.

Der Abrissbirne sind nicht nur Wohnhäuser in schrumpfenden Städten gewichen, auch mustergültige Architekturkunst, jüngst: die Berliner "Galerie M" in Marzahn von Wolf-Rüdiger Eisentraut. Es gab außer ihr nur noch ein ausschließlich für Ausstellungszwecke gebautes Haus. Also ist der Bau schon allein seiner Funktion wegen einzigartig ...

Es geht bei unserer Tagung nicht darum, dass DDR-Architektur sanierungswürdig ist. Das stellen wir gar nicht in Frage. Es geht darum, wie man das am besten anstellt.

Wer kann das sagen?

Es kommen nicht nur Wissenschaftler zu Wort, sondern auch Leute aus der Praxis, Landeskonservatoren, Denkmalpfleger, Architekten, die von ihren "neuen", einzigartigen Erfahrungen berichten, aus Dresden, Chemnitz, Thüringen.

Gibt es da wirklich neue Erkenntnisse?

Warum wir über die Praxis reden wollen, hat auch damit zu tun, dass Zweifel bestehen, ob man denn die richtigen Gebäude aussucht und diese erfolgreich sanieren kann. Ist die Originalsubstanz überhaupt erhaltbar? Wie sieht es aus mit Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und so weiter. Wie man Barock und Gründerzeit gut saniert, ist doch klar. Aber über hochwertige Konservierung dieser sehr jungen Bauepoche wissen wir noch nicht viel.

Die Forscher und die Denkmalpfleger - reden die denn sonst viel miteinander?

Die Denkmalbehörden hatten nach der Wende und bis heute wenig Zeit, sich mit einzelnen Architekturen oder städtebaulichen Ensembles dieser Epoche zu beschäftigen. Das ist unser Part. Die Denkmalpfleger geben Recherchen bei den Forschern in Auftrag. Dass es mehr Schnittmengen zwischen den Hochschulen und den Denkmalämtern gibt, da soll es hingehen.

Welche Chancen außerhalb dieses Symposium sehen Sie denn für mehr Öffentlichkeit?

Eine Architektur kann auch erhaltenswürdig sein, wenn man sich darüber streitet, so wie sich Kulturhistoriker und Architekten mit Privatinvestoren und der Stadt im Jahr 2000 um die Erhaltung des Berliner Ahornblattes gestritten haben.

Das war der Anstoß, dass Ulrich Müther, der Erfinder der Betonschalen, heute fast als Star gehandelt wird und jedes seiner Bauwerke saniert wird?

Darüber zu reden, ist das eine. Vergessene Orte durch Künstler zu bespielen, das andere. In Weimar gibt es den Studiengang "Kunst im öffentlichen Raum". Die Studenten haben aus der Bezirksparteischule in Erfurt einen Hotspot gemacht, Performances aufgeführt oder Filme gezeigt. Plötzlich bekommt der Ort wieder eine Bedeutung für das Heute, aber auch für die Vergangenheit.

Zur Tagung

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